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Mike Oldfield: "Ich hatte viele Phobien"

Mike Oldfield ist eine Institution. Seit den 70er Jahren veröffentlicht er fast jedes Jahr ein Album. Seine Musik in Worte zu fassen, wäre wie Architektur zu tanzen, um das berühmte Zitat zu bemühen. Er selbst redet auch lieber über Kabel, Haie und Panikattacken als über sein neues Werk. Der Musiker im stern.de-Interview.

Sein Album "Tubular Bells" aus dem Jahre 1973 ist bis heute eine der erfolgreichsten Platten der Firmengeschichte des Musiklabels Sony. Und Mike Oldfield ist noch immer unterwegs auf der Suche nach dem perfekten Song, vermengt die Zutaten immer wieder neu, scheint die Töne mal zum Kochen zu bringen, dann wieder schockzugefrieren, schießt sie ins All, um sie dann tief in der Erde zu vergraben. Und Millionen von Fans hören ihm hartnäckig dabei zu.

Auf seinem neuen Album "Music of the Spheres" kommt der Mann, der "Moonlight Shadow" schrieb, ohne Gesang aus. Wie ein Wissenschaftler lotet der Brite die Möglichkeiten der Musik aus. Bei genauerem Hinsehen fällt jedoch auf, dass das wohl vor allem auch ein Ausloten seiner Selbst ist.

Herr Oldfield, wenn Sie die Wahl hätten, würden Sie auf Sprache verzichten und nur noch mittels Musik kommunizieren?

Sofort! Musik ist die viel bessere Sprache!

Sie würden es überhaupt nicht vermissen zu sprechen?

Nein. Sie würden mir auf der Flöte etwas vorspielen, ich würde mit der Gitarre antworten: Das wäre eine großartige Unterhaltung. Man kann auch mit Sprache kommunizieren, indem man nichts sagt. Sie würden viel mehr darüber erfahren, wer ich wirklich bin, wenn wir einfach 20 Minuten zusammensitzen und nichts sagen würden.

Das wäre doch schrecklich.

Nein, ich würde mich dabei sehr wohl fühlen. Worte sind doch meist im Weg. Denken Sie an all das Leid, das durch Missverständnisse entsteht, Menschen, die einfach nur reden. Wir sind alle von unseren Hormonen beeinflusst, von Disharmonien und Gehirnwellen. Wir sagen Dinge, die wir nicht meinen und meinen Dinge, die wir nicht sagen. Musik dagegen ist rein. Ich spiele Ihnen einen schönen Ton vor, und Sie wissen, was ich meine, ich spiele einen hässlichen, und Sie wissen, was ich meine. So einfach ist das.

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Gibt es Bereiche in Ihrem Leben, die ohne Musik auskommen?

Wenn ich meditiere, herrscht totale Stille, aber die hat wiederum ihre ganz eigene Musik. Musik trägt eine spezielle Energie in sich, eine spirituelle Energie, wenn Sie es so nennen wollen, aber es braucht nicht wirklich Töne, um sie zu transportieren. Nur wenige Menschen sind in der Lage, das zu hören. Ich sollte vielleicht mal ein stilles Album machen, aber das wäre wohl kein kommerzieller Erfolg. [lächelt]

Ist die Abwesenheit von Musik also auch Musik?

Manchmal höre ich den Leuten beim Reden zu, und wenn Sie die Konsonanten wegnehmen, dann bleibt nur eine Melodie übrig [er nuschelt einen unverständlichen Redestrom]. Auch das ist Musik.

Als Sie hereingekommen sind, haben Sie gesummt. Machen Sie das immer, ist es Ihnen bewusst?

Ich summe, wenn ich glücklich bin. Ich bin gerade sehr glücklich. Es ist ein glücklicher Nachmittag.

Da bin ich aber froh [lacht].

Die Sonne scheint, es ist schön hier [lacht]. Wenn ich still bin, dann bin ich unglücklich.

Dann ware das stille Album ein trauriges Album?

Nein, überhaupt nicht. Die Stille ist so viel mehr als Glücklich- oder Unglücklichsein, das sind nur kleine menschliche Gefühle, die zu unserer animalischen Seite gehören. Stille ist Schönheit und Frieden. Wie die Stille, die daher rührt, wenn wir unsere wahre Natur erkannt haben. Wenn ich an mein Alter denke - ich bin jetzt 54 Jahre alt - und dann an die Evolution, die Entwicklung, die die Natur gebraucht hat, damit Sie und ich entstehen. Wir sind Millionen Jahre alt, fast so alt wie das Universum. So lange hat es gedauert, diese unglaublichen biologischen Maschinen zu entwerfen. Wir sind Maschinen, aber mit einem spirituellen Part in uns. Das ist das große Geheimnis.

Es gibt Leute, die das genau anders herum formulieren: Wir sind nichts im Verhältnis zur Erde, nur ein Wimpernschlag...

Als ich jung war, habe ich das auch so gesehen. Da habe ich mich sehr vor der Natur gefürchtet, vor meiner wahren Natur. Ich war verloren in dieser Existenz. Doch mit den Jahren ist es weniger geworden. Nun ist es Quelle des Staunens. Aber vielleicht habe ich morgen schlechte Laune, und dann ist wieder alles anders! [lacht]

Seit wann haben Sie keine Angst mehr?

