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Interview mit Joachim Kaiser: Viel mehr als "wunderbar"

"Zauberflöte" oder "Cosi fan tutte"? Barenboim oder Harnoncourt? Brendel oder Lang Lang? Joachim Kaiser, Doyen der deutschen Musikkritik, sagt, was man von Mozart kennen sollte - und warum Mozart alles andere als leichte Kost ist.

Herr Professor Kaiser, wird Mozart seinen 250. Geburtstag überleben?

So weit sind wir noch nicht, dass wir Unsterbliche zugrunde richten können. Ich denke doch, dass eine Gesellschaft, die ein bisschen innere Kultur hat, ihrer Leitbilder gerade in dürftiger Zeit ruhig gedenken soll.

Wie viele neue Mozartbücher stapeln sich auf Ihrem Schreibtisch?

Das wäre nun wirklich ein Grund, sich auf der Herrentoilette zu erhängen: mindestens 30. Übrigens fällt mir auf, dass fast nur über sein Leben geschrieben wird. Mozart war ja in gewisser Weise Gott sei Dank nicht fein. Und das gibt biografisch viel her. Freilich ist seine Musik umso reiner. Doch über die erfährt man nur wenig Neues.

Woran liegt das?

Mozart ist wahrscheinlich der beliebteste Klassik-Komponist. Aber viele Mozart-Kommentatoren können über seine Musik kaum etwas anderes vorbringen als "wunderbar", "schön" oder "wie festlich". Über die erlesene Distanz seiner Musik lässt sich kaum konkret sprechen. Gewiss, man kann sich über die Opern-Figuren unterhalten. Aber die Streichquintette, die Streichquartette, die Violinsonaten, die ich für schöner halte als die Klaviersonaten, die kommen im öffentlichen Diskurs kaum vor.

Was lieben die Leute an Mozart?

Seine unvergleichliche Anmut. Dass er in einer eher finsteren Welt "das ganz andere" darstellt. Sein Gefühl für Proportionen. Mozart hat auch etwas ausgesprochen Spirituelles. Wenn man niedergeschlagen ist, kann ein Mozart-Streichquartett der wirkungsvollste Trost sein.

Es scheint nicht bloß schwierig, über Mozart zu sprechen, sondern auch, ihn zu spielen. Der Pianist Artur Schnabel formulierte das Bonmot, Mozarts Sonaten seien für Kinder zu leicht und für Pianisten zu schwer.

Tatsächlich gleicht die richtige Mozart-Interpretation der Quadratur des Kreises: Wenn man zu viel Espressivo gibt, wird es leicht zu dick und klingt wie Brahms. Will man hingegen nicht romantisieren, dann kommt oft dieser etüdige und seelenlose Schreibmaschinen-Mozart heraus. Da die Mitte zu finden scheint nahezu unmöglich. Ich glaube - gerade weil Mozart-Interpretation so heikel ist und weil man sich in seine Musik nicht hineinsteigern kann wie in einen depressiven Brahms -, dass die Leute, die ihn spielen, gefestigte musikalische Charaktere sein und etwas Substantielles zu sagen haben müssen.

Wer ist der beste Mozart-Dirigent?

Gott, sie machen es alle ganz ordentlich. Bruno Walter, der leider unterschätzte Hans Schmidt-Isserstedt, auch Wolfgang Sawallisch wussten schon, welche innere Gespanntheit das "Wiener Espressivo" benötigt. Bei den Opern beeindruckte Solti. Einmal habe ich von Leonard Bernstein und den Wiener Philharmonikern die Jupiter-Symphonie und übrigens auch das von ihm selbst poetisch gespielte B-Dur Klavierkonzert KV 450 unvergesslich schön gehört.

Und Nikolaus Harnoncourt?

Harnoncourt hat für die Welt den "Idomeneo" entdeckt. Es war für mich eine Offenbarung, was das für eine großartig freie, chromatische, tonmalerische Musik ist, zumal in den kühnen Rezitativen.

Barenboim?

Bei ihm ist Mozart in besten Händen. Wenn Barenboim ein Mozart-Adagio spielt oder dirigiert, dann entsteht Größe. Auch Riccardo Muti schätze ich als guten Mozart-Dirigenten, zumal der "Seria"-Opern.

Schwer zu spielen, schwer zu kommentieren - war Mozart selbst ein schwieriger Typ?

Ja, er war wohl kein einfacher Zeitgenosse. Wahrscheinlich war er auch noch viel hässlicher, als sich unsereiner vorstellt.

Er ließ sich nur von der Seite porträtieren.

Niemand weiß, wie er wirklich aussah. Annette Kolb schrieb einmal: Wenn man viele Mozart-Bilder studiert habe, dann wisse man, dass man nicht weiß, wie er aussah.

Er entzieht sich.

Ja. Bei aller Anmut stellt er immer einen gewissen Abstand her. Die Mozartsche Musik ist ungemein vornehm und verlangt große Konzentration.

Was wäre, wenn Mozart erst mit 75 gestorben wäre?

Unheimliche Vorstellung! Er hat relativ früh ein Verzeichnis aller seiner Werke angelegt und jedes Stück mit den Anfangstakten angegeben. Das ist erschütternd, weil Mozart sich ein riesendickes Verzeichnis beschafft hatte. Und der hintere Teil blieb leer! Der Tod hat also auch ihn überrascht. Kein Mensch kann sich vorstellen, wie es weitergegangen wäre.

Der Pianist Glenn Gould, einer der wenigen Kritiker Mozarts, meinte, Mozart sei nicht zu früh, sondern zu spät gestorben.

