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Vorgezogene Wahlen in der Ukraine: Dieser Mann ist ein Popstar. Wahrscheinlich zieht er ins Parlament. Vielleicht wird er mitregieren

Nachdem in der Ukraine ein Schauspieler Präsident wurde, könnte nun ein Popstar ins Parlament ziehen. Wer ist der vermeintliche Quereinsteiger, der seit Jahrzehnten Massen begeistert? 

Ukraine: Selenskyj-Partei gewinnt Parlamentswahl deutlich

Es ist die Zeit der Entertainer in der ukrainischen Politik; der Quereinsteiger und neuen Gesichter. Nachdem ein Schauspieler Präsident geworden ist, zieht nun voraussichtlich ein Popstar ins Parlament. 

"Ich gebe euch heute Abend meine Stimme und ihr gebt mir am 21. Juli eure Stimme", rief Swjatoslaw Wakartschuk seinen Fans im Stadtpark von Poltawa zu. Offenbar genug Ukrainer haben das Angebot angenommen, das ihnen der Rocksänger vor rund einer Woche auf seiner "Tour der Veränderung" – einer Mischung aus Wahlkampfauftritt und Freiluftkonzert – unterbreitet hatte.

Bei den vorgezogenen Parlamentswahlen hat seine Partei "Holos", übersetzt "Die Stimme", voraussichtlich die Fünf-Prozent-Hürde genommen. Die Partei von Präsident Wolodymyr Selenskyj, Kabarettist und Schauspieler, reklamiert nach ersten Auswertungen gar die absolute Mehrheit für sich.

"Ein einmaliger Austausch der Eliten", schreibt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) dazu. In der Ukraine werde nach den Wahlen mindestens jeder zweite Abgeordnete in der "Werchowna Rada" (Oberster Rat) neu sein. Und die beiden Großen des ukrainischen Showgeschäfts, die sich bald zumindest die politische Bühne teilen dürften, haben keinen unwesentlichen Anteil daran.

"Die Stimme" will in der Ukraine mitreden. Aber warum erst jetzt?

Selenskyj, 41, begeisterte als "Diener des Volkes" zunächst die Fernsehzuschauer, bevor er es mit seiner gleichnamigen Partei für alle 45 Millionen Ukrainer werden wollte – schon in der Serie spielte er den Staatspräsidenten.

Auch Swjatoslaw Wakartschuk, 44, ist in der Ukraine kein Unbekannter. Seit 1994 ist er der Frontmann von Okean Elzy, einer Rockband die schon mit Deep Purple spielten und 2018 beim Unabhängigkeitstag vor rund 100.000 Zuschauern im Kiewer Olympiastadion auftraten. 

Auch das gehört zum Achtungserfolg von Wakartschuk bei den Parlamentswahlen. Wo er auftritt, erwarten ihn Tausende bis Zehntausende. Also ging er auf Tournee, spielte auf seiner "Tour der Veränderung" über ein Dutzend Gratis-Konzerte in der Ukraine – vor den Auftritten war allerdings ein Werbeblock für Partei und Programm vorgesehen. 

Auf seiner "Tour der Veränderung": Rocksänger Swjatoslaw Wakartschuk

Auf seiner "Tour der Veränderung": Rocksänger Swjatoslaw Wakartschuk zwischen Freiluftkonzert und Wahlkampfveranstaltung 

AFP

Das Kalkül dürfte oft genug aufgegangen sein. "So schnell werde ich nicht wieder Gelegenheit haben, Wakartschuk zu hören", zitierte die "taz" einen Besucher, "noch dazu kostenlos und praktisch vor der Haustüre." 

Auch bei seinen Online-Auftritten sorgte Wakartschuk für Aufmerksamkeit der eher unkonventionellen Art, wie "Die Zeit" beobachtete: Gab Präsident Selenskyj zuletzt Interviews im Fitnesscenter, zeigte sich der Popstar etwa beim Yoga oder oberkörperfrei nach einem Marathon.

Während Präsident Selenskyj die mediale Rückendeckung durch den Sender 1+1 genoss (warum, lesen Sie hier), dürfte Popstar Wakartschuk von seinen treuen Hörern profitiert haben. Vielen Ukrainer ist seine Stimme seit Jahrzehnten vertraut.

Nun will "Die Stimme" auch politisch gestalten: nationalliberal und proeuropäisch, im Kampf gegen Oligarchen und Korruption, aber auch für eine Stärkung der Armee und ihr Ansehen. 

Kritiker erkennen eine Gemeinsamkeit zwischen Präsident Selenskyj und Popstar Wakartschuk: Sie würden ihre Wähler vor allem durch ihre Persönlichkeit überzeugen – ohne ein ausgearbeitetes Programm zu präsentieren.

"Es kann ja nicht sein, dass nur noch Schauspieler, Sänger, Jongleure und Tänzer die Politik bestimmen", sagte die Politologin Oleksandra Reschmedilowa von der Universität in Kiew dem Deutschlandfunk. "Da braucht es auch Profis, die wissen, was sie wollen und Gesetze schreiben können." Für den Schriftsteller Serhij Zhadan seien "Leute an die Macht gekommen, die, gelinde gesagt, auf die vor ihnen stehenden Herausforderungen nicht ganz vorbereitet" seien, zitierte die "FAZ".

Seit Jahren werden dem studierten Physiker politische Ambitionen nachgesagt. Von 2004 bis 2005 saß er schon als unabhängiger Abgeordneter im Parlament. Beinahe wäre er sogar in das Rennen um das Präsidentenamt eingestiegen. Noch vor einem Jahr sahen ihn Umfragen gleichauf mit Selenskyj, wie "Die Zeit" berichtete. Doch der Rocksänger ließ es bleiben. Erst im Mai dieses Jahres stellte er seine neue Partei "Die Stimme" vor.

Nicht nur Fans fragen sich daher: Wo war der Frontmann mit rauer und kraftvoller Stimme, als es ums Eingemachte ging? Warum will "Die Stimme" erst jetzt mitreden?

"Vse bude dobre", antwortete eine seiner Anhängerinnen der österreichischen Tageszeitung "Die Presse". Übersetzt: "Alles wird gut". So auch der Titel einer der bekanntesten Songs von Slawa, wie Wakartschuk von seinen Fans genannt wird – aber offenbar auch Ausdruck mancher Ratlosigkeit. 

"Vse bude dobre", alles wird gut

Gewählt wurde "Die Stimme" um Wakartschuk womöglich auch aus Protest, wie die "FAZ" schreibt, etwa "gegen die bisherigen Eliten, gegen Korruption und Vetternwirtschaft". Dadurch hätte er einen mächtigen Verbündeten: Präsident Selenskyj, der den Kampf gegen die Korruption als ein zentrales Ziel seiner Amtszeit erklärt hat.

Am Wahlabend kündigte Selenskyj an, dass er Koalitionsverhandlungen mit der nationalliberalen Partei von Wakartschuk aufnehmen wolle. Da zeichnete sich allerdings noch nicht ab, dass die "Diener des Volkes" die absolute Mehrheit der Parlamentssitze erringen könnten. 

Noch steht das offizielle Wahlergebnis nicht fest, die Stimmen werden noch ausgezählt. Eine Regierungskoalition zwischen dem Schauspieler und dem Popstar wird aber zunehmend unrealistisch. Sein Einzug ins Parlament scheint aber so gut wie sicher. Solange dürften seine Anhänger einen von Wakartschuks Hits hören: "Vse bude dobre", alles wird gut. 

Quellen: "taz", Deutschlandfunk, "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Die Zeit", "Die Presse", mit Material der Nachrichtenagentur DPA

fs