HOME
Neon-Logo
Interview

Musik und Corona: Label-Chef zu den Lehren aus der Krise: "Man kauft lieber bei Freunden als bei Fremden"

Vielen Künstlern drohen durch die Corona-Krise große Verluste. Mirko Gläser vom Label Uncle M erklärt im NEON-Interview, wie sein Unternehmen damit umgeht und warum die Situation vor allem für kleinere Künstler auch eine Chance ist.

Konzert der Band KMPFSPRT – Mirko Gläser, Geschäftsführer Uncle M

Bands wie KMPFSPRT können bis auf Weiteres nicht live auftreten. Mirko Gläser, Geschäftsführer des Labels Uncle M, hat in der Corona-Krise jedoch auch Hoffnung.

Die Corona-Krise hat viele Branchen hart getroffen – für das Musikgeschäft war sie aber ein besonders harter Schlag ins Kontor. Großveranstaltungen sind bis zum 31. August bundesweit untersagt, wie es danach weitergeht, ist noch unklar. Damit fallen herkömmliche Konzerte flach, Veranstalter, Clubs und Künstler müssen große Einbußen hinnehmen.

Viele Musiker versuchen, sich mit Konzerten aus den eigenen vier Wänden im Gespräch zu halten – auch NEON hat eine solche Wohnzimmerkonzert-Reihe gestartet. Doch lässt sich mit solchen charmanten Ideen auch das Geld verdienen, um die Musikerkarriere fortzuführen? 

Mirko Gläser, Geschäftsführer des Indie-Labels Uncle M, hat trotzdem einen positiven Blick auf die Situation. Im NEON-Interview erzählt er, wie sein Label die Krise zu bewältigen versucht, was die Branche aus dieser Zeit lernen sollte und wie Fans ihre Lieblingskünstler unterstützen können.

Musik und Corona: "Wir erleben eine Welle der Solidarität"

Mirko Gläser, im Musikgeschäft und auch aus anderen künstlerischen Bereichen hat sich die Corona-Krise stark niedergeschlagen. Wie groß ist die Verzweiflung bei dir? 
Ich schaue etwas optimistischer auf die Situation als viele andere in unserer Branche. Das liegt an unserem breit gefächerten Angebot. Wir verstehen uns als Label, aber gleichzeitig sind wir auch PR-Agentur, Musikverlag und betreiben einen recht erfolgreichen Online-Shop. Ich bin mir für viele Jobs nicht zu schade – das heißt, wir machen auch branchenfremde Beratungen oder greifen Firmen unter die Arme, die erst mal nichts mit Musik zu tun haben. Wenn da ein oder zwei Beine wegfallen, dann bleiben die anderen trotzdem noch stabil.

Wie hat das Coronavirus eure Arbeit verändert?
Der Live-Bereich ist natürlich auch bei uns vollkommen weggebrochen, auch solche Tätigkeiten wie Tour-PR oder der Verkauf von Merchandise und Tonträgern bei Konzerten. Viele Tätigkeiten sind aber nahezu gleich geblieben. Wir bringen weiterhin Musik raus, promoten Künstler, machen Presse- und Social-Media Arbeit. Wir überlegen uns Mechanismen, wie wir Menschen und Musik zusammenbringen können. Das hat sich nicht geändert.

Werden die Auswirkungen der Corona-Krise also überschätzt?
Es gibt auch Künstler oder befreundete Agenten in unserem näheren Umfeld, die deutlich härter betroffen sind. Und wir haben sehr früh auch schon damit begonnen, den Arm auszustrecken, als klar war, dass wir uns jetzt um uns nicht so wahnsinnig Sorgen machen müssen. Wir versuchen die, die jetzt stolpern, wieder auf die Beine zu bringen, in Form von Beratungen zum Beispiel.

Wie sieht diese Hilfe konkret aus?
Wir wollten vermeiden, dass jeder für sich selbst in seiner Isolation den Kopf in den Sand steckt und haben erst mal angefangen, E-Mails zu schreiben oder Leute anzurufen. In den ersten zwei Wochen dieser Krise habe ich bestimmt jeden Tag 20, 30 zusätzliche Telefonate geführt, mit Bands, Musikern und so weiter, um zu sagen: Du bist nicht allein. Wenn was ist, ruf mich an. Wie geht es dir? Was ist gerade ein konkretes Problem? Tatsächlich ist es uns gelungen, einigen durch die Vermittlung von Tipps, Kontakten oder Geldquellen etwas unter die Arme zu greifen.

