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Joy Denalane: Tief aus der Seele

Sie wuchs mit fünf Geschwistern in einem Berliner Neubaublock auf und zog mit einer Mädchengang durch die Straßen. Heute ist Joy Denalane Deutschlands erste und schönste Souldiva.

Vielleicht ist am Ende ein kleiner jugoslawischer Junge schuld, dass sie sich nie unterkriegen lässt. "Niggertochter!", rief er der neunjährigen Joy auf dem Sportplatz hinterher. "Da habe ich dem gleich eine gelangt", erinnert sich Joy Denalane (sprich: Denalani) mit einem seligen Lächeln auf den Lippen. Den Jungen sah sie von diesem Tag an nur noch selten. Wenn Joy kam, machte er einen Bogen. Sie hat früh gelernt, sich durchzusetzen.

Wahrscheinlich hat ihr das auch geholfen, als sie vor ein paar Wochen auf einer kleinen Bühne im New Yorker Club "Joe's Pub" stand. Als sie zu singen begann, beachteten die Gäste sie nicht mehr als eine Jukebox in der Ecke. "Ich hatte nur zwei Möglichkeiten: wieder zurück nach Hause zu fahren. Oder den Leuten in den Arsch zu treten."

Sie hat den Leuten in den Arsch getreten, einfach unbekümmert ihre Show durchgezogen. Eine Stunde später verließ Joy Denalane die Bühne, während das verwöhnte New Yorker Publikum begeistert applaudierte.

Joy Denalane ist die einzige Souldiva, die Deutschland hat. Mit ihrem vor zwei Jahren veröffentlichten Debütalbum "Mamani" gelang der 31-Jährigen etwas, was bis dahin im deutschen Musikgeschäft als unmöglich galt: die Versöhnung von deutscher Sprache mit amerikanischer R&B-Musik. Lange Zeit war die deutsche Sprache vielen zu hart und zu kantig, um mit dem rhythmusbetonten R&B-Sound zu harmonieren. Denalane zeigt, dass es sehr wohl geht: Mal klingt ihre Stimme flehend, mal wütend, mal rau, mal sanft. Sie hat viele Facetten, wie sie eindrucksvoll auf ihrer neuen Konzert-DVD "Live Mamani" beweist. Selbst mit einer Coverversion des Prince-Klassikers "Sign 'O' The Times" überzeugt sie.

Es war ein ziemlich langer Weg für Joy Denalane bis zum Erfolg. Zusammen mit fünf Geschwistern wächst sie in einem Neubaublock in Berlin-Kreuzberg auf. Der Vater, ein Südafrikaner, arbeitet als Zahntechniker, die Mutter, eine Deutsche, verdient ihr Geld als Sachbearbeiterin auf dem Arbeitsamt. Die Welt im Neubaublock ist Joy schon bald zu eng. Sie beginnt zu rebellieren, zu kiffen, bei H&M Klamotten zu klauen und streift mit einer Mädchengang durch Kreuzberg. Nachts schleicht sie sich in Clubs, die "Dschungel" oder "ChaCha" heißen. "Ich hätte damals leicht abrutschen können", sagt sie, "aber ich hatte Glück. Ich hab verabscheut, wie sich Leute verändern, wenn sie Drogen nehmen."

Mit 19 macht sie ihre ersten Gesangsversuche in verschiedenen Berliner Bands, doch erst fünf Jahre später trifft sie den HipHop-Musiker und Sänger der Band Freundeskreis Max Herre, der nicht nur ihre musikalische Inspiration wird, sondern auch der Vater ihrer zwei Kinder. "Ich bin ein Spätzünder: Mein Abitur habe ich erst mit 22 gemacht, mein erstes Kind kam mit 29, meine erste Platte war fertig, als ich 30 wurde. Aber die Zeit war wichtig, ich sehe die Dinge, die um mich herum passieren, inzwischen mit großer Gelassenheit."

So wie vor ein paar Wochen bei ihrem Sommerurlaub auf Mallorca. Da saß sie zusammen mit Mann Max und den beiden Kindern in einem Strandlokal, als vom Nebentisch jemand rief: "Schau mal, ein Negerbaby!" Joy hat den Tischnachbarn zur Rede gestellt - aber zu Schlägen ist es nicht gekommen.

Hannes Ross / print
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