Mick Jagger Mick Allmächtig


Sein Leben ist ein Superlativ: Rolling-Stones-Frontmann Mick Jagger ist Sänger der dienstältesten Rockband der Welt, er glaubt alles zu können. Lacht er deshalb im Interview mehr, als er spricht?
Von Jochen Siemens

Ob er denn gute Laune habe, fragt man die Frau, die einen im Fahrstuhl zu ihm bringt. "Oh ja!", sagt sie und kichert und hopst, beinahe, als ob die Antwort sie unter den Füßen kitzeln würde. Als man auf ihn wartet, hört man ihn schon lachen. Und als die Tür aufgeht, kommt er angeflogen, als ob ihn so eine Zirkuskanone hereingeschossen hätte, man geht richtig ein Stück zur Seite, damit er sich auskugeln kann. Vielleicht, denkt man, hängt es auch mit dem Cover dieser CD zusammen, über die Mick Jagger reden will, da lacht er derart athletisch, dass man fast das Zäpfchen an seinem Gaumen sehen kann, und die Zähne blitzen wie die Kreidefelsen an der englischen Küste, und darunter steht "The Very Best Of Mick Jagger". Das ist doch Ironie, oder? Da lacht doch Jagger über sich selbst, oder? Kann ja heiter werden.

Jagger wirkt auf der Rolling-Stones-Bühne größer. Tatsächlich ist er eher klein. 1,74 Meter vielleicht. Und er hat sehr schmale Arme und Beine, anscheinend ohne Knochen. Er kann sie biegen und schlingen wie Gummi. Als er ausgekugelt hat, nimmt er von einem Stapel auf einem Tisch seine neue CD, "ah, gut die brauche ich". Wieso? „"ch weiß gar nicht genau, welche Titel da noch drauf sind", sagt er und lacht wieder laut und biegt sich ein bisschen im Stuhl herum. Man darf einem Mick Jagger nicht alles glauben, was er sagt. Als der stern ihn vor zwei Jahren einmal fragte, wie es dem brasilianischen Model Luciana Morad, der Mutter seines jüngsten Kindes, gehe, sagte er nur: "Was für ein brasilianisches Model? Es gibt keins." Natürlich gibt es eins, und natürlich kennt Jagger jeden einzelnen Titel auf diesem Album. Ein Album übrigens, auf das die Welt nicht gerade gewartet hat. "She’s The Boss" - kennt das noch jemand? Was ein wenig ungerecht ist, denn die Jagger-Feinlese ist andererseits ein hochinteressantes und irgendwie unfreiwillig urkomisches Stück Musikgeschichte.

Er glaubt alles zu können - heute mehr denn je

So wie er jetzt ohne Punkt und Komma kichernd darüber spricht - "ja, war schon wie Kinderbilder anschauen, aber ich habe immer in Songs gedacht, wissen Sie, das wurde noch einfacher, als diese kleinen Kassettenrekorder erfunden wurden, konnte man ja alles sofort draufsingen" -, weiß er das auch selbst. Obwohl, Jagger war schon immer ein Songwriter, einer, der es auch allein kann - ohne den anderen. Ohne Keith. Und wenn man ihn schon ein wenig kennt und ihn jetzt anschaut, den Kichermaxe, glaubt man wirklich, dass es vielleicht Menschen gibt, die alt geboren und irgendwann als Babys sterben werden. Jagger könnte so einer sein. Er ist jetzt so in Fahrt, dass er sich beim nächsten Scherz der Susanne Fröhlich des Rock nähert, "Rockel-Ich", wenn das jetzt ein Buch wäre. Aber zurück zu Jagger solo. Songs, sagt er, hat er schon immer geschrieben, macht man so als Musiker. Sitzt in einem Zimmer, summt "dum-die-dum-de-bäääng" oder so vor sich hin, nimmt eine Gitarre, spielt so herum oder andersherum, und fertig ist ein Song.