Gibt es trotzdem Bereiche, in denen euch die aktuelle Situation einen Strich durch die Rechnung gemacht hat?
Der Sonntag, an dem Jens Spahn bekanntgegeben hat, dass die Großveranstaltungen abgesagt werden – das war bei uns die Stunde Null. In dem Moment ist mein kompletter Kalender für die nächsten 18 Monate in sich zusammengebrochen. Wir waren ausgebucht bis Herbst 2021 und alle Beteiligten haben an dem Tag erst mal die Stopptaste gedrückt. Das waren zwei Wochen, in denen bei uns eine große Zukunftsangst geherrscht hat.

Wie wirkt sich das finanziell aus?
Wir haben sehr verrückte Zahlungsrhythmen. Manches Geld erhalte ich erst ein halbes Jahr, nachdem eine CD im Einzelhandel verkauft worden ist. Das heißt, ich werde jetzt gerade immer noch getragen vom Weihnachtsgeschäft 2019. Im Jahr 2020 profitieren wir noch von den guten Jahren 2019 und 2018. Die Umsatzeinbußen, die wir jetzt erleiden, werden sich erst in Zukunft zeigen. Aber ich weiß heute schon, dass mein Verlagsgeschäft in diesem Jahr ziemlich desaströs sein wird. Da haben wir mindestens zwölf Monate Zeit, um Maßnahmen und Ideen entwickeln.

Welche Rückmeldungen bekommt ihr von den Künstlern, mit denen ihr arbeitet?
Wir arbeiten für eine breite Spanne von Künstlern – zum Beispiel auch solche, die die Musik bisher eher als Hobby betreiben. Die stecken in ihren eigentlichen Berufen jetzt teilweise in Kurzarbeit und können gerade einen ganz anderen kreativen Output starten. Das kommt ihrer künstlerischen Seite sogar zugute. Bei den Vollblutkünstlern macht sich natürlich schon bemerkbar, dass Einnahmen fehlen.

Stehen da schon künstlerische Existenzen auf dem Spiel?
Für viele sind diese Einnahmen gerade nicht überlebensnotwendig. Sie halten sich mit einem Nebenjob über Wasser oder nutzen die sehr guten Fördermöglichkeiten. Einige von unseren ausländischen Künstlern hat es aber schon schwer getroffen. Ich denke da an einige US-Bands, die keine Rücklagen bilden konnten und jetzt mit einem Gesundheitssystem zu kämpfen haben, was quasi kaum existent ist. Da gibt es von heute auf morgen Ausfälle im sechsstelligen Euro-Bereich.

Das Start-up "SofaConcerts" kämpft mit Musik gegen die Coronakrise

Wie können diese Bands trotzdem überleben?
Die Nähe zu den Fans ist sehr wichtig. Wir erleben da eine wahnsinnige Welle der Solidarität. Diese Bands haben es jetzt geschafft, andere Einkommensquellen für sich zu erschließen – der eine oder andere hat online mit einer Handvoll an Konzerten, limitiertem Merch-Verkauf und anderen Ideen, die sie direkt mir ihrer Community umsetzen, Umsätze im vier- oder fünfstelligen Bereich erzielt. Mit solchen Maßnahmen wird es gelingen, sich bis Jahresende über Wasser zu halten. Und dann muss man weitersehen.

Welche Lehren lassen sich jetzt schon aus dieser Zeit für euer Unternehmen und für die Branche als Ganzes ziehen?
Die extrem hohe Bindung zu den Fans ist das entscheidende Kriterium, was uns bisher das Wasser unter dem Bug gehalten hat. Von unserer Community hören wir jetzt noch mehr als sonst, wie sehr sie das, was wir tun, schätzen. Man kauft in dieser Zeit viel lieber bei Freunden als bei Fremden. Das ist für mich das Learning aus den letzten Wochen. Wir werden in Zukunft wohl den einen oder anderen anonymen Kontakt eher ignorieren und noch mehr in Nähe und persönliche Kontakte investieren.

Themen in diesem Artikel