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Interview mit Teitur: "Du musst es jede Nacht durchstehen"

Es ist schon eine Leistung, nach dem dritten Album noch immer als Geheimtipp gehandelt zu werden. Teitur von den Faröern hat das geschafft, und er wird immer besser darin. Der unglaubliche Sänger und Songwriter im stern.de-Interview über Niedlichkeit, Selbsterkenntnis und den neuen Spaß in der Welt.

Wer immer Teiturs Musik kennenlernt, ist erst einmal verzaubert. Mit zerbrechlicher, doch zugleich starker Stimme singt ein Mann, dessen Aussehen das Wort Milchgesicht tatsächlich am besten beschreibt, von großen und kleineren Gefühlen und schafft, was einen wahren Künstler ausmacht: Er findet die richtigen Worte dafür, ohne viel zu sagen.

Umso erstaunlicher ist es, dass der Musiker von den Faröern es seit Jahren schafft, die für die Entfaltung der eigenen Kreativität notwendige Distanz zum Showgeschäft zu halten. Ob beim CNN-Interview oder auf der Bühne, Teiturs Integrität sucht ihresgleichen. Aber wir wollen ja über Musik reden:

Zuerst mit Piano und Gitarre, mittlerweile mit Orchester oder auch experimentellen Klangerzeugern beschreibt der Sänger sich und seine Welt so eindringlich, dass man nicht mehr von ihm loskommt. Vor allem nicht, nachdem man ihn auf der Bühne erlebt hat, wo er freudestrahlend wie ein kleines Kind mit der Musik und allen Geräuschen spielt, die der Moment so hergibt. Allerdings sollte man nicht den Fehler machen, auf Teiturs Milchgesichtigkeit hereinzufallen.

Bisher waren Sie für mich dieser - entschuldigen Sie - niedliche, lustige unglaublich talentierte Junge von den Faröern...

Und jetzt?

... nach Ihrem neuen Album "The Singer" eher ein sehr erwachsener, politischer, ernsthafter Mensch mit viel Erfahrung und einer Menge zu sagen. Wollen Sie das niedliche Image verteidigen?

[Lacht] Ich war 13 oder 14, als ich angefangen habe, Musik zu machen. Später, als ich meine erste Platte aufnahm, war ich definitiv sehr, sehr schüchtern, sehr still, und möglicherweise passt da auch Ihre Beschreibung. Aber es passiert eine Menge, wenn man ein Album macht, es rausbringt, auftritt, so viele Menschen trifft und so viel über Musik lernt. Das verändert dich. Keine Ahnung, ob ich meine Niedlichkeit verteidigen möchte... [lacht]

Sie starren auf der Bühne schon gerne auf Ihre Schuhe.</zwitiA Ganz ehrlich, ich will da auch gar nicht so viel drüber nachdenken. Ich will mich einfach nur ausdrücken, das ist mir das Wichtigste. Ich will, dass es gut klingt. Folgendes ist passiert: Ich habe mich lange nicht selbst als Künstler gesehen. Als ich angefangen habe, habe ich mich nur als Songwriter gesehen, und das merkt man denke ich auch den Aufnahmen an. Da geht es um Songs, um Texte und Melodien, nicht so sehr um musikalische Experimente. Das war musikalisch sicher. Dass ich immer mehr gelernt habe, bringt auch mehr Verantwortung mit sich. Man übernimmt mehr Kontrolle über die Dinge, man hat einen größeren Anteil am gesamten Prozess.

Wann haben Sie sich denn das erste Mal als Künstler gesehen?

Nach meiner zweiten Platte, und vor allem beim neuen Abum habe ich gedacht "Moment mal, ich singe jeden Abend vor Menschen, ich trete jeden Abend auf, das ist, was ich mache...

... und vielleicht bin ich ein Künstler?

Ja, ich denke, so war es. [lacht] Aber mein Antrieb ist dabei vor allem das Schreiben. Aber sogar das hat sich jetzt verändert. Jetzt will ich, dass die Songs rausgehen, ich will touren, und großartige Platten machen.

Und Sie wissen jetzt genau, wie das geht?

Das habe ich gelernt.

