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Verstorbener Talk Talk-Sänger: Der erste Nerd des Musikvideo-Zeitalters ist tot. Ein Nachruf auf Mark Hollis

Mark Hollis ist im Alter von 64 Jahren gestorben und keiner weiß irgendwas, denn der Sänger war bereits vor langer Zeit einfach und gründlich verschwunden. Eine Reise zurück in die leidigen 80er Jahre. 

Von Oliver Creutz

Mark Hollis von Talk Talk

Mark Hollis von Talk Talk ist mit 64 Jahren verstorben

Picture Alliance

Wir müssen an dieser Stelle noch mal zurück in die leidigen 80er. In die Zeit der drei Fernsehprogramme, und einmal in der Woche lief im Ersten "Formel Eins", und inmitten der Popper-Föhnfrisuren tauchten plötzlich diese Segelohren auf, und über den Segelohren so eine Fischermütze. Ein Mann mit dem Gesicht eines Internats-Knaben sang los: "Such a Shame", und er wurde ein Popstar damit, und auf dem Schulhof waren jene erleichtert, die nicht aussehen wollten wie Simon LeBon und George Michael. Es ging also auch anders. Mark Hollis, der Sänger der Gruppe Talk Talk, war der erste Nerd des Musikvideo-Zeitalters, und überall liefen und laufen bis heute seine Lieder, vor allem dieses "Such A Shame" sowie "It’s My Life", milliardenfach gedudelt und immer noch lebendig.

Talk-Talk-Sänger Mark Hollis ist gestorben

Nun ist der Mann mit den großen Ohren tot. Mit 64 Jahren. Und keiner weiß irgendwas, denn Mark Hollis ist vor langer Zeit einfach und gründlich verschwunden. Schon nach den Synthie-Hits der frühen und mittleren 80er drehte sich Talk Talk in eine andere Richtung, "Life's What You Make It": Klavier und Rhythmus, bloß raus aus den Pop-Charts, und als die Band danach für 14 Monate im Studio verschwand, zu einer Zeit, als Studio-Arbeiten noch so richtig teuer waren, um schließlich "The Spirit of Eden" zu präsentieren, war es vorbei mit dem Ruhm und der Ehre. Allein ein Blick auf die Instrumentierung zeigt, dass Mark Hollis etwas sehr viel Anderes durch den Kopf gegeistert sein musste als ein paar liebliche Melodien: Fagott, Oboe, zwei Kontrabässe – und obendrein der Chor der Kathedrale von Chelmsford. Die Plattenfirma saß auf einem Berg von Spesen, und hören wollte dieses Album kaum jemand. Die British Phonographic Industry, so liest man, verlieh dem Album eine Silbermedaille für 60.000 verkaufte Einheiten, was sich wie ein Hohn liest. Damals rechnete man noch in Millionen-Schritten in der Pop-Welt.

Er sang über die Sucht seines Bruders

Für ein paar Bescheidwisser und Eingeweihte ist diese Platte das eigentliche Erbe des Mark Hollis, und wer sie nach Erhalt der Todesnachricht noch einmal auflegt oder sie einfach aufs Handy streamt, versinkt in einer Wunderwelt der Musik. Weil Hollis im Lied "I Believe in You" vom Heroin singt, dachten viele, dass dies die Antwort sei auf die Frage, was diesen Mann eigentlich umtreibt, doch es war wohl nicht seine eigene Sucht, um die es hier ging, sondern die seines Bruders.

Danach hüllte sich der Nebel um Hollis. Noch ein letztes Talk Talk-Werk, noch verstiegener, 1998 eine Soloplatte, danach: Schweigen. Wie bei J.D. Salinger.

Vielleicht hat er ja die Schubladen mit Liedern gefüllt. Vielleicht hat er sein Leben genossen, denn wer in den 80ern ein paar Superhits hatte, der brauchte tatsächlich nie mehr zu arbeiten. Selbst Weggefährten wie Paul Webb, der bei Talk Talk den Bass spielte und heute noch als Rustin Man musiziert, gab bekannt, dass er seit Jahren keinen Kontakt mehr zu Hollis hatte.

Und so hat Hollis vor 35 Jahren schon die Zeile verfasst, die jetzt über allen Beileids-Bekundungen in den sozialen Netzen steht: "Such a Shame".

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Nachrufs war in Überschrift und Text vom "Dumbo des Pop" die Rede. Zahlreiche Leser störten sich an dieser Formulierung. Wir sind daraufhin noch einmal in uns gegangen und geben diesen Nutzern recht. Daher haben wir diese Formulierung entfernt und bitten dafür um Entschuldigung.

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