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Florence and the Machine im Interview: "Das Album ist ein Exorzismus"

Vor zwei Jahren haben Florence and the Machine die Musikszene erobert. Nun folgt mit "Ceremonials" Album Nummer zwei. Ein Gespräch über Dämonen, Mode und Anti-Angst-Medikamente.

Von Sophie Albers

(Weil sie so müde ist, spielen wir ein Spiel: Florence Welch sagt, was ihr spontan zu einem Wort einfällt) Schönheit?
Ich bin da sehr empfindlich. Wenn ich etwas schön finde, kann es mich komplett überwältigen: wie das Licht einen Baum trifft oder wie der Himmel über der London Bridge strahlt. Das Banale kann magisch sein! Einfach nur die Augen aufzumachen, kann sehr großartig sein. (lautes Lachen) Du verlierst vielleicht häufiger als andere deine Schlüssel, aber du entdeckst auch mehr Schönheit an seltsamen Orten!

Freiheit?
Mit dem Fahrrad über die London Bridge fahren! Der Himmel öffnet sich, du hast den Fluss unter dir, und alles ist möglich! Und ich muss aufpassen, dass ich nicht die Augem schließe. Das kann gefährlich sein.

Emanzipation?
Hm, wir leben in seltsamen Zeiten für Frauen. Einerseits sind wir mächtig und haben eine starke Präsenz in der Musikindustrie. Andererseits werden wir immer noch in einen Topf geschmissen und etikettiert als "Frauen". Als sei das wichtiger als unsere Musik und unsere Kreativität.

Mode?
Mode ist Eskapismus, ein Traum, Voyeurismus. Für mich geht es darum, sich zu verkleiden, jemand anderes zu werden. Wie du dich anziehst, ändert auch, wie du dich fühlst. Für mich geht es dabei vor allem um die Fantasie.

Sie haben mal gesagt "Wenn du in Mode bist, kannst du auch außer Mode kommen"...
Oh ja, deshalb macht es mir Angst, wenn Leute mich als "modisch" bezeichnen. Man sollte seinen eigenen Stil entwickeln, einen eigene Sinn für Identität. Es ging mir nie darum, "im Trend" zu liegen. Zum Glück hat das auch nie jemand von mir gefordert. Auch nicht musikalisch. So lange du deinem Kern treu bleibst, ist es egal, wenn sie dich plötzlich nicht mehr mögen, weil du immer noch du selbst bist und machen kannst, was du liebst. Aber wenn du etwas an dir selbst änderst und dann in Ungnade fällst, das ist hart.

Amerika?
Im Augenblick Jetlag. (lacht) Alles dort ist größer! Wir haben alles ein bisschen kleiner gedacht, und in Amerika wurde es aufgeblasen (Macht Comicgeräusche und deutet mit den Armen einen Ballon an) Aber ich bin ja auch halb Amerikanerin, deshalb heißt es für mich auch Familie und Nostalgie. Es ist ein seltsamer Mix.

Drama?
Ich mag Musical und Theater, die ganzen großen Momente voller Gefühl, in denen sich alles entscheidet. Liebe sollte eine lange Note sein... Wie soll ich das beschreiben?! Im Leben bin ich aber keine Dramaqueen. Oder?
(Dreht den Kopf zu ihrer Assistentin, die ohne vom Blackberry aufzusehen sagt: Sie mag keine Konfrontation!)
In Kleidung und Songs mag ich Drama, ja. Aber ich mag keinen Streit. Gestern beim Videodreh haben sich der Kameramann und der Regisseur gestritten, während ich auf so einem Teppich lag und die Position halten musste, und ich hab so gelitten. Ich spüre das in mir selbst. Ich werde ziemlich schnell panisch (Wieder Comicgeräusche) Und dann ist es das Ende der Welt! Wenn ich etwas fühle – egal was – dann riesengroß!

Wollten Sie das je ändern?
Ich habe mal überlegt, Anti-Angst-Medikamente zu nehmen. Vor allem nachdem meine Schwester gesagt hat, ich sei ihr zu viel. Aber dann habe ich gedacht, das gehört doch alles zu meinem kreativen Prozess. Zu meiner Fähigkeit, die Gefühle auf der Bühne zu nutzen. Da kontrolliere ich sie ja, und nicht sie mich. Und wenn ich eine gute Show hatte, bin ich hinter wirklich sehr ruhig und entspannt. Das ist wie ein Exorzismus.

Hört man das auch in der Musik?
"Ceremonials" hat härtere Kanten. Es geht mehr um die Schlacht zwischen Gut und Böse, Himmel und Hölle. Beim ersten Album habe ich mehr Zeit mit den Elfen verbracht, jetzt kämpfe ich.

Sind die Dämonen die gleichen wie früher?
Musik ist immer eine Katharsis, das Austreiben von Fehlern und Problemen, Dinge, für die ich mich schuldig fühle, die ich aber nicht direkt ansprechen will. Ich habe immer das Gefühl, ein Song ist etwas, das du einer Person sagen willst, aber du musst es Tausenden vorsingen.

Und haben die Richtigen Sie verstanden?
Nein! Ich will ja nicht, dass sie wissen, dass ich sie meine.

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