Über Ihren Hit "Louis, Louis" vom letzten Album "Stay under the Stars" haben Sie gesagt, er sei entstanden, als Bush wiedergewählt wurde, als der Tsunami Südasien verwüstet hat. Damals habe eine Traurigkeit über der Welt gelegen, über die Sie singen wollten. Ist diese Traurigkeit weg?

Ja, das glaube ich wirklich. [strahlt] Es fühlt sich anders an, wenn ich ihn jetzt spiele. Das Gefühl ist anders. Das ist jetzt ein anderer Song. Das klingt vielleicht extrem, aber jetzt, da die Bush-Regierung geht, verändert sich die Welt. Ich kann überall einen Optimismus spüren. Auch in der Musik kann man es sehen: Es gibt viel mehr Spaß-Musik. Es gibt Gitarrensoli. Das Saxophon ist zurück ! [Lacht]

Und das will was heißen.

Die Teenager heute haben keine Angst davor zu sagen: Wir sind glücklich, und wir brauchen kein düsteres Drama.

Sie glauben, die Generation vorher hatte das?

Ich glaube, es gab eine größere Entfremdung, ja, und das ist gar nicht so lange her. Die Welt verändert sich gerade sehr schell. Die Menschen kommunizieren mehr miteinander. Und das ist gut, die Leute scheinen eher zu begreifen, was um sie herum geschieht.

Sie glauben also nicht, dass das Internet zur Anonymisierung führt?

Ich denke, das, was passiert, ist sehr menschlich und schön. Es kommt von innen, vom Willen, miteinander zu kommunizieren, miteinander auszukommen und die Dinge positiv zu sehen, damit sich etwas bewegt.

Wenn man sich den Eröffnungssong "The Singer" anhört, vermittelt der ein bisschen das Gefühl, dass Sie weniger über ihre Musik reden wollen, und die Leute sie lieber hören sollen.

Vielleicht hat jeder Mensch das Bedürfnis, sein Territorium zu markieren. Das ist es, was Leute tun, die kreativ sind: Sie gestehen etwas. Sie sagen: Das mag ich, das ist mein Humor. Das machen heute alle in YouTube oder Myspace, sie teilen Dinge.

War "The Singer" ein Geständnis?

Ja, ich denke schon. Das ist die Basis, das weiß ich, weil ich mein ganzes Leben lang Songs geschrieben habe. Die besten Songs sind die mit Erfahrung, Songs, die wissen wovon sie reden, etwas, das dich emotional berührt, eine Erinnerung, Erfahrungen, die man gemacht hat, Dinge, die dir passiert sind. Darüber musst du schreiben, wenn du einen guten Song machen willst. Das ist etwas, das ich begriffen habe: "Moment mal, ich bin tatsächlich ein Sänger, das habe ich mein ganzes Leben lang gemacht." Und ich habe nur so rumgespielt am Klavier, habe die Worte "I always had the voice/ and now I am a singer" (Ich hatte immer die Stimme, nun bin ich ein Sänger)gesungen, dann habe ich nachgegeben und es fertig geschrieben. Es hat total Sinn gemacht.

Also kann man doch drüber reden?

Das Musikgeschäft ist eine Maschine, und die musst du bedienen oder es lassen. Ich glaube, ich stecke irgendwo dazwischen. Ich denke, es ist nichts Schlechtes daran, sich zu erklären. Musik ist abstrakter als die meisten anderen Dinge, du wirst sie nie wirklich erklären können. Viel abstrakter als Filme oder ein Buch. Du kannst nur zuhören. Es ist das einzige, was ich wirklich kann und kenne. Den Rest erkläre ich gerne. Das ist ein Teil des Musikmachens. Es gehört dazu.

Interessanterweise nutzen Sie zum Erklären häufig andere Künste - Film, Literatur, bildende Kunst. Schreiben Sie auch oder malen?

Ich schreibe viel. Ich male nicht so gut, da zeichne ich besser. Aber die Kreativität hat denselben Ursprung. Es gibt Menschen, die müssen Dinge schaffen, die sind vom Leben gelangweilt, wenn sie nicht kreativ sind, die verfallen in Traurigkeit, wenn sie nichts schaffen. Manche Leute malen, andere schreiben Lieder, manche schreiben Bücher und veröffentlichen sie nicht mal. Ich glaube an den Individualismus. Darum geht es auch in einem Großteil meiner Musik, darum dass Menschen Verantwortung übernehmen, etwas von sich selbst geben, auch wenn sie Musik machen. Es klingt nicht gut, wenn es nicht daher kommt. Wenn ich etwas predige, ist es das.

