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Gitte Haenning: "Ich war auch zickig"

Mit "Ich will 'nen Cowboy als Mann" hatte Gitte Haenning 1963 ihren Durchbruch in Deutschland. Seit über 50 Jahre steht sie auf der Bühne. Im stern.de-Interview erzählt die 60-Jährige, wie ihr Vater sie zur Karriere als Kinderstar zwang und über den Spagat zwischen Schlager- und Jazzmusik.

Was ist das für ein Gefühl, einen Film über das eigene Leben zu sehen?

Ich kann damit nicht gut umgehen und verstehe auch nicht, dass man mich gut zwei Stunden lang im Fernsehen ertragen will. Aber ich habe eingewilligt, weil ich bereits Angebote bekam, meine Memoiren zu schreiben. Doch die möchte ich erst in Angriff nehmen, wenn ich die nötige Reife besitze und mich schriftlich besser ausdrücken kann.

Dann sehen Sie die Dokumentation also als Zwischenbilanz?

Auf jeden Fall. Ich werde in den nächsten Jahren hoffentlich noch viel erleben, lustige Dinge, über die der Leser genauso lachen soll wie ich.

Sie haben in ihrem Leben viel gegeben, haben Sie auch alles bekommen?

(Lacht) Offensichtlich nicht. Ich habe wirklich viel bekommen, aber auf der anderen Seite bin ich immer noch auf der Suche.

Was fehlt denn noch?

Meine Ausdrucksform muss sich noch verändern. Ich finde mich lange nicht so souverän wie es der Betrachter vielleicht sieht. Als Interpret oder Showmädchen war ich nie richtig mit mir zufrieden. Ich bin häufig zu zögerlich, ganz selten mache ich mich sichtbar. Ich bin mein eigener Betrachter und reflektiere häufig mein Verhalten.

Ihr Vater hat Sie damals als Achtjährige ins Showgeschäft gelockt. Mit welchen Mitteln hat er die damals unwillige Gitte gefügig gemacht?

Erstmal muss ich sagen, dass mein Vater mit mir seine unerfüllten Wünsche wahr machen wollte. Die Karriere meines Vaters war ja nicht vergleichbar mit meiner - also suchte er sich ein süßes Vehikel, um sie voran zu treiben. Als sich der Erfolg einstellte, versprach er mir ein Fahrrad, damit ich weitermache. Aber auch sein autoritäres Verhalten war ein gewisser Antrieb für mich - es gab halt immer Zuckerbrot und Peitsche.

Was war besonders negativ am schnellen Ruhm?

Als Kind trägt man eine gewisse Leichtigkeit in sich. Die verfliegt aber ganz schnell, wenn man wie ein Erwachsener denken soll. Du fühlst dich dann einfach leer.

Gab es Freunde im Schlagerzirkus, denen Sie sich damals anvertrauen konnten?

Ich war da eher distanziert, ich hatte meine Freunde ja in Kopenhagen. Das sind in der Regel Jazz und Rock’n’Roll-Musiker gewesen. In Deutschland gab es da eigentlich keine Kummerkasten-Tante.

Ihr Herz gehört dem Jazz, aber in Deutschland gelten Sie bis heute als Schlagersängerin. Fühlen Sie sich missverstanden?

In meiner Jugend war das anders, da gab es diese Freiräume nicht. In Deutschland habe ich meine Liedchen mit Rex Gildo aufgenommen, in Kopenhagen bin ich mit den besten dänischen Jazzmusikern in Clubs aufgetreten. Dinah Washington, Ella Fitzgerald und Lena Horn waren für mich Ikonen.

Ihre Schwester und Mutter hätten ebenfalls im Showbusiness arbeiten können.

Oh ja, meine Mutter war eine talentierte Schauspielerin. Sie opferte aber den Beruf für die Familie. Meine Schwester wurde gar nicht erst gefragt, denn sie war schon älter und damit nicht mehr der kleine, süße Fratz. Sie hätte vermutlich ebenso erfolgreich wie ich werden können, denn sie besitzt viel Talent.