Das kam mit der Zeit, die Meditation hat geholfen. Ich hatte viele Phobien, doch durch Psychotherapie konnte ich diesen Ängsten auf den Grund gehen und herausfinden, was sie wirklich sind. Häufig hatten sie ganz unschuldige Gründe, wie zum Beispiel die sehr tiefe Erinnerung an den Moment der Geburt, den Terror, plötzlich auf der Welt zu sein, aus dem Bauch zu kommen und zum ersten Mal die Luft auf der Haut zu spüren anstelle warmer Flüssigkeit. Das habe ich gefühlt, und das kann im späteren Leben zu schlechten Erinnerungen werden, so dass man plötzlich in Panik verfällt.

Was hat die Panikattacken später ausgelöst?

Manchmal ganz kleine Dinge, wie die Veränderung des Lichts. Wenn man so ein sensibler Mensch ist - ich bin empfindlich gegenüber allem möglichen - dann merkst du, wie es kommt. Du weißt, was es ist. Und wenn du dann sagst "OK", geht es auch wieder. Du darfst nur nicht dagegen ankämpfen, dann wird es schlimmer. Ich habe mal eine unglaubliche TV-Dokumentation gesehen über eine Frau, die Haie an der Schnauze massiert und so in Trance versetzt. [lacht])

Große Haie?

Sehr große Haie. Und die Haie mögen es, aber es kann jeden Moment umkippen. Man muss sehr genau wissen was man da tut.

Haben Sie Angst vor Tieren?

Ich habe Angst vor Haien!

Das habe ich auch.

Ich mag Strauße nicht, die sind so groß. Aber mit Spinnen habe ich keine Probleme

Haben Tiere etwas Musikalisches?

Nein, nicht wirklich. [grübelt] Ich habe noch nie Musik über Tiere geschrieben. Das ist keine schlechte Idee…

Wenn man Ihre Biografie und Diskografie betrachtet, könnte man meinen, Sie leiten ein großes Experiment mit dem Titel "Was ist möglich mit Musik?"...

... ja, das stimmt, so kann man das sehen: Ich bin ein Wissenschaftler, der Experimente durchführt.

Das würde die Energie erklären, mit der Sie an die Sache gehen.

Ich frickle gerne herum. Als ich Kind war und den Schraubenzieher entdeckte, habe ich erstmal den Fernseher zerlegt.

Gute Güte!

Ich habe alles auseinander genommen, habe mich gefragt, was wohl passiert, wenn ich da jetzt einen Nagel reinstecke. Ich habe ein paar Mal Stromschläge abbekommen. [lacht]

Autsch!

Wissen Sie was: Musik ist gar nicht meine Lieblingsbeschäftigung, sondern Studios aufbauen. Das Einrichten und Verkabeln, ich versuche, das Studio so schön wie möglich zu gestalten.

Und die Musik passiert so nebenbei? Ach kommen Sie!

Ehrlich: Studios aufbauen ist entspannend, Musik machen ist stressig.

Haben Sie jemals ein Studio zerstört?

Nein. Ich mache gerne Dinge kaputt, aber ich bin nicht so gut im Aufbauen - abgesehen von Studios. Ich reiße gerne Mauern ein. Sie in Berlin kennen sich damit ja aus. [lacht].

Das erste Stück, was den meisten Menschen bei dem Namen Mike Oldfield einfällt, ist "Moonlight Shadow". War das Ihr Experiment mit dem Maintream?

Ich wollte wissen, ob ich einen Folksong schreiben kann.

Ich würde sagen, Sie können.

Es war schwierig! Ich habe drei Monate gebraucht für diesen einen Track, und ich habe jeden Tag daran gearbeitet.

Was heißt jeden Tag?

Acht Stunden täglich. Ich hatte die Musik, dann brauchte ich eine Geschichte. Ich wusste nicht, wie das geht. Ich brauchte Worte, also habe ich mehrere Leute gebeten, für mich zu schreiben. Aber das hat nicht funktioniert. Also habe ich zum Schluss selbst geschrieben, was ich vorher noch nie gemacht hatte. Dann musste ich eine Sängerin finden und den Sound für die Stimme. Ich wollte, dass es perfekt ist. Heute bin ich froh darüber, denn jedes Mal, wenn ich den Song höre, gefällt er mir. Wow, hast du gut gemacht, denke ich dann. [lächelt] Guter Junge! Es gibt vieles, das ich lieber nicht gemacht hätte. Da war ich eigentlich zu betrunken und schwuupps wurde es veröffentlicht. Dumme Sachen.

Was heißt dumm?

Weil Fans es trotzdem mögen.

Aber versöhnt einen das nicht mit dem Stück?

Nein. Aber ist schon okay...

Auf dem Album gibt es einen Song namens "Shabda", das heißt übersetzt soviel wie das ultimative Geräusch.

Ach wissen Sie, diese Sache mit den Titeln verwirrt mich immer. Alles muss einen Namen haben. Ich mag das gar nicht, aber heute muss das sein. Wenn ich einen Song fertig habe und es geht in die Titelphase, dann schreibe ich alles mögliche auf, 15.000 mögliche Titel. Manchmal vergesse ich, was die eigentlich bedeuten.

Aber wie arbeiten Sie denn mit Ihren Stücken?

Eins, zwei, drei, vier, fünf, a, b, c, d... das haben klassische Komponisten auch so gemacht, erste, zweite, dritte Symphony... Wahrscheinlich müsste sich Bach heute auch Titel ausdenken.

Wenn Sie könnten, wären Sie jetzt also bei Album "33".

Genau! Mein erstes Album hätte "Opus eins" geheißen. Das wollte ich wirklich, aber dann meinten die vom Plattenlabel, das gehe nicht, das Album brauche einen Namen. Da meinte ich: Na gut, wenn es denn unbedingt sein muss, dann nennt es eben "Tubular Bells". [lacht]

Interview: Sophie Albers
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