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MÄDCHENWUNDER: Die fabelhafte Welt der Alisée

Gerade erst 17 und schon Frankreichs Pop-Prinzessin: »Moi...Lolita« heißt Alizées Hit - damit das mal klar ist.

Nein, man darf es sich nicht zu leicht machen mit diesem Mädchen. Dabei sagt es sich so leicht daher: belangloser Teenpop. Mädchenmusik. Pah! Das sagt sich besonders leicht in Deutschland, denn hier gibt es nichts Vergleichbares. Jetzt bloß nicht Jeanette Biedermann, Blümchen oder Dieter-Bohlen-unddie-Bild-Zeitung-machen-einen-Star-namens-Millane rauskramen! In Frankreich aber haben junge Mädchen seit vielen Jahren ihren festen Platz in der Popmusik, und niemand käme auf die Idee, sie nicht ernst zu nehmen.

France Gall, Sylvie Vartan, die großartige Francoise Hardy und die hier unbekanntere Sheila prägten in den Sechzigern in Frankreich den Yéyé-Stil und wurden später große Sängerinnen, einige hatten sogar Erfolg mit Chansons. Charlotte Gainsbourg und natürlich Vanessa Paradis folgten in den Achtzigern. Es muss als kleines Phänomen gelten, dass in Frankreich alle paar Jahre wieder ein Mädchen auftaucht, das gute französischsprachige Popmusik macht, während hier in Deutschland vielleicht mal ein bayerisches Mädelchen namens Nicki »Wenn i mit dir tanz« singt.

Es hat auch in Frankreich eine ganze Weile gedauert, bis eine neue Sängerin auftauchte, doch jetzt ist sie wohl da: Alizée. 17 Jahre alt. Und mit zwei Millionen verkauften Tonträgern der weibliche Superstar in Frankreich. Unmöglich, ihrem Lied »Moi...Lolita« aus dem Weg zu gehen. Das Lied klettert gerade auch hier- zulande die Top-Ten hoch.

Das mit dem Lolita-Image wird sich nicht lange aufrechterhalten lassen. Denn auch Alizée muss nachlegen. Sich entwickeln, sich irgendwann mal aus der Rolle der kleinen Süßen befreien. Sie könnte das schaffen; könnte klappen, ja. Denn da ist diese Stimme. Eigen und dunkler, als man es erwartet hätte, erst recht, wenn sie vor einem steht und »Ca va?« sagt.

Sie hat nicht wirklich Überraschendes zu sagen. Nein, der Erfolg habe sie nicht verändert. Sie sei immer noch dieselbe; oui, sie habe einen Freund, und den störe es nicht, dass auch ältere Herren sie mit in ihre Träume nähmen. Kerzengrade wie ein kleiner Zinnsoldat sitzt sie da, auf dem vordersten Rand ihres Stuhls, die Hände ineinander gelegt, und sie lächelt, wenn sie einen Satz beendet - keine Frage: Sie ist ein Persönchen, für das Männer Dummheiten machen würden, die Übererfüllung eines Schönheitsklischees mit großen braunen Augen.

Maman begleitet sie auf Reisen ins Ausland. Drei Tage pro Woche verbringt die 17-jährige Korsin, die benannt wurde nach einem milden tropischen Wind und deren Nachname geheim bleibt, allein in Paris für Interviews, TV-Auftritte und »tout ca«, wie sie es nennt. Den Rest der Zeit ist sie dann wieder in Ajaccio bei der Familie und den copains. Das Wenige, was sie sagt, sagt sie charmant und verbindlich. Und so nimmt man es ihr auch ab, wenn sie sagt, sie sei überzeugt, das Lolita-Image auch wieder loszuwerden. Wenn sie es sich da mal nicht zu leicht macht.

Oliver Link