Ehrlichkeit.

Verantwortungsbewusstsein. Vor allem heute, da alle Leute so besessen davon sind, gleich zu sein. Alle tragen die gleichen Klamotten, sehen sich die gleichen Dinge an, die Leute sind so voneinander beeinflusst. Ich mag Menschen, die glücklich mit sich selbst sind.

Aber der Weg dahin ist lang.

Es gehört zu den wichtigsten Dingen im Leben, sich selbst auszudrücken, miteinander zu reden, man selbst zu sein. Du musst dich nicht ausdrücken, weil du es eh immer tust, einfach indem du existierst.

Sind Sie bei sich angekommen?

Ja, ich denke schon. Ich arbeite hart. Ich bin die ganze Zeit unterwegs. Und weil ich das mein ganzes Leben lang gemacht habe, kenne ich nicht viel anderes.

Sind Sie des Reisens manchmal müde? Müde, immer an einem anderen Ort zu sein?

Hotelzimmer ja. Die Auftritte nie. Es ist immer ein Spaß aufzutreten, selbst wenn du einen schlechten Tag hast, es ist immer eine Belohnung zu spielen, etwas auf das ich mich freue. Eigentlich ist es ein ziemlich einfaches Leben: Du musst wo hingehen und etwas zuende bringen, du musst es jede Nacht durchstehen. Das hält dich wach, aber es ist auch monoton. Es hält dich fern von einer anderen Welt, die vielleicht noch da draußen ist. Du ignorierst bestimmte Dinge im Leben.

Vermissen Sie etwas?

Ich kenne es ja nicht [lacht]

Aber Sie haben eine Vorstellung davon.

Ja, aber ich habe natürlich das Gefühl, dass ich eh nichts anderes machen kann. Und jetzt enthält es für mich viel mehr Leben und Tod als vorher, es bedeutet mir mehr. Wenn man das Kind in sich verliert - sicherlich habe ich es nicht verloren, aber wenn Du erwachsen wirst, dann geht es um mehr.

In "The Singer" heißt es auch, dass die Leute, wenn sie Ihre Musik hören, weinen, und Sie wüssten nicht warum. Ist nicht vielleicht der Grund dieser: Wir sind so vorzüglich darauf trainiert, zwischen unsere Gedanken und Gefühle und deren Äußerung Kontrollinstanzen zu packen, Vernunft, Höflichkeit, und dann kommen Künstler, Literaten, Maler oder eben Sänger, die die Abkürzung nehmen. Die das Talent besitzen, eine Beschreibung für das zu finden, was wir für unbeschreiblich hielten. Und das macht Weinen.

Das ist eine gute Erklärung, aber ich sehe das vielleicht ein bisschen kühler. Ich glaube, es hat damit zu tun los zu lassen. Die Leute sind gestresst, klammern sich an etwas, streiten sich, haben nicht geschlafen, aber Musik macht es möglich, dass sie loslassen, sich entspannen. Und dann weinen oder lachen sie. Weinen und Lachen liegen sehr nah beieinander. Sie kommen über etwas hinweg, vergeben etwas, vielleicht sich selbst, das ist wundervoll. Ein Song macht, dass sie loslassen, oder er sagt das, was sie nicht sagen können. Es ist seltsam, aber ich denke, die Menschen sind so voll von Güte, sie glauben an das Gute. Wenn du zu einem Konzert gehst, dann willst du dich hinterher anders fühlen. Niemand kommt und sagt, das wird übel. Ich habe in dem Song "The Singer" all das gesagt, aber ich schreibe die Texte eben einfach, um mich selbst zu verstehen, um auszudrücken, was ich denke. Du machst etwas physisch, du frierst es ein, das macht auch ein großartiges Foto, ein gutes Gemälde, ein Buch oder ein Song. Wenn es gut ist, dann hält es etwas fest, das Menschen fühlen.

Gute Güte, Kunst ist per se konservativ!

Ja, das stimmt. Das ist etwas sehr Grundlegendes, Notwendiges.

Interview: Sophie Albers

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