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Stereophonics im Interview: "Ein Underdog muss auch bellen"

Sie gelten als eine der meist unterschätzten Bands des Indie-Pop. Gerade sind die Stereophonics mit ihrem neuen Album "Pull the Pin" auf Tour. Im stern.de-Interview war Frontmann Kelly Jones erst einmal schlecht gelaunt. Dann erzählte er jedoch noch von walisischem Humor und Bands, die nicht spielen können.

Seit mehr als zehn Jahren gehören die Stereophonics zum festen Inventar des Popgeschäfts, jedoch ohne jemals ganz große Stars gewesen zu sein. Mal schwerer, mal leichter wiegender Songwriter-Poprock hat den Männern aus einem kleinen Ort in Wales eine große, internationale Fangemeinde eingebracht. Bis auf eines ist jedes ihrer sechs Alben auf Platz eins der britischen Charts gelandet.

So richtig zufrieden sind Kelly Jones (Gesang, Gitarre) und Richard Jones (Bassist) jedoch nicht, denn die Band hat eine ganz eigene Zeitrechnung.

Mr. Kelly Jones, sind Sie ein wütender Mann?

Wie kommen Sie denn darauf?

Der Recherche nach zu urteilen, mögen Sie weder andere Bands noch Journalisten.

[aufgebracht] Das ist acht Jahre her. Das kommt größtenteils von einem Song namens "Mr. Writer", in dem es um einen Journalisten geht, den sich alle Journalisten zu Herzen genommen haben, was nicht die Intention des Songs war. Jede Band, wenn man 25, 26 ist, mag andere Bands nicht so gerne. Und so interviewt dich eben die britische Presse nach deinem ersten und zweiten Album: Sie provozieren dich, etwas über andere Bands zu sagen. Unser Humor, der in unserer Herkunft begründet liegt und deshalb sehr sarkistisch, sehr trocken und sehr schnell ist, kommt gedruckt nicht rüber. Wie vieles andere auch. Also wirst du missverstanden. Und von da an wirst du in Interviews genau das gefragt. Deshalb sind wir schon am Ende, bevor wir angefangen haben. Wenn ich Sie als erstes fragen würde, ob sie eine sehr wütende Person sind, wie würden Sie sich dann fühlen?

Ich habe nicht gesagt sehr.

Warum haben Sie mich nicht gefragt, ob ich ein sehr wundervoller Mann bin? Dann wären wir jetzt auf einer anderen Ebene.

Gibt es ein Zeitfenster, wie lange Bands Zeit haben, ihr Image selbst zu kontrollieren?

Absolut. Die ersten beiden Alben. Aber das wussten wir damals nicht. Wir waren sehr zurückhaltend und wollten unser Privatleben schützen, anders als Bands heute, die einfach alles erzählen, wofür sie den größten Teil der Medienaufmerksamkeit kriegen. Mehr als für die Musik. So rumzuprahlen und anzugeben war aber nicht unser Ding. Wenn wir denen wirklich erzählt hätten, was wir machen, hätten sie uns geschnappt, und wir hätten es nicht mehr machen können. Am Anfang war das alles sehr einfach: Es ging darum, hunderte Shows im Jahr zu spielen und Platten abzuliefern, die es fast alle auf Platz eins der Charts geschafft haben. Darauf haben wir uns konzentriert, und daher kommen Geheimnis, Desinteresse, Missverständnisse, Intrigen, was auch immer.

Und daher kommt auch die Aggressivität?

Richard Jones: Die Wut und das Feuer im Bauch rühren daher, dass wir von Anfang an mit dem Rücken zur Wand standen. Also wirst du ein Underdog. Und wenn du ein Underdog bist, kämpfst du. Schon einen Plattenvertrag zu kriegen, war ziemlich hart.

Dabei liest es sich, als sei es ganz einfach gewesen.

Kelly Jones: Nein, es war sehr schwierig. Wir sind vier Jahre lang andauernd zwischen London und Wales gependelt. Wir hatten alle Jobs. Es war wirklich alles andere als einfach, aber als wir den Vertrag dann hatten, waren wir bereit. Wie andere Bands es auch gewesen wären. Vielleicht ist es so angekommen, als sei es einfach gewesen, weil es von da an nur noch aufwärts ging. Aber wir haben nie Songs oder Auftritte vermasselt, weil wir vorher schon zehn Jahre lang Erfahrungen gesammelt haben. Wir haben uns zu dem entwickelt, was wir sind. Richard Jones: Wir hatten Zeit, eine Fanbase aufzubauen. Die Leute kannten die Band, bevor ein Album im Laden stand. Das ist eher der old school Weg. Aber wir mussten den gehen.

Lag das an der Freude am Spielen oder hatten Sie immer ein Ziel vor Augen?

Wir haben an unseren Erfolg geglaubt. Wir wussten, dass wir vom Songwriting leben könnten. Wann immer wir auf Tour waren mit den ganzen großen Bands, den coolen Bands, haben wir gemerkt, dass die gar nicht spielen können, nicht singen können, dass die keine Songs schreiben können. Aber wir können es. Kelly Jones: Ich schätze, das hat uns wütend gemacht. Weil wir nie Angst hatten vor irgendwelchen Bands. All diese Bands, die auf den Titelblättern waren und im Radio gespielt wurden. Wir haben alle Konzerte ausverkauft - die nicht. Selbst als wir den Newcomer Award bei den Brit Awards bekommen haben, war es verdammt noch mal an der Zeit für Anerkennung. Und das war ein Nachwuchspreis, was eigentlich lächerlich ist. Ein Preis dafür, dass uns nach zehn Jahren Arbeit keiner kennt. So hat es sich angefühlt. Zurückblickend kann ich exakt den Zeitpunkt bestimmen, an dem das Missverständnis seinen Anfang genommen hat. Javier Weyler: Die Wut macht dich stärker. Du bist hungriger, gehst raus und spielst noch mehr Shows.