Sie haben einmal gesagt, dass man als Kinderstar zickig wird. Welche Allüren hatte Gitte als sie klein war.

Och…ich war auch zickig. Schließlich hatte ich immer die Rolle als süße, kleine Sängerin auszufüllen. Aber irgendwann verspürte ich keine Lust mehr und wollte die Grenze überschreiten, einfach mal in andere Charaktere schlüpfen. Und wenn es dann heißt, dass Du aber bitteschön die kleine Fee spielen sollst, geht Dir das schon auf die Nerven.

Wollten Sie jemals mit ihrer Schwester tauschen?

Nein, schließlich bin ich immer noch die "Kleine" und deshalb darf ich auch immer chaotisch bleiben. Aber ich sehne mich schon ein wenig danach, was sie im Leben hat. Zum Beispiel ihre Familie - die kann sie manchmal herrlich tyrannisieren.

Heute gibt es viele Casting-Shows, in denen Jugendliche sich den großen Traum der Pop-Karriere erfüllen wollen. Was halten Sie davon?

Diese Art von Sendungen sprechen mich nicht an. Aber ich kann durchaus die Faszination verstehen, die von Formaten wie "Popstars" ausgeht. Gestern habe ich im Fernsehen ein Konzert der Jazzkantine gesehen. Diese tolle Kombination aus Jazz und HipHop geht mir echt unter die Haut. Genauso wie Roger Cicero, der fantastischen deutschen Swing produziert. Das sind beides gute Beispiele für organische Verbindungen - und da liegt auch der Unterschied zu dem klinischen TV-Format: Musik muss sexy und lässig sein, das fehlt den Mädels und Jungs in den Casting-Shows.

Stellen Sie sich einmal vor, dass Dieter Bohlen über ihr Gesangstalent entscheiden müsste...

Bohlen geht gar nicht. Der ist absolut nicht meine Abteilung.

Sie waren während ihrer Karriere oft am Boden und trotzdem wollten die Fans sie immer wieder hören. Warum?

Ich glaube, ich hatte und habe den Menschen etwas zu geben, das weit über die Musik hinausgeht. Ich kann Ihnen aber nicht sagen, was es genau ist. Wahrscheinlich ein bestimmtes Gefühl.

Hatten Sie nie die Angst, wie viele ihrer Schlagerkollegen betrunken bei Einweihungen von Einkaufspassagen aufzutreten?

Wäre das geschehen und die Menschen hätten mich vergessen, wäre das auch gerecht gewesen. Jeder bekommt das, was er verdient.

Ist Applaus eine Droge, die Sie benötigen?

Das ist für mich irgendwie ambivalent. Ich habe Applaus viel zu früh bekommen und mich immer gewundert, warum die Menschen klatschen. Jetzt ist es verdammt schwer, sich darüber zu freuen. Ich freue mich nur dann, wenn es qualitativ wertvoller Applaus ist.

Ihre Fans haben jeden neuen musikalischen Trend von Ihnen mitgetragen. Waren Sie glücklich darüber?

Nicht wirklich, denn das Publikum soll ja nicht über den Künstler bestimmen. Ich muss klug genug sein, die Menschen immer wieder zu überraschen und mitzuziehen. Wenn man sich zu sehr vom Publikum leiten lässt, verliert man sich selber.

Warum sind Sie für auch für viele jüngere Frauen eine Art Vorbild?

Ich vermute, weil ich das Leben einfach aufrecht durch gestanden habe. Frauen machen schwierige kulturelle und politische Veränderungen in einem Land mit, da brauchen sie schon Galionsfiguren. Ich war oder bin eine dieser Figuren, denn ich bin nie mit dem Strom geschwommen. Zum Beispiel leben mein Partner und ich in getrennten Wohnungen, das ist mit 60 Jahren nicht unbedingt normal.

Interview: Thomas Soltau

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