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SOUL: Mickymaus macht Freud

Die Kieksstimme liebt Sigmund und Sex: Mit »The Id« legt Macy Gray ein turbulentes zweites Album vor und zementiert ihren Status als sonderbarer Superstar.

Manche meinen ja, Macy Gray habe chronische Bronchitis. Oder klänge wie eine bekiffte Mickymaus. »Meine Mutter sagte immer: Gib auf und lern was Ordentliches, niemand will dich hören«, raspelt die 31-Jährige. »Sie träumte davon, dass ich Ärztin werde.« Die Frau, aus der stattdessen ein Superstar mit sieben Millionen verkauften Alben wurde, lacht so heftig, dass ihr Struwwelpeter-Afro wippt, und quiekt mit dieser unnachahmlichen Stimme - heute ihr Markenzeichen, einst ihr größtes Manko.

Steiniger Weg zum Erfolg

In der Schule hatte die als Natalie McIntyre in Ohio geborene Sängerin einst so wenig wie möglich geredet - aus Angst, gehänselt zu werden. Anfang der 90er zog sie nach Los Angeles, heiratete, trennte sich nach der Geburt des dritten Kindes von ihrem Mann. Nebenbei schrieb sie Songs und versuchte sich als Sängerin. Oft wurde sie ausgebuht, oft belächelt, selten gefeiert. Sie war einfach zu seltsam. Ihr erstes Album »Macy Gray On How Life Is« war zwar kein Über-Nacht-Erfolg. Doch nach einem Jahr fruchtete Macys rastloses Touren, die Single »I Try« wurde ein Hit, 2000 gab's sogar einen Grammy.

Alles dreht sich um Sex

Nun legt Macy Gray »The Id« nach, das Es - in Anspielung auf Sigmund Freud. Die Stücke pendeln entsprechend wahnwitzig zwischen Rock, HipHop, Soul und Polka, behandeln Beziehungen und Glauben, Liebe und Gewalt. Und Sex und Sex und Sex. »Ich bin sehr impulsiv«, sagt Macy achselzuckend. Sie nennt sich »Sex-O-Matic Venus Freak« und liefert für Songs wie »Harry« die Erklärung: »Bei uns in Ohio hat man als Schwarze keinen Sex mit weißen Jungs. In L. A. dagegen tut's jeder. Was war also das Erste, was ich dort machte? Ich ging mit einem weißen Typen ins Bett. Und der hieß Harry.«

»Ich mache mir echt Sorgen«

Vielleicht hat sie deshalb auch ein ganzes Album über Sex und Psyche aufgenommen: Sie geht seit Jahren zum Analytiker. Die Diagnose gibt sie gleich im ersten Titel auf »The Id« bekannt. »Relating To A Psychopath« heißt er. »Das ist über meine Fans, die mir ständig sagen: 'Ich kann wirklich etwas mit deinen Texten anfangen.' Und da ich weiß, was für ein Freak ich bin, mache ich mir echt Sorgen.«

Götz Bühler

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