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Neues Album von U2: "Das Aufregendste seit zehn Jahren"

Sie sind die Urväter des Stadionrocks. Seit 29 Jahren beliefert die irische Band U2 ihre Fans. Sänger Bono hat seine Gutmenschen-Tour unterbrochen, und das zwölfte Album "No Line On The Horizon" ist entstanden. Für den Fan ein erstaunliches Werk. Aber auch für den Rest?

Von Sophie Albers

Es hat die Ernsthaftigkeit eines klassischen Konzertes oder auch eines Vortrages zur Lage der Klavierentwicklung. Ein Aufnahmestudio in Berlin, Parkettboden, ein altes Tasteninstrument an der Wand, Stühle mit roten Polstern, sorgsam aufgereiht. Die sind ausgerichtet auf riesige Lautsprecher, die einen kleinen CD-Player rahmen. Dann tritt ein Mann davor, bittet die Anwesenden, sich zu setzen, und sagt, worum es eigentlich geht: Wir sind hier zusammen gekommen, um das neue Album von U2 zu hören, der "größten Band der Welt". Amen.

Wie groß das irische Rockquartett denn nun ist, darüber kann man sich natürlich streiten. Fakt ist, dass eine ganze Generation mit der Platte "Joshua Tree" im Schrank groß geworden ist. Ob ihre Vertreter es heute noch zugeben oder nicht. Seit 29 Jahren ist U2 eine Popband der Superlative. Rund 125 Millionen Alben haben sie weltweit verkauft. Ohne sie wäre der Stadienrock nicht denkbar. Genau genommen wären die 80er Jahre ohne sie nicht denkbar. Live Aid und Hits wie "Sunday Bloody Sunday" und "With Or Without You" gehören zum Soundtrack der Erinnerung. Aber wie sieht es denn im neuen Jahrtausend aus?

Große Hoffnungen

"No Line On The Horizon" heißt das neue Werk, für das Gutmensch und Band-Frontmann Bono offenbar seine Tour vom Papst zum Präsidenten zum Wirtschaftsgipfel unterbrochen hat, um ins Studio zu gehen. Fünf Jahre ist der letzte Wurf her, allerdings war "How To Dismantle An Atomic Bomb" selbst unter Fans eher als Enttäuschung abgehakt worden, weil es absolut nichts Neues brachte. Vielleicht deshalb hatte Gitarrist The Edge im Vorfeld bereits angekündigt, das neue Album klänge anders als alles, was U2 bisher gemacht hätten. Der Mann vor den Lautsprechern drückt auf "Play", und das Publikum lauscht andächtig.

Nach elf Songs in 53 Minuten wischt sich der Vertreter der Plattenindustrie erleichtert den Schweiß von der Stirn: Der Fan ist begeistert, und der Nicht-Fan zumindest angenehm überrascht, dass man U2 auch im Jahre 2009 hören kann, ohne aggressiv zu werden.

Poprock zum Mitschwingen

"No Line On The Horizon" ist nun wirklich kein anstrengendes Album, auch wenn die bereits veröffentlichte Single "Get On Your Boots" das vermuten oder fürchten ließ. Schließlich versteigt sich Bono darauf fast ein bisschen Madonna-haft in HipHop-Gefilde. "Das Aufregendste seit zehn Jahren", gaben Fans ihrer Freude darüber in Fan-Foren im Internet Ausdruck. Nein, gleich der Opener, der dem Album den Titel gegeben hat, ist perfekt produzierter Poprock zum Mitschwingen. Bono jault wie immer, und jeder US-Highschool-Film wäre glücklich über diesen Song im Soundtrack.

So geht es weiter. Die Gitarren sind da, der Beat ist da, die U2-Dynamik ist da. Die Melodien treffen wie immer die Sehnsuchts-Frequenzen, sogar das Tamburin hat einen kurzen Auftritt, wie auch das gute, alte Gitarrensolo. Was The Edge vielleicht meinte, sind kleinere Sound-Experimente: So beginnen "Moment Of Surrender" oder "Fez" mit Tönen, die fast an Portishead erinnern. Dafür lässt "Stand Up Comedy" wiederum an Red Hot Chili Peppers denken, und "Breathe" sogar an die Rolling Stones. U2 haben sich auf jeden Fall gut umgesehen, bevor sie ins Studio gingen.

Inhaltlich geht es natürlich auch wieder darum, die Welt zu verändern - wie Bono wortwörtlich in "I'll Go Crazy If I Don't Go Crazy Tonight" singt. Doch geht es auch subtiler wie in "Cedars Of Lebanon", wo er von einem Kriegsreporter erzählt, der "komplizierte Leben in einfache Überschriften quetschen" muss. Zu bemängeln ist, dass die Stimme häufig im U2-"Wall of Sound" versinkt. Doch alles in allem: Das Album funktioniert, auch wenn man Bonos Sehnsuchtsrufe diesem mittlerweile 48-jährigen Geschäftsmann der Unterhaltungsindustrie nur schwer abnehmen mag. Aber das ist vielleicht die Magie des ganzen Geschäfts. U2 ist wieder da. Bleibt die entscheidende Frage bei wem.

Wichtig für die Entwicklung

Das Album sei wichtig für die Entwicklung der Band, sagt Björn Lampe von U2tour.de, der größten deutschsprachigen Fan-Website der Band. Deren User, die eigentlich jeden U2-Ausstoß bei Erscheinen auf Platz eins bringen, haben sehnsüchtig auf das neue Werk gewartet. Lampe kann ihnen nun die frohe Kunde bringen, dass es nicht umsonst war.

Eine halbe Stunde später: Fünf Mädchen sitzen in der Berliner U-Bahn, kommen gerade aus der Schule und sind mit 13, 14 Jahren auf dem besten Wege in die "werberelevante Zielgruppe". Haar und Zahnspangen leuchten um die Wette, während Rihanna aus dem Handy plärrt.
Kennt ihr U2?"
"Meinst du US5?"
"Nein, diese irische Rockband von Bono ... der trägt immer so Sonnenbrillen."
"Wie schreibt man das? U und dann eine zwei? Ich glaube, das habe ich mal irgendwo gelesen ..."

"No Line On The Horizon" erscheint am 27. Februar bei Universal