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Deep Purple live auf DVD: Rock'n'Roll mit Panoramablick

Die Herrschaften sind in die Jahre gekommen. Doch ihr Publikum ist erstaunlicherweise jung geblieben. Vielleicht auch, weil Deep Purple sich nicht auf alten Lorbeeren ausruhen. Eine DVD-Sammlung mit neun Stunden Livemusik und Interviews dokumentiert die Spielfreude der 60plus-Rocker.

Von Axel Henrici

Wer Deep Purple in den späten Achtzigern erleben musste, wurde schnell von Mitleid gepackt: Wie konnten sich derart legendäre Musiker so zum Affen machen? Ian Gillans Stimme nur noch ein Abklatsch früherer Tage, und die berühmten Solo-Duelle zwischen Jon Lord (Jg. 1941, Orgel) und Ritchie Blackmore (Jg. 1945, Gitarre) reine Routineveranstaltungen. Doch mit dem Abgang Blackmores und der Verpflichtung des Gitarrenvirtuosen Steve Morse (Jg. 1954) kam Mitte der Neunziger tatsächlich frischer Wind in den Laden.

Der DVD-Sammlung "Around the World Live" kommt das Verdienst zu, diese eindrucksvolle Wiederbelebung einer in Routine erstarrten Legende dokumentiert zu haben. Die vier DVDs zeigen Live-Auftritte aus den Jahren 1995 bis 2002 und einige, zum Teil rare Interviews mit den Bandmitgliedern.

Insbesondere Sänger Ian Gillan und Bassist Roger Glover erweisen sich dabei als sehr reflektierte Gesprächspartner. Ältere Herren sind sie geworden, ruhiger, gesetzter, aber nicht unbedingt langweiliger. "We're not on the Rock'n'Roll Highway anymore, we take the scenic route now", sagt Gillan einmal. Sollen die anderen rasen - wir genießen die Aussicht. Dabei wirken die jüngsten Auftritte, und das ist das Erstaunliche, weitaus vitaler und inspirierter als Vieles, was die Band unmittelbar nach ihrer Wiedervereinigung 1984 ablieferte. Mit Morse kam die Spielfreude zurück und auch Gillans Stimme scheint sich wieder erholt zu haben. Auch wenn es für 17-Sekunden-Schreie wie zu seligen "Made-in-Japan"-Zeiten nicht mehr reicht.

Immerhin 27 Jahre dauerte es, bis Deep Purple 1995 ihre Konzertpremiere in Indien absolvierten. Die erste DVD, "Bombay Calling", hält diesen denkwürdigen Auftritt, der auch für Steve Morse eine Premiere war, in voller Länge fest. Mit Morse änderte sich auch das Live-Programm. Alte Songs wurden wieder ausgegraben, die zum Teil jahrzehntelang nicht mehr gespielt worden waren (wie "No-One Came" oder "Fools"), und bei den neuen Songs hatte man nicht mehr dieses dumpfe Gefühl, sie seien nur Füllmaterial für die Zeit zwischen "Smoke On the Water" und "Black Night". Kurzum: Die Fans bekamen keine sentimentale Weißt-du-noch-Veranstaltung geboten, sondern die Band war wieder in der Gegenwart angekommen.

"Around the World Live" zeigt Konzerte aus Indien, Südkorea, Australien und Großbritannien - ergänzt um kleine Highlights wie den Auftritt beim schweizerischen "Snowpen Air", wo Deep Purple auch mitten im alpinen Schneesturm nicht die gute Laune verlieren und sich sogar im Jodeln versuchen. Lustig ist auch der Auftritt im australischen Fernsehen, wo Deep Purple ihren unvermeidlichen Gassenhauer spielen - und ein Studio voller Hobbygitarristen synchron die Akkorde von "Smoke on the water" klampft. Apropos: Die wahre Entstehungsgeschichte dieses Songs erfährt man hier auch. Roger Glover erzählt sie, recht trocken und eher beiläufig.

Insgesamt gibt es mehr als neun Stunden Deep Purple zu sehen, darunter auch das bisher unveröffentlichte "Live At The NEC" die letzte, tränenreiche Show von Bandgründer Jon Lord und zugleich sein einziger gemeinsamer Auftritt mit Nachfolger Don Airey. Fazit: Für Fans ein Muss, für alle anderen ein erstaunlich unterhaltsamer Blick hinter die Kulissen einer Altherrenband, die auch mit 60plus immer noch Bock auf Rock'n'Roll hat.