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NEUSTART: Ab in die Glitterwochen

Ach, die Scheidung. Und die ganze traurige Familie. So richtig glücklich schien Mariah Carey eigentlich nie. Doch jetzt macht die teuerste Pop-Diva der Welt einen Neuanfang. Und man hört sie tatsächlich kichern.

Wer zuerst lacht, lacht vielleicht doch am besten. Mariah Carey jedenfalls giggelt und prustet und röhrt, noch ehe es richtig losgeht auf ihrem neuen Album »Glitter«, und hebt erst nach ausgiebigem Gegecker die Ausnahmestimme, um zu singen.

»Es brach aus mir heraus, ich musste es mit aufnehmen«, flötet die Frau, die 15 Nummer-eins-Hits hatte; nur die Beatles und Elvis Presley verkauften mehr. Sollen doch alle sehen, wie gut es ihr geht. »Rundum gut, zum ersten Mal«, wie die 31-Jährige beteuert. Grund genug hat sie ja: Da ist der 60-Millionen-Dollar-Rekordvertrag für drei Alben, den die Pop-Diva im Frühjahr mit Virgin Records abgeschlossen hat. Da ist ihr erster Kinofilm »Glitter«, in dem sie - Achtung, Autobiografie! - eine junge Sängerin mimt, die im Manhattan der 80er Jahre um Anerkennung kämpft. Da ist ihre neue Wohnung im New Yorker Loft-Stadtteil Tribeca, das erste Zuhause, das ganz allein ihr gehört (»bis hin zu Hund, Katze und Küchentisch«). Und da ist ihre Liaison mit dem mexikanischen Sängerkollegen Luis Miguel, der seine Liebeserklärungen in Form von Diamantarmbändern abzugeben pflegt. Eigentlich ein perfektes Leben. Zum Lachen eben.

Vielleicht liegt das daran, dass Mariah Carey ihren Frieden im Widerspruch gefunden hat - eine Sängerin, deren Stimme erstaunliche fünf Oktaven umfasst und deren Vermächtnis an die Musikwelt bislang doch nur aus reizenden Banalitäten besteht, eingängig und vergänglich, rein, raus, danke schön. Eine Hit-Nachtigall, deren Familiengeschichte keine Erfolge erwarten lässt, schon gar nicht Rekorde. Eher Abgründe, Tragödien und Neurosen - und dann sitzt vor einem eine makellos fröhliche Zuckerschnute mit karamellsahniger Haut und Kleinmädchenkichern.

»Meine frühen Jahre« nennt Mariah diese Zeit, über die sie so schwer wegkam. Der geliebte Daddy, halb schwarz, halb Latino, ließ die Mutter, eine glücklose Opernsängerin, sitzen, als Mariah noch keine drei war. Die ältere Schwester nahm Drogen, ging auf den Strich, hat heute Aids. Dreizehnmal zog Mariah um als Kind, wurde an den Schulen nie richtig akzeptiert, war immer die mit dem komischen Familienleben, immer die Ärmste. Aber sie wurde eben nicht, wie andere aus ihren Verhältnissen, als Teenie schwanger. Nahm eben keine Drogen. Sondern las Bücher, fing an zu singen, träumte von der Bühne.

Und dann kam der Prinzenauftritt, der in jede Aschenputtelgeschichte gehört. Mariahs Prinz war nicht gerade schön, aber reich; klein und dicklich - und von prächtigem Ehrgeiz. Sony-Chef Tommy Mottola, 20 Jahre älter als die damals 18-jährige Gelegenheitskellnerin (und Jungfrau!), goss eine Million Dollar PR-Gelder über seinem Fund aus, steckte eine halbe Million in Mariahs erstes Video. Nach der Heirat 1993 sperrte Mottola seine Entdeckung in einer Luxusvilla weg. »Damals hatte ich vergessen, dass auch ich ein Recht aufs Glücklichsein habe«, sagt Mariah heute. Fünf Jahre brauchte sie, um sich vom Meister frei zu machen, dann noch einmal vier und drei Platten voller Durchhalte-Songs, um die Scheidung zu verwinden.

Erst durchs Singen, sagt sie, fühle sie sich wohl in ihrer Haut - »weil es mich gelehrt hat, zu mir selbst zu stehen. Und ich bin nun mal ein Kombi-Menü, von jedem etwas.« Sagt?s und streckt einem ihre nackten Beine entgegen. Sie sind, tja, sahnebonbonbraun. Marktvorteil in den USA: Mit Mariah können sich alle Käufer identifizieren, egal ob schwarz, weiß, Latino. Mehr als 120 Millionen Alben hat sie verkauft und wurde zum höchstbezahlten weiblichen Pop-Star der Geschichte.

Sollen die Kritiker doch sagen, dass sie seifigen Kaufhaus-Pop liefert. Ihr geht es ums Machen, nicht um künstlerische Entwicklung. Rastlos ist sie, braucht nur vier Stunden Schlaf, kann schlecht allein sein. Ihren Urlaub verbringt sie mit »vielen Freunden« auf der Lieblingsinsel Capri. Kein Urlaub mit Luis Miguel? Oder vielleicht Flitterwochen? »Luis ist ein toller Mann, aber heiraten, ich weiß nicht . . .« Warum schon wieder? Und wann auch? Denn noch während Mariah beflissen Werbung für »Glitter« macht, dreht sie bereits den zweiten Film. »Wise Girls« handelt von einer New Yorker Mädchen-Gang, die Drogen verkauft. »Ich spiele die Anführerin, mit soooo langen Fingernägeln«, sagt Mariah. »Eine, die genau weiß, was sie will, und es sich nimmt, ohne zu fragen. Da kann ich noch viel lernen.«

Luis Miguel sollte auf sich aufpassen.