Das ist schwer zu verzeihen. Ich verstehe sogar, warum er es gesagt hat: Das "Jeunehomme"-Klavierkonzert KV 271 oder auch das A-Dur-Violinkonzert KV 219 zeigt, dass der junge Mozart als Form-Erfinder unternehmungslustiger war als später. Trotzdem - von jemandem, der, 35-jährig, am Ende seines Lebens, das große Klarinettenkonzert und die "Zauberflöte" schreibt, zu sagen, er hätte ruhig ein paar Jahre früher sterben können, das zeugt von einer heiteren Frivolität.

Gould hat trotzdem Mozart gespielt.

Ja. Er hat zum Beispiel das Klavierkonzert c-Moll gar nicht ganz schlecht geboten. Aber die Sonaten, forciert und überdreht, waren nicht sehr doll. Jemand wie Friedrich Gulda spielte die weit besser.

Wie steht es mit Alfred Brendel?

Brendel hat bedeutungstiefe Mozart-Einspielungen vorgelegt. Ein geistvoller Mozart-Spieler, zumal der langsamen Sätze.

Was bedeuten Ihnen Jungstars wie Martin Stadtfeld?

Der spielt souverän, vielleicht ein bisschen zu glatt. Er muss sich noch ein paarmal unglücklich verlieben. Es ist freilich erstaunlich, wie viel die Instrumentalisten heute können.

Und was fehlt?

Manchmal doch die Dringlichkeit, die Leidensfähigkeit, der hingebungsvolle Glaube an die Sache! Die bedeutenden alten Interpreten haben zu einer Zeit große Werke darstellen müssen, als es Funk und Fernsehen noch nicht gab. Furtwängler, Rubinstein, Kempff - die wollten auch nicht falsch spielen, aber es kam ihnen primär darauf an, die Werke als spannungsvolle Gebilde darzustellen.

Am 27. Januar wird in Peking der junge chinesische Starpianist Lang Lang das Geburtstagskonzert geben. Was sagen Sie zu Lang Lang?

Ich bin selten einem Pianisten begegnet, der die wilden Oktavenläufe in Tschaikowskys 1. Klavierkonzert so rasend rasch hingelegt hat. Imponierend. Aber was die Gestaltung betrifft, so spielten Pianisten wie Emil Gilels oder Vladimir Horowitz auf einem anderen Planeten.

Welche Werke von Mozart sollte man unbedingt kennen?

Es gibt bei Mozart eigentlich nichts Schwaches oder gar Unwürdiges. Gewiss muss nicht jeder Mensch über 40 Mozart-Symphonien genauestens kennen oder sämtliche Klaviersonaten. Natürlich existieren da Kultaufnahmen. Der Pianist Dinu Lipatti hat die frühe a-Moll-Sonate KV 310 wunderbar, ja überirdisch schön gespielt. Die Fantasie in c-Moll meisterte Claudio Arrau großartig.

Welches Klavierkonzert ist unverzichtbar?

Das allerletzte, das B-Dur Konzert, in der Interpretation von Artur Schnabel. Ich persönlich liebe besonders das große C-Dur-Konzert KV 467, das A-Dur-Konzert KV 488 und das c-Moll-Konzert KV 491. Solche Dinge hat Arthur Rubinstein in ewige Sicherheit gebracht: sehr schön, sehr bewegt, manchmal vielleicht nicht leicht genug. Und der Wiener Pianist Rudolf Buchbinder besitzt für die Konzerte einen beschwingten, innigen Mozart-Ton.

Welche Opern empfehlen Sie?

Zumindest natürlich "Figaros Hochzeit", "Don Giovanni", "Cosí fan tutte" und die "Zauberflöte". Diese Opern "kennen" heißt nicht nur, sie ein paarmal gehört, sondern auch ihre keineswegs unwichtigen Texte Wort für Wort gelesen zu haben. Beim "Figaro" würde ich die großartige Aufnahme von Erich Kleiber empfehlen, bei "Don Giovanni" die fabelhaft homogene von Fritz Busch und die manches ins Dämonisch-Beethovensche übertreibende, aber doch fantastische von Wilhelm Furtwängler. "Cosí" sollte man in der Karajan-Aufnahme aus den 50er Jahren hören.

Warum hat Mozart eigentlich nie eine feste Anstellung gefunden, obwohl alle wussten, wie gut er ist?

Er scheint sich zu selbstbewusst aufgeführt zu haben. Es muss auch irgendetwas Peinliches passiert sein, was kollektiv verdrängt wurde, aber Mozart seit 1787 isolierte. Womöglich irgendetwas Erotisches. Was erklären würde, dass die Leute...

...ihn mieden.

In Mozarts letzten zwei, drei Lebensjahren ging man nicht mehr in seine Konzerte. Kaum war er tot, galt er wieder als genialer Künstler.

Mozart lasse einen an Gott glauben, sagte Georg Solti einmal.

"Jeder Meister fällt vom Himmel", befand Hans Pfitzner. So ist der blutjunge Mozart imstande gewesen, die strikt geheim gehaltene zwölfminütige "Miserere"-Komposition, die nur in der Sixtinischen Kapelle aufgeführt werden durfte, nach einmaligem Hören aus dem Gedächtnis niederzuschreiben. Er löste dieses Rätsel so nebenher.

Wie steht Joachim Kaiser persönlich zu Mozart?

Es gibt Komponisten, die mir seelisch mehr sagen. Zum Beispiel Schubert, Brahms, auch Chopin. Nur eben: Einige überwältigend vollendete Werke Mozarts sind allein auf der Welt, mochte der alte Bach auch vielleicht noch ein bisschen besser komponieren können. Ich empfände das Leben armseliger, wenn Mozart fehlte. Seinem Lächeln können nur Barbaren widerstehen.

Interview: Christine Claussen

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