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Konzert in der Columbiahalle: Morrissey zieht den Hut vor Berlin

Morrissey, wie er leibt und lebt: Er bietet den Fans in Berlin eine mitreißende Show, regt zum Nachdenken an. Und macht dazu noch großartige Musik.

Ein Konzertbericht von Alf Burchardt.

Auftritt ganz in weiß: Morrissey bei seinem Konzert in der Columbiahalle in Berlin.

Auftritt ganz in weiß: Morrissey bei seinem Konzert in der Columbiahalle in Berlin.

Jeder Tag ist wie ein Sonntag, sang Morrissey auf seinem Debütalbum, das 1988 erschien. Mit "Everyday Is Like Sunday" endet auch der Abend, als er 26 Jahre später, an einem Sonntag, wieder einmal in Berlin auftritt. Er liebe diese Stadt, sagt er, und er habe sie schon immer geschätzt. All ihren Bewohnern rät er, zu würdigen, was sie an ihr hätten. Vor allem auch den Briten, die mittlerweile hier leben. Falls die darüber nachdenken sollten, in ihre Heimat zurückzukehren: bloß nicht!

Da kommt er lieber selbst vorbei und singt von dem, was vor sich geht im Vereinigten Königreich. Zuvor aber gibt es einen Film. Da führt der 55-Jährige bekannte Vorlieben vor wie die Ramones und die New York Dolls, aber auch Verstörendes wie die US-Poetin Anna Sexton, die ihr Gedicht "Wanting To Die" rezitiert. Dann betritt Morrissey die Bühne - und er trägt weiß. Eine Tolle bekommt er mit seinem grauen Haar auch noch hin, überhaupt sieht er sehr gut aus. Dass er an Krebs leidet, ist ihm nicht anzusehen.

Ein ausgestreckter Mittelfinger von der Queen

Zu Beginn des Konzerts grüßt von der Leinwand mit ausgestreckten Mittelfingern Königin Elisabeth, natürlich gibt es dazu "The Queen Is Dead". Morrissey pflegt seine alten Feindbilder, neue hat er aber auch. Die fünf Musiker tragen schwarze T-Shirts, bedruckt mit dem Schriftzug "Fuck Mercury Records", die Plattenfirma, die sich seiner Meinung nach nicht genug für sein letztes Album eingesetzt hat.

Zu Recht hat Morrissey überwiegend Lob bekommen für das Album "World Peace Is None Of Your Business", er führt Band und Publikum durch viele der neuen Songs: "Istanbul", das Drama vom verlorenen Sohn, "Staircase At The University", der Selbstmord an der Hochschule wegen Leistungsdruck. Morrissey stellt seine Musiker vor, dann zeigt er auf die Leinwand – wo ein cooler Typ zu sehen ist – und er sagt: "This is Neal Cassady". Es folgt seine Würdigung der Beat Generation, der Cassady angehörte.

Eine Leidenschaft, die nachwirkt

Natürlich hat er auch seine alten Themen dabei. In der Columbiahalle ist ein Stand der Tierrechtsorganisation PETA, beim Merchandising gibt es Schablonen "Meat Is Murder". Morrissey hält eine hoch und fordert das Publikum auf, davon Gebrauch zu machen. Das sei nur fair bei dem Budget, das die Gegenseite zur Verfügung hätte. Dann läuft zur Musik ein Film mit grausamen Bildern aus Schlachtfabriken für Schweine, Rinder und Geflügel.

Die Lust auf Döner ist vielen Zuschauern auf dem Heimweg vermutlich vergangen. Die Hallen für Morrissey mögen kleiner geworden sein, die Fans aber, die heute noch kommen, stehen fest zu ihm. Und dieser Abend führte in beeindruckender Weise vor, warum. Immer noch schreibt er große Songs, immer noch trägt er sie vor mit einer Leidenschaft, die niemanden unberührt lässt.

Der Abend endet mit Paukenschlägen. Zu einem kurzen Schlagzeugsolo verlassen die Musiker die Bühne. Dann kehren sie für eine kurze Zugabe zurück. "Everyday Is Like Sunday" – aber dieser Sonntag war ein besonderer.

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