Musicals Punkrock auf der Theaterbühne


Was kommt heraus, wenn man einen Regisseur, der vor allem durch Horrorfilme aus dem Trash-Genre bekannt ist, eine der letzten Punk-Legenden und eine kitschige New Yorker Liebesgeschichte in einen Topf wirft? Genau, ein Musical.

Musicals? Jörg Buttgereit muss nicht lange überlegen: "Schrecklich!" - Wenn er jetzt trotzdem im Berliner Punkrock-Musical "Gabba Gabba Hey!" Regie führt, sagt er damit zugleich dem Genre den Kampf an. "Das ist die einzige Möglichkeit, dem jetzt noch einen Sinn zu geben. Zur Zeit wird aus allem Musicals gemacht, da ist unseres wie ein Witz darüber", sagt er über das Stück, das am 10. Mai im Columbiaclub Premiere hat. Eine Legende ist mit von der Partie: Tommy Ramone, letztes lebendes Mitglied der Ramones-Stammformation, ist musikalischer Leiter der Inszenierung.

"Das ist eigentlich Punk-Verrat"

Zur Musik der amerikanischen Punk-Helden der 70er Jahre wird in "Gabba Gabba Hey!" eine kitschige New Yorker Liebesgeschichte erzählt. Buttgereits erste Reaktion auf das Regie-Angebot sei Skepsis gewesen: "Das ist eigentlich Punk-Verrat." Doch für den Regisseur, der sich in Deutschland vor allem durch obskure Horrorfilme aus dem Trash-Genre ("Nekromantik") einen Namen gemacht hat, kehrte sich das schnell ins Gegenteil. Seine Erkenntnis: "Das ist doch genau Punkrock: Ich habe keine Ahnung von Musicals, ich mach' das jetzt!"

Die Besetzung ist ungewöhnlich. Hauptdarsteller Rolf Zacher sprang erst kurzfristig für Martin Semmelrogge ein, der wegen einer Haftstrafe sein Engagement absagen musste. Neben Zacher und Ades Zabel, der schon in Buttgereit-Filmen mitwirkte, gehören mit Jürg Plüss und Katja Götz zwei Musical-Neulinge zum Ensemble. Die Wahl-Berliner waren über die Ausschreibung in einem Stadtmagazin und ein anschließendes Casting an die Rollen der jugendlichen Rocker Doug und Sheena gekommen. Gemeinsam geprobt wird erst seit wenigen Tagen.

Unbefangen und spontan

Genau diese Unbefangenheit und Spontaneität will Buttgereit auch dem Publikum vermitteln. "Die Haltung, die ich rüberbringen will, ist die Lässigkeit, die Selbstverständlichkeit, mit der man sich auf die Bühne gestellt hat und einfach Musiker war", sagt er. Dass es in seiner Musical-Parodie dabei auch schrill zugeht, versteht sich. Im Hintergrund sollen Super-8-Filme von einem New-York-Besuch in den 80er Jahren laufen. Für eine Stricher-Szene wartet Buttgereit noch auf die Lieferung eines riesigen Plastik-Penis.

Im Mai sind zunächst elf Abende im Columbiaclub geplant, im Oktober soll eine Deutschland-Tournee mit 20 Terminen folgen. Die Veranstalter kalkulieren ironiefrei mit einer pseudo-rebellischen Zielgruppe: "Erwachsene, 18 bis 50 Jahre, 'Young Rebels', musik- interessiert, lifestyle-orientiert, werberelevant", heißt es im Prospekt für Sponsoren. Buttgereit kommt kurz ins Stocken. "Damit habe ich nichts zu tun", beteuert er. "Das macht man wohl heute so."

Glaubwürdige Botschaft

An der Glaubwürdigkeit seiner eigenen Botschaft und der "street credibility" der Ramones lässt er nicht rütteln. "Das korrespondiert doch auf sarkastische Weise mit diesem ikonenhaften Wesen der Ramones - als hätte sich Andy Warhol eine Punkrock-Gruppe ausgedacht."

Tommy Ramone ist mit Buttgereit auf einer Linie: "Die modernen Musicals sind nicht "hip", nicht kreativ. Wir wollen dem Genre seine Energie zurückgeben", meint er. Und ist sicher, dass auch seine toten Band-Kollegen ihren Spaß gehabt hätten: "Joey würde es lieben, Dee Dee fände es amüsant, und Johnny hätte gesagt: Wenn es mir Geld bringt - klasse!"

Christian Kamp/DPA DPA

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