Also war es am Ende sogar gut?

Kelly Jones: Es gibt uns noch. Ein Underdog macht keinen Sinn, wenn er nicht bellt.

Könnte man sagen, die Stereophonics sind die Madonna unter den Indie-Bands? Sie sind nach all den Jahren immer noch da!

Neuer Haarschnitt für jede Platte [lacht] Nein, ich weiß, was sie meinen. Ohne es zu forcieren, haben wir gelernt, auf jeder Platte anders zu spielen, anders zu schreiben, anderes Cover-Artwork zu benutzen. Die Band sieht jedes Mal ein bisschen anders aus. Aus Fan-Perspektive will ich ja jedes Mal was anderes sehen. Ob es nun Bowie oder U2 ist. Als wir Kinder waren, gab es Bands, die dafür geliebt wurden, dass sie immer gleich blieben wie AC/DC oder die Stones, und dann gibt es Bands, da möchstest du mehr sehen. Ich denke, unser Songwriting hat sich von Platte zu Platte verändert. Wenn wir uns nicht mit diesen Songs verändern würden, dann würde es keinen Sinn machen. Ich hätte dieselben Kleinstadtgeschichten immer wieder erzählen können, die nächsten 15 Jahre lang, aber ich will über das schreiben, was ich erlebe.

Was macht denn Ihren Erfolg aus - Hartnäckigkeit oder Zufall?

Eher Zufall. Ich glaube, bis zum dritten Album wussten wir nicht wirklich, was wir da eigentlich machen. Als Band sind wir sehr egoistisch in der Art, wie wir Platten machen. Wir machen sie für uns! Wir denke an unsere Fans, aber wenn sie sie nicht mögen...

Was ich nie so ganz verstanden habe, ist das Konzept der DVD. Sie haben schon einige rausgebracht. Was soll das eigentlich?

Richard Jones: Das wollen die Fans haben. Zuletzt haben wir die Geschichte der Band rausgebracht, die vergangenen zehn Jahre. Wir hatten das Gefühl, es war ein guter Zeitpunkt, diese Dokumentation zu machen. Kelly Jones: Alle Bands bringen Weihnachten DVDs raus. Zu Beginn haben wir ein paar Live-DVDs gemacht, als der Dokumentarfilm dann kann, hatte die Geschichte plötzlich einen Anfang, eine Mitte und ein Ende.

Ist das gut oder schlecht?

Es fühlt sich seltsam an. Als wir im Schneideraum saßen, war es noch ok, aber wenn du im Kino sitzt und dein Leben vorbeifliegen siehst, versuchst du auszumachen, was wohl die besten Parts waren und um dich rum sitzen all die Leute. Das ist schon komisch. Andererseits bin ich froh, dass es dokumentiert wurde, du siehst deine eigene Entwicklung als Mensch. Ich war mein ganzes Leben auf Tour. Ich habe die Veränderungen nicht so richtig bemerkt. Wir waren in Hotels, waren unterwegs, haben nie wirklich angehalten.

War die DVD die Möglichkeit runterzukommen?

Ja, wir mussten ein ganzes Jahr Pause machen, um zu sammeln, sortieren und nachzudenken. Das war eine Möglichkeit, um Bilanz zu ziehen.

Richard Jones: Es war auch eine Art Fest dessen, was wir erreicht haben.

Mochten Sie denn alles, was sie gesehen haben?

Richard Jones: Ein paar Haartschnitte hätten vielleicht nicht sein müssen...

Sie schreiben auch Kurzgeschichten...

Kelly Jones: Ich habe fürs Fernsehen geschriebe, als ich am ersten Album saß. Da war ich 19, 20. Viel Dialog, Kurzgeschichten...

Hat das fürs Songwriting geholfen?

Wie Leute reden, hatte immer einen großen Einfluss auf mich. Ich bin mit älteren Leuten aufgewachsen. Mein Vater war Sänger, und er hat mich immer mit in die Pubs genommen. Da habe ich dann mit seltsamen, wenn auch faszinierenden Charakteren herumgesessen. Seitdem kann ich Menschen gut einschätzen. Und ich habe auch die Gabe, vorherzusehen, was jemand sagen wird, tun wird. Das kommt von damals. Das kommt durch, wenn du Kurzgeschichten oder auch Songs schreibst. Daher kommen die Ideen, die Vorstellungskraft. Deshalb habe ich nach dem ersten Album auch noch etwas zu sagen. Bei vielen ist nach dem ersten Album schon alles gesagt. Es sollte beim ersten Album nicht nur um einen selbst gehen.

Aber Musik ist doch eigentlich immer ein egozentrisches Projekt

Unser erstes Album hatte nichts mit mir zu tun, sondern mit dem Blick auf den Ort, wo ich groß geworden bin. All die verrückten Geschichten und Leute, Tragödien, Komödien. Aber es war eben mein Blick auf die Dinge. Geschrieben durch mein Auge. Das zweite Album war über meine ersten Schritte in der großen weiten Welt, und meine Naivität. Es ist großartig, naiv zu sein, wenn du schreibst. Drittes Album: Das war Nostalgie. Und die ist auch gut fürs Schreiben. Viertes Album: Deine erste Trennung, du verlierst dein erstes Haus, auch toll fürs Schreiben. Fünftes Album ist der Neuanfang. Sechstes Album: Du denkst scheiß drauf, und beim siebten bist du froh, dass es dich noch gibt.

Interview: Sophie Albers
Konzerte: 27. Februar, München
1. März, Esch-Alzette

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