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James-Blunt-Tour: Von 18 Zuschauer auf 7.000

Vor einem Jahr waren es 18, gestern kamen 7.000 Zuschauer zum Konzert. Von seinem Debütalbum verkaufte er 5.5 Millionen Stück, viermal ist er beim Brit Award nominiert - James Blunt ist auf dem Weg zum ganz großen Popstar.

Seinen Superhit hat sich James Blunt beim Auftakt seiner Deutschlandtournee am Donnerstagabend in München bis zum Schluss aufgehoben: "You’re Beautiful", und fast alle der rund 7.000 Besucher der Zenith-Halle sangen mit. Es war der inbrünstige Höhepunkt eines Konzerts, in dem sich Melancholie mit Glückseligkeit mischte. Und bei dem der 28-jährige Blunt den Karriereschritt vom Hitparadenstürmer zum von einem großen Live-Publikum gefeierten Musiker geschafft haben dürfte. Dass es sein zweiter Anlauf war, sprach Blunt selbst an: "Im vergangenen Jahr spielte ich in München vor 18 Leuten. Ist jemand von denen da?" Tatsächlich waren nach dieser Frage einige Schreie zu hören.

Von 18 auf 7.000 in München, binnen Jahresfrist nach Angaben auf seiner Webseite von 6.000 verkauften Alben seines Debüts "Back To Bedlam" auf 5,5 Millionen - James Blunt schickt sich an, ein ganz großer Popstar zu werden. Auf der Bühne ist er als Sänger und Rhythmusgitarrist souverän, als Entertainer unbeholfen. Zu oft fragt er auf Deutsch "Wie geht’s" und das ausgerechnet auch vor einem seiner eindringlichsten Stücke, dem Antikriegslied "No Bravery". Das wird für das inzwischen so große Publikum von Videoaufnahmen aus dem Kosovo-Krieg 1999 untermalt. Der ehemalige Hauptmann des britischen Heeres begleitet sich alleine am Klavier zu einem Text, der bis ins Mark desillusionierend ist.

Ein Ex-Offizier als gefühlsseliger Sänger

Seine Offizierslaufbahn vor der Entscheidung, professionell Musik zu machen, hat es Blunt nicht gerade leicht gemacht. Ein Ex-Offizier als gefühlsseliger Sänger, das passte nicht ins Bild vom Pop- und vor allem Rockmusiker, auf das er sich mit der Jim-Morrison-Hommage "So Long Jimmy" beruft. "Back To Bedlam" kam im Frühjahr 2005 heraus, im Radio wurde kein "You’re Beautiful" gespielt und bei der Frühsommer-Tournee verloren sich in München 18 und in Köln 30 Leute in Clubs, in die 200 bis 300 Besucher gepasst hätten. Der Auftritt auf dem englischen Mega-Festival Glastonbury muss die Wende gebracht haben, die glückselig-melancholische Beschwörung des Augenblicks "You’re Beautiful" wurde zum britischen Sommerhit und auf einmal auch im Rest Europas gespielt.

Ernüchterung als Therapie

Das Album, vom Musiker selbst als "James Blunt Pill" - Ernüchterung als Therapie - bezeichnet, wurde zum Bestseller, in Deutschland sogar Anfang September wiederveröffentlicht. Im Klartext: Blunt war schon abgeschrieben, abgehakt gewesen. Zu früh, wie man heute weiß. Konnte vor einem halben Jahr sich noch jeder Live-Besucher vom Musiker mit Handschlag verabschieden, schützt nun die Security den Backstage-Bereich der Band. Blunt ist weit oben angekommen, und er arbeitet am nächsten Album. Ein neues Lied sang er in München, er verriet den Titel nicht, aber es hätte auch auf das Album "Back To Bedlam" gepasst. Dessen Songs powerte die hervorragende Band auf, wann immer eine rauere Gangart möglich war.

Wunderkerzen und Publikums-Mädchenchor

Mit seinem inzwischen gut eingespielten Team ist Blunt vielseitiger geworden, aber seine Stärke wird das melancholische Grübeln im Falsett bleiben. Denn es kommt gut an bei den Frauen, und deren Partnern rollen sich bei seinen Liedern nicht die Fußnägel auf. "Goodbye My Lover", "High", "Tears and Rain" - so was singt Blunt inzwischen unterstützt vom textsicheren Publikums-Mädchenchor. Und die Jungs schwenken dazu die Wunderkerzen. "Das Publikum ist ein bisschen größer geworden", stellt der Sänger zum Schluss zufrieden fest.

Neue Songs auch nicht fröhlich

Im AP-Interview sagte er Ende vergangenen Jahres, im kommenden September wolle er wieder ins Studio gehen, diesmal mit seiner eigenen Band, und wieder mit Smiths-Produzent Tom Rothrock zusammen arbeiten. "Ich habe immer noch keine fröhlichen Lieder ", sagt Blunt. "Ich bin aber ein fröhlicher Mensch. Ich weiß nicht, warum diese melancholische Stimmung in die Lieder kommt... vielleicht ist man, wenn man glücklich ist, zu sehr damit beschäftigt - und schreibt dann keine Lieder."

Uwe Käding/AP / AP