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Musical-Premiere: Musketiere, Rüschen und Latex

In Berlin hat das Musical "Die Drei Musketiere" Deutschland-Premiere gefeiert. Spaß macht die furiose Neu-Inszenierung dabei fast immer - vor allem dann, wenn die Bühne sich in ein Sado-Maso-Studio verwandelt.

Von Florian Güßgen

Ja. Sado-Maso. Irgendwann, im ersten Teil dieses Muscials, tanzt Milady (Pia Douwes) im hautengen, schwarzen Kostüm, sie wird umkreist von knackigen Männern und Frauen in latex-ähnlicher Montur. Sado-Maso im Reich der Musketiere, im Frankreich des siebzehnten Jahrhunderts? Keine Sorge, alles jugendfrei: Milady de Winter, in starke rote und schwarze Farben getaucht, singt von Macht. Jener Macht, die Männer zu haben vermeinen und die sie so satt hat, sie, die Gepeinigte und Getriebene, sie Milady, die Verbündete des intriganten Kardinals Richelieu. Es ist eine starke Szene, voller Kraft, voller Farben, eindringlich.

Die Szene steht stellvertretend für das Stück: Die Frauenfiguren dominieren, ihre Schicksale treiben die Geschichte voran. Da ist besagte Milady, die schuldlos Gebrandmarkte, da ist Anna, Königin von Frankreich (Kristin Hölck), die aus Gründen der Staatsräson ihre große Liebe hat aufgeben müssen, und da ist Constanze, die Zofe der Königin (Sabrina Weckerlin), die sich unsterblich in den jungen Helden d'Artagnan verliebt. Ob solo oder im Trio, es sind die Auftritte dieser stimmgewaltigen Frauen, die der Inszenierung des Dumas-Klassikers ihren Charme verleihen - einerlei, ob sie in Rüschen auftreten oder in Latex. Gestern feierte das Stück am Berliner Theater des Westens Deutschland-Premiere.

Degenfechtereien bestimmen den Takt

Freilich: Jungs gibt es auch. D'Artagnan (Patrick Stanke) etwa, der unbedingt, wie einst der Papa, ein Musketier im Dienste des Königs werden will und der in seiner Berliner Version manchmal an einen etwas pummeligen Oliver Kahn erinnert. Und es gibt noch weitere Männer. Die drei Musketiere Athos (Marc Clear), Porthos (Christian Schleicher) und Aramis (Mathias Sanders), den franzöischen König, Ludwig XIII (Hans Piesbergen) - und, natürlich, Kardinal Richelieu.

Und eigentlich, das ist klar, geben die Männer in der Geschichte auch den Ton an, ihre gewagten Degenfechtereien bestimmen den Takt. Abgesehen von Richelieu jedoch, den Musical-Star Uwe Kröger mit Verve und Power spielt, treten diese Männerfiguren hinter den Dramen, die die Frauen erleben, zurück. Das ist kein Nachteil, sondern das macht den Reiz dieser Inszenierung aus - ein geschickter und charmanter Dreh des Regisseurs Paul Eenens.

Richelieus Selbstzweifel

Das Stück kann überzeugen, in weiten Strecken sogar mitreißen. Den Brüdern Rob und Ferdi Bolland, vormals auch als Liederschreiber für Falco, Status Quo und die Scorpions tätig, ist es gelungen, eingängige Melodien zu schaffen. Sie klingen immer wie eine Mischung aus Carmina Burana und Barbra Streisand, wühlen angenehm auf, stoppen aber rechtzeitig vor der Schnulzgrenze. Die Dialoge sind solide, manchmal witzig, selten altbacken, Kostüme, Bühnenbild und Bühnentechnik bestechend - in 26 Szenen schafft Eric van der Palen 20 Schauplätze.

Wunderbar etwa ist die Szene, wenn Richelieu, sonst ganz brutaler und skrupelloser Machtpolitiker, ins Zweifeln gerät, den Herrgott bittet, sein Herz doch nicht zu Stein werden zu lassen. Kröger wird als Richelieu zum Verzweifelten, zum Flehenden, der umtanzt wird von Dienern, deren Kostüme an die Adern eines Herzens erinnern, an Blut, das pulsiert - Symbol für Leben und Tod zugleich.

Auch Witziges wird geboten. Fantastisch etwa die Idee, das Pferd d'Artagnans, das mit dem Namen Pomme de Terre - Kartoffel - geschlagen ist, als eine Art Riesen-Steiff-Tier auftreten zu lassen. Das Innere des Pferdes füllt eine gut erkennbare Blondine, die dem Tier bühnentaugliches Leben einhaucht. Ein echter Spaß. Gerade im ersten, dem längeren Teil des Stücks, erwartet den Zuschauer beste Musical-Unterhaltung, die über weite Strecken alles andere als platt daherkommt. Lediglich, wenn die Musketiere immer wieder ihre Hymne anstimmen - "Alle für einen, einer für alle" - und dann noch etwas vom Wanken singen, mag sich der Zuschauer an Trinkspruch-Gegröhle erinnert fühlen: Einer für alle! Prost.

Nach der Pause erlahmt das Stück

Aber das sind nur klitzekleine Kritteleien. Schwerer wiegt schon, dass das Stück, das vor der Pause temporeich aufwallend ist, im zweiten Teil an Geschwindigkeit verliert, erlahmt. Die Choreografie des Geschehens ist nicht mehr stimmig, wird brüchig - das Finale kann nicht halten, was der erste Teil des Dramas verspricht. Das ist schade, zumal der Zuschauer das Theater am Ende weniger beschwingt verlässt als zur Pause.

Ach ja, die Handlung. Was in dem Muscial geschieht, ist schnell erzählt. Die Handlung des Degen-Abenteuers spielt im Frankreich König Ludwigs XIII (1610-1643), sie beruht auf dem Roman-Klassiker von Alexandre Dumas. D'Artagnan, der Bub vom Lande, will Musketier werden, wie sein Papa. Gemeinsam mit drei Musketieren kämpft er gegen den Kardinal Richelieu, dessen Leibgarde und dessen Verbündete Milady de Winter. Diese finsteren Gestalten wollen die spanische Gemahlin des Königs, Anna, in Verruf bringen, indem sie ihr ein Verhältnis mit einem Minister des Erzfeindes anhängen, nämlich dem englischen Herzog von Buckingham. D'Artagnan soll die Ehre der Königin retten - auf Bitten der geliebten Zofe Constanze hin. Er versucht, das Unmögliche zu vollbringen.

Auf die deutsche Bühne gebracht haben das Stück nun die Profis des Musical-Konzerns "Stage Holding". Die Firma gehört dem niederländischen Tausendsassa Joop van den Ende, der das Land mit einer anderen Produktionsfirma auch mit "Big Brother" beglückt hat. "Die drei Musketiere" wurden bereits über ein Jahr in den Niederlanden, in Rotterdam, gespielt. Schwachpunkte der niederländischen Aufführung, so heißt es, habe man mittlerweile ausgemerzt, in Berlin werde nun eine völlig neue Fassung gezeigt. Vorstellungen gibt es seit Mittwoch täglich, die Preise liegen zwischen 29 und 94 Euro. Abgesehen von einigen Aussetzern macht das Stück fast durchweg Spaß - mit und ohne Latex.