Oder vielleicht nur ein Versuch, wenn man Michael Müller oder so heißt. Aber wenn man Mick Jagger heißt, ist auch so etwas wie "Just Another Night" eine Platte und ein Video. Und so ist "The Very Best Of ..." eigentlich kein "Das Beste von ...", sondern Jaggers Blättern in den eigenen Ausrufezeichen seiner Geschichte und auch das Psychogramm eines Stones-Sängers, der wirklich glaubt, alles zu können. Das glaubt er heute mehr denn je. Über 300 Millionen Euro haben die Stones mit ihrer Tour "A Bigger Bang" bis Ende 2006 eingespielt, sie sind, trotz hier und da schwächelnden Kartenverkaufs, die am besten verdienende Lifeband der Welt. Es gibt nichts mehr, was sie noch erreichen können, außer vielleicht "in noch ein paar Ex-Diktaturen und Ländern zu spielen, in denen wir noch nicht waren", wie Jagger sagt. Wenn man so allmächtig ist, kann man sich sogar so ein "Very Best Of ..." leisten. Und will es sich leisten, denn Stones-Drummer Charlie Watts hat zwar nebenbei exzellente Jazzplatten gemacht und Keith Richards ein paar coole Blues- Sachen, aber "wenn Mick Jagger außerhalb der Stones singt, ist das etwas anderes. Da gibt es diese riesigen Erwartungen, die er immer sehr fühlt", steht im Booklet der CD. Steht da wirklich so.

"Ich sah speziell aus, aber Popgeschichte ist auch Modegeschichte"

Denn, das sagt er auch, "Demokratie in einer Band ist ja nicht immer nützlich", und lacht. Vielleicht doch, denn es gibt wirklich Stücke auf dem Album, bei denen man sich gewünscht hätte, Richards oder Watts hätten "Nein!" gesagt. Aber das sind die lustigen, die peinlichen Versuche Jaggers, nicht nur Rock-, sondern auch Popstar zu sein. Das Großartige an dem Album ist in Wahrheit die DVD mit den Jagger-Videos. Da sieht man ihn als Vokuhila-gefönten Stenz in zeltgroßen Seidenhemden zu albernen Songs wie "Let’s Work" hampeln oder unvergessen mit David Bowie zu "Dancing In The Street" so was wie Gummitwist tanzen, oder man sieht ihn zusammen mit Lenny Kravitz in "God Gave Me Everything", Gott gab mir alles, was ich wollte, und bei dem Satz geht die Kamera genau zwischen seine Beine - Mick, der Ballermann, "Penis Of The World" sozusagen. "Ja, das sind so Zeit-Seifenblasen. Ich sah speziell aus, aber Popgeschichte ist auch Modegeschichte." Na ja, unmöglich sah er aus, "sagen meine Kinder auch". Kurzes Lachen, nein, er verrät nicht, welche Kinder das denn sagen. Vielleicht Tochter Karis, die in dem Stück "Charmed Life" im Background- Chor singt.

Aber Jagger hat auf seinem Album tatsächlich auch ein Stück Popgeschichte versteckt, "Too Many Cooks", zu viele Köche ... Das Lied hat er 1973 in Los Angeles mit John Lennon zusammen produziert und es nie veröffentlicht. Wie? Lennon und Jagger in einem Raum? „Ja, wir haben damals Wochen zusammen verbracht und im Studio einfach so Musik gemacht. John war verdammt langsam.“ Der Stone und der Ex-Beatle, waren sie Freunde? „Ja, John schon“, sagt er. Und was war mit den anderen, mit Paul? Breites Grinsen, die Gummibeine machen Knoten. Auch eine Antwort. So, nun aber mal Spaß beiseite, wir sind in London, stimmt es eigentlich, dass er nur 90 Tage im Jahr hier sein kann, weil er seine Steuern irgendwo in der Karibik zahlt? Bisschen kleineres Grinsen jetzt, "wieso?" Stand so im "Sunday Times Magazine". Noch kleineres Grinsen, fast ein Sauerkraut-Mund, "Sie dürfen nicht glauben, was die schreiben". Mag sein, aber das ist keine Antwort. Nur 90 Tage? "Ich kann immer sein, wo ich sein will", und dann kugelt er aus dem Zimmer. War ein wirklich fröhlicher Nachmittag.

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