HOME

The Who: Vielleicht das letzte Album

Die Rockveteranen The Who haben zum ersten Mal seit 24 Jahren ein neues Studioalbum veröffentlicht - mit 19 brandneuen Liedern. Darauf klingen die Briten so lebendig wie lange nicht.

Die wohl längste kreative Pause einer Band von Top-Format in der Geschichte des Rock ist zu Ende. Mit "Endless Wire" veröffentlichen die britischen Rockveteranen The Who erstmals seit rund 24 Jahren ein neues Studioalbum. Nach etlichen Jubiläumsboxen und Zusammenstellungen früheren Materials haben der Gitarre spielende Songschreiber Pete Townshend und Sänger Roger Daltrey 19 brandneue Lieder eingespielt, inklusive einer zehn Stücke umfassenden Mini-Rock-Oper.

Nach den frühzeitigen Todesfällen von Schlagzeuger Keith Moon (1978) und Bassist John Entwistle (2002) ist das Erscheinen des zwölften Werks der Who eine kleine Sensation. Doch Insider waren durchaus auch skeptisch. Immerhin hat Townshend nicht mehr in ernst zu nehmendem Umfang für The Who geschrieben, seit Helmut Kohl 1982 Bundeskanzler wurde. Das Ergebnis "It's Hard" war beängstigend blass. Es stellte sich die Frage, ob das neue Material Selbsttherapie gegen Langeweile und die Sehnsucht nach Rampenlicht, eine Geldbeschaffungsmaßnahme oder doch noch ein später Ausbruch jahrelang aufgestauter Kreativität ist.

Es gibt vielleicht kein nächstes Mal

Letzteres scheint zutreffend. Die Band schien zuletzt vor allem damit beschäftigt, mit Greatest-Hits-Konzerten den sich auf ihre Porträts in der Ahnengalerie des Rock senkenden Staub hinweg zu fegen. Doch "Endless Wire" ist weit davon entfernt, eine Peinlichkeit der in die Jahre gekommenen Musiker zu sein. Das Album mag nicht die monumentale Kraft von Who-Meilensteinen wie "My Generation" (1965), "Who's Next" (1971) oder die Rock-Opern "Tommy" (1969) und "Quadrophenia" (1973) haben - ein intensives Hörerlebnis ist es allemal.

Im Vergleich zu früheren Alben, die häufig wie aus einem Guss klangen, ist "Endless Wire" von weniger durchgängigem Stil. Die aktuelle Zusammenstellung der townshendschen Kompositionen bietet vielmehr von allem etwas. Hier hat sich jemand ausgetobt, der nicht weiß, ob es noch ein nächstes Mal geben wird. Unterstützt werden Townshend und Daltrey von Pino Palladino (Bass), John Huntigton und Zak Starkey (Schlagzeug), John Bundrick (Keyboards).

So lebendig wie lange nicht

Das Intro des Eröffnungssong "Fragments" klingt unverblümt wie die ersten Synthesizer-Takte des Who-Klassikers "Baba O'Riley". In der Folge steht potenter Macho-Rock mit krachenden Riffs und donnernden Drums ("Mike Post Theme", "Sound Round") neben Balladen mit akustischer Gitarre ("You Stand By Me", "God Speaks To Marty Robbins", "Tea & Theatre") oder mit von sanften Streichern untermalter Pianobegleitung ("Trilby's Piano").

Folkige Protestsongs ("Man In A Purple Dress") wechseln sich ab mit verspielten Banjos ("Unholy Trinity") und voluminösen Melodien ("Pick Up The Peace"), die klingen wie von Daltrey aus voller Lunge zum Leben erweckte Schneidereste von "Quadrophenia". Gewürzt ist all dies mit Townshend- typisch ambitionierten Texten, von denen er sechs selber singt.

Daltrey gewinnt Tauziehen

Dabei hatte sich gerade Townshend über Jahre hinweg in hoch komplexe und kaum öffentlichkeitstaugliche Projekte versenkt und sich gegen Daltreys Drängen gesträubt, ein neues Who-Album aufzunehmen. Nun scheint sein Kompagnon das Tauziehen gewonnen zu haben. "Roger hat irgendwie immer gespürt, dass die großen Musiker des Pop und Rock bis zu ihrem Tod weiter arbeiten würden. Er hat Recht behalten", gab Townshend kürzlich selbstbewusst zu Protokoll.

Und das ganz ohne Gram darüber, dass eine seiner Hoffnungen sich nicht erfüllt hat. In "My Generation", einem der bis heute reinsten musikalischen Destillate jugendlicher Rebellion, hatte er Daltrey in der rotzigen Attitüde Londoner Vorstadtjungs singen lassen: "I Hope I Die Before I Get Old." 41 Jahre später klingen The Who so lebendig wie lange nicht.

Michael Becker/DPA / DPA