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Erstes Halbfinale "Unser Song für Deutschland": Lena Meyer-Landrut - jetzt neu!

Nix "alter Finne", kein komisches Zucken: Beim ersten Halbfinale von "Unser Song für Deutschland" macht Stefan Raabs Geschöpf Lena auf gereifte Sängerin - findet aber nur wenig TV-Publikum, das das sehen will.

Von Jens Maier

Sie ist es immer noch, kann aber mehr. "Ich konnte etwas Neues an ihr entdecken - und das macht Spaß", brachte Jurorin Stefanie Kloß von "Silbermond" auf den Punkt, was sich da am Montagabend in den Fernsehstudios in Köln-Mülheim abspielte: Lena Meyer-Landrut , die "durchgeknallte Göre", wie Nena sie im vergangenen Jahr noch nannte, ist erwachsen geworden. Beim ersten Halbfinale von "Unser Song für Deutschland" konnte die 19-Jährige als ernsthafte und gereifte Sängerin punkten. Allerdings mit schwachen Quoten: Lediglich 2,56 Millionen Zuschauer sahen die Sendung, ein Marktanteil von 7,9 Prozent. Vor einem Jahr schalteten noch 2,62 Millionen Zuschauer die erste Sendung ein - und da gab es den Lena-Hype noch gar nicht.

"Lena singt gegen sich selbst", witzelten die Zeitungen noch vorab. "Wie kann ein Vorentscheid spannend sein, bei dem die Gewinnerin bereits feststeht?", fragten sich die Fans. Als "Lena-Show" verspottet, gaben sich die Macher bei Brainpool und beim NDR alle Mühe, um bei "Unser Song für Deutschland" die Lieder in den Vordergrund zu stellen. "Die Zuschauer werden überrascht sein, wie unterschiedlich die Songs sind - und wie unterschiedlich sie inszeniert werden: ganz intim und ohne große Bühne", kündigte NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber vollmundig an. Doch statt großer Überraschung machte sich zunächst große Langeweile breit.

Kostümwechsel interessierten mehr als die Songs

Zu langatmig war der erste Song "Good News", als dass er das Publikum hätte in Verzückung setzen können. Nicht für die langsame Ballade von Produzentin Audra Mae, einer Großnichte von Judy Garland, die bereits für Susan Boyle gearbeitet hat, interessierte sich das Publikum, sondern für die Outfits von Lena Meyer-Landrut. Die wechselte ihre Kostüme bei jedem Song ebenso geschwind wie Kylie Minogue. Mit einem cremefarbenen Kleid und Löckchen, die ihr ins Gesicht hingen, sah sie aus wie eine moderne Märchenprinzessin, in einem schwarzen Hosenanzug war sie ganz Dame statt Mädchen. Anmutig auch ihr neuer Tanzstil. Statt rumzuzappeln bewegte sich Lena nur wenig. Und zum ersten Mal dämmerte den Zuschauern, dass die einst lolitahafte und kesse Lena reifer geworden sein könnte.

Lena präsentierte in einer zweistündigen Show die ersten sechs von insgesamt zwölf Liedern, aus denen die Fernsehzuschauer per Telefonabstimmung den Song für Düsseldorf ermitteln sollen. Dass die Vorjahressiegerin auch in diesem Jahr wieder für Deutschland beim Eurovision Song Contest antritt, ist beschlossene Sache. Um ein passendes Lied für sie zu finden, hat das Team um Lena-Entdecker Stefan Raab sich nach eigenen Worten "vier-, fünf-, sechshundert Lieder angehört", die besten zwölf haben es in den Vorentscheid geschafft.

Darunter auch das des Berliner Produzenten-Duos Daniel Schaub und Pär Lammers. Die steuerten mit "Maybe" einen Popsong mit einprägsamem Refrain bei. "Maybe you're gonna dance with me", lud Lena ein - und die Zuschauer folgten dieser Einladung. Ein Song, der gut zu ihr passt - aber passt er auch zum Eurovision Song Contest? Wahrscheinlich ebenso wenig wie die reduzierte Ballade "I Like You" von Rosi Golan und Johnny McDaid. Viel zu ruhig und brav, als dass Lena damit im Mai in der Düsseldorf-Arena vor rund 35.000 Zuschauern etwas reißen könnte. Doch mit Song Nummer vier stieg die Spannung: "That Again" stammte von keinem Geringeren als Stefan Raab, schon auf den ersten Akkord als angejazzte und funky Raab-Komposition zu identifizieren. Statt Raab gaben die Zuschauer jedoch einer geheimnisvollen und unkonventionellen Nummer den Vorzug.

Wie eine Autobahnfahrt bei geöffnetem Fenster

"Taken By A Stranger" war der Überraschungssong des Abends. Sein Elektropop- und Synthesizer-Beat mitreißend und aufputschend wie eine Autobahnfahrt bei geöffnetem Fenster, seine Botschaft unheimlich und mysteriös. Den Zuschauern gefiel's, und Lena schien sich in der Rolle der unheimlichen Fremden sichtlich wohl zu fühlen. "Ist halt so ein bisschen verrückt, aber am Ende findet man's geil", sagte sie über den Song, für den sie sich entschieden habe, weil sie auch mal was ausprobieren wolle, was man nicht erwarte. Damit scheint sie den richtigen Nerv getroffen zu haben.

Viel Kritik hatte Lena in den vergangen Tagen einstecken müssen. "Sie hat ihre Unbefangenheit verloren" und spiele "nur noch eine Rolle", lautete gar das vernichtende Urteil des ARD-Beirats. Doch die verspielte und drollige Lena, die ihre Wörter in die Länge zieht, "waaaauuuu" statt "wow" sagt und mit weit aufgerissenen Augen in die Kamera schaut, war am Montagabend nur selten zu sehen. Stattdessen stand da eine erwachsen wirkende und bildhübsche Frau auf der Bühne - eine ernsthafte Sängerin. Auch gesanglich ist sie gereift und lieferte mit den live vorgetragenen Liedern eine beeindruckende Leistung ab, auf die Britney Spears neidisch wäre. Lena, wie man sie nicht erwartet hätte.

Zum Abschluss hielt sie noch eine weitere Überraschung bereit. Mit "What Happened To Me" schickte Lena einen Song ins Rennen, den sie zusammen mit Stefan Raab selbst komponiert hat. Gute-Laune-Pop mit Streichern und einem fröhlichen Refrain, den die Zuschauer ebenso im Finale am 18. Februar wiederhören wollten wie "Maybe" und den Favoriten des Studiopublikums, "Taken By A Stranger". Am kommenden Montag werden dann im zweiten Halbfinale drei weitere Finalisten per Telefonabstimmung und SMS ermittelt.

Abwechslung von Kakerlaken und Krokodilpenissen

Ist der Vorentscheid, bei dem die Siegerin bereits feststeht, jetzt spannend oder nicht? Und wie ist es um die "Mission Titelverteidigung" bestellt? Sagen wir mal so: "Unser Song für Deutschland" war wohltuend anders. Nach 16 Tagen Kakerlaken und Krokodilpenissen, absurden und vorgeführten Kandidaten bei "Deutschland sucht den Superstar" tut es gut zu wissen, dass nicht in jeder Show nur Häme und Schadenfreude dominieren. Stefan Raab versucht mit aller Ernsthaftigkeit, den besten Song für Düsseldorf zu finden. Ob's am Ende für einen vorderen Rang reicht, wissen wir am 14. Mai. Oder wie er selbst es ausdrückt: "Nach Rezept einen Erfolg kreieren geht nicht, das hab' ich auch nie gemacht."