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Zweites Halbfinale "Unser Song für Deutschland": Engelke meutert, Raab mault

"So scheiße war's nun auch nicht." Stefan Raab hatte es als Jurypräsident beim zweiten Halbfinale von "Unser Song für Deutschland" schwer. Besonders Anke Engelke rebellierte. Dabei hatte Lena alles richtig gemacht.

Von Jens Maier

Anke Engelke konnte man es an diesem Abend einfach nicht recht machen: Bei einen Song fand sie den Text "beknackt", der andere war ihr "zu seicht". Beim nächsten fragte sie sich, "ob der direkt packt", und beim darauffolgenden, ob dem nicht "etwas fehlt, was beim Eurovision Song Contest nötig ist". Zusammen mit Joy Denalane und Stefan Raab saß Engelke am Montagabend beim zweiten Halbfinale von "Unser Song für Deutschland" in der Jury. "So scheiße war's nun auch nicht", hatte Raab die Kritik gekontert. Doch es schien fast so, als würde Engelke auf das Lena-Bashing der vergangenen Woche einsteigen

In den Medien war die erste Show heftig kritisiert worden - sowohl die Sängerin, als auch Tausendsassa Stefan Raab. "Lena und der Lala-Brei" kritisierte Spiegel-Online die Liederauswahl, die "Welt" mäkelte am Konzept herum und erkannte eine "Überdosis" Lena Meyer-Landrut. Das "Handelsblatt" bemängelte, die Show sei zur Dauerwerbesendung verkommen und "Focus-Online" ätzte sogar, Lena sei ob ihrer vielen Kostümwechsel zur "singenden Damenumkleide" mutiert.

Stefan Raab verzichtete dieses Mal auf die Kommentierung seines eigenen Lieds, ansonsten ließen sich die Gescholtenen von all der Kritik nichts anmerken. Lena präsentierte souverän sechs neue Songs, die ihr von verschiedenen Komponisten auf den Leib geschrieben worden waren und aus denen die Zuschauer drei ins Vorentscheid-Finale am 18. Februar wählen durften. Einmal mehr stellte sie unter Beweis, dass sie eine herausragende Live-Künstlerin ist, dass sie mehr kann als Sprüche klopfen und vor allem, dass sie sich seit dem Sieg in Oslo im vergangenen Mai weiterentwickelt hat. Auf der Bühne stand keine Abiturientin mehr, sondern eine gereifte Künstlerin.

Welcher Final-Song ist Ihr Favorit?

Lena war ganz in ihrem Element

"Ich habe ihr gesagt, sie soll rausgehen und Spaß haben", hatte ihr Stefan Raab im vergangenen Jahr vor ihrem grandiosen Sieg in Oslo geraten. Einen Rat, den sie bis heute befolgt. Sie hat Spaß an den vielen Kostümwechseln, die sie mit zurücktoupierten Haaren und im kleinen Schwarzen mal aussehen lässt wie die kleine Schwester von Audrey Hepburn, und im beigen Top mit leichten Löckchen mal wie eine Märchenbraut. Sie hat Spaß an den Songs, an den vielen verschiedenen Melodien und Stimmungen, in die sie sich gerne hineinversetzt. Und sie hat Spaß auf der Bühne zu stehen. Das ist ihr Element.

Was hatte Anke Engelke dann zu mäkeln? Es war nicht Lena, die ihr nicht gefiel. Auch nicht die Lieder an sich. Im Gegenteil, von den meisten war sie überzeugt, dass sie sehr gut zur Interpretin passen würden. Anke Engelke hatte vielmehr im Sinn, worum es bei diesem Wettbewerb gehen soll: Nämlich einen Song für den Eurovision Song Contest zu finden. Einen, der am 14. Mai in Düsseldorf vor 35.000 Zuschauern in der Esprit-Arena und vor über 120 Millionen weltweit an den Bildschirmen bestehen kann. Einen Grand-Prix-Hit, keinen Lena-Song.

Die Suche gestaltete sich am Montagabend schwierig. Als erstes sang Lena "A Million And One" von Erroll Rennalls, der bereits für Mousse T. den Hit "Sex Bomb" geschrieben hat, und Stavros Ioannou. Danach folgte "Teenage Girls", eine langsame Nummer aus Dänemark von Viktoria Hansen und Lili Tarkow-Reinisch. Als drittes stellte Lena "Push Forward" von den Berliner Produzenten Daniel Schaub und Pär Lammers vor. Die vierte Nummer "At all" stammte aus der Feder von R'n'B-Star Aloe Blacc, der mit "I Need A Dollar" 2010 in Deutschland einen großen Hit hatte. Als fünftes folgte der Gute-Laune-Song “A Good Day” von Audra Mae, einer Großnichte von Judy Garland. Und als letztes der Raab-Song "Mama Told Me".

Ein Song kristallisiert sich als Favorit heraus

Um es kurz zu machen: Die Zuschauer wählten das kleinste Übel, schickten "Push Forward", "A Million And One" und "Mama Told Me" ins Vorentscheid-Finale am 18. Februar. Zusammen mit den drei Stücken aus dem ersten Halbfinale werden die Zuschauer dann entscheiden, welcher ihr Grand-Prix-Song ist. Der dürfte jedoch bereits heute feststehen. Das Studiopublikum müsste vergangene Woche schon sehr daneben gelegen haben, wenn es nicht "Taken By A Stranger" würde. Eine geheimnisvolle Elektropop-Nummer des Trios Gus Seyffert, Nicole Morier, und Monica Birkenes, die sich wohltuend aus den vielen Mid-Tempo-Nummern und dem Gute-Laune-Pop Raabs abhob.

Das würde Raab auch aus der Verlegenheit helfen, sich am Ende zwischen der Moderation des Song Contest am 14. Mai und der Teilnahme als Komponist entscheiden zu müssen. Eine Regel des Wettbewerbs besagt, dass die Präsentatoren neutral sein sollen und keinen Beitrag im Wettbewerb einreichen dürfen. Vielleicht brauchen wir bald auch eine ähnliche Regel für den deutschen Vorentscheid. Denn es scheint fast so, als sei Stefan Raab vom Grand-Prix-Virus befallen. Vier Mal war er bereits dabei, will ihn dieses Jahr moderieren. Im Vorentscheid hat er drei von zwölf Liedern eingereicht. Der Fluch von Ralph Siegel, er ist in den Fernsehstudios in Köln-Mülheim angekommen.