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Pop-Star in Köln: Mit der Tochter bei Taylor

Taylor Swift sorgte schon eine Woche vor dem Konzert in Köln für Schlafmangel bei stern-Autor Oliver Creutz und seiner elfjährigen Tochter. Bei dem Besuch des Spektakels waren beide emotional auf Augenhöhe.

Von Oliver Creutz, Köln

Taylor Swift auf ihrer "1989 World Tour" in Köln

Mit lediglich acht Auftritten macht sich Taylor Swift in Europa rar

Die Woche vorher war von Schlafmangel geprägt. Meine Tochter, bald zwölf, war so aufgeregt, dass sie jeden Morgen deutlich vor sechs Uhr wach wurde. Ihr Wachsein wiederum war so unüberhörbar, dass auch bei mir an Weiterschlafen nicht zu denken war. Insofern waren wir beide froh, dass es endlich los gehen sollte. 

"Ich kann mir das kaum vorstellen: Taylor und ich in einem Raum. Ich kenne sie doch bislang nur von Fotos und Videos", sagte meine Tochter auf der Zugfahrt an den Rhein. Dieses kindliche Gefühl der fast ohnmächtigen Freude, einer verehrten Gestalt ganz nahe zu sein - so ging es mir, als ich zum ersten Mal die Bayern in der Allianz Arena spielen sah. Ist noch nicht lange her. Meine Tochter und ich sind also auf Augenhöhe.

Wumms und Bummtschakadings

15.000 Menschen in einer Halle. "Ob sie mich sehen kann?", fragt meine Tochter. Ich erkläre ihr, dass Bühnenmenschen meist in eine amorphe Masse blickten, geblendet von den Scheinwerfern. Gesichter seien da nicht zu erkennen. Taylor Swift aber sollte in eine Masse blicken, aus der in allen Farben "1989" und ihr Name glommen, gebastelt aus Leuchtketten, die ich bislang nur aus weihnachtlichen Fenstern kannte. Das ist aber auch eine Bescherung hier. Die Jahreszahl "1989" glomm übrigens, weil so die Platte heißt, die aus dem Country-Star Swift eine weltweite Pop-Berühmtheit machte: ein Album aus der Gegenwart, das Gefühle und Klänge der 80er wieder auferstehen lässt. Mit viel mehr Wumms und Bummtschakadings.


Swift ist 1989 geboren; da ging ich in die 12. Klasse. Deswegen fällt mir auf, dass Teile des Liedes "Blank Space" wie Depeche Mode zu "Black Celebration"-Zeiten klingen. Kennt meine Tochter nicht, und die beiden Mädchen in der Reihe vor uns, die den gesamten Abend lang Selfies von sich machen, kennen es bestimmt auch nicht. Und es ist auch allen völlig egal. Dieses Konzert hier ist für die Jugend, nicht für die Berufsjugendlichen.

Taylor Swift weiß ihre Fans zu unterhalten. Bevor es losgeht, lässt sie über die Videowände Filme zeigen. In ihnen erzählt sie von ihren Macken (sie hat panische Angst vor Mundgeruch und führt ein Arsenal von Erfrischungsmitteln in ihrer Handtasche mit sich), und einmal sagt sie, sie hätte in den 80ern wahnsinnig gern ein Konzert von Madonna gesehen. Okay, das ist also die Messlatte. Hier muss sie drüber. Ich sage zu meiner Tochter, dass ich Madonna auch mal gesehen habe, zirka 2001; das hat sie wohl nicht gehört, sie reagiert zumindest nicht darauf. Zu sehr ist sie konzentriert auf den Moment, in dem der Vorhang fällt.

Madonna war nie so höflich

Er geht nieder mit den Klängen zu "Welcome to New York". Die Halle ist schlagartig ist einen Lichthof verwandelt, es blinkt, strahlt von 15.000 Plätzen, von der Bühne, von den Leinwänden. Meine Tochter klammert sich mit der einen Hand ans Geländer vor ihr, sie wippt und hat den Blick so starr auf die Bühne geheftet wie früher, wenn wir im Weihnachtsmärchen waren. In der anderen Hand hält sie ihren iPod, sie will den Abend festhalten, um später immer wieder begreifen zu können, was sie heute erlebt hat. Später übernehme ich für sie den Job des Kameramanns.

Taylor Swift stammt aus Pennsylvania. Ich vermute, die Menschen dort sind sehr gastfreundlich, und so behandelt die Künstlerin ihr Publikum wie Gäste, die sie zu sich nach Hause eingeladen hat. "Schön, dass ihr die weite Reise auf euch genommen habt. Hoffentlich fühlt ihr euch wohl." Ich glaube nicht, dass Madonna jemals so höflich zu ihrem Publikum war. Swift ist die Musik gewordene "convenience": Wir wollen uns umsorgt und gut behandelt fühlen.

Vorsicht mit den Schuhen 

Die Musik rattert D-Zug-mäßig vor sich hin. Die vielen Tänzer machen eins auf Varieté, und wenn sich der Steg vor der Bühne in die Luft hebt wie ein Fahrgerät auf dem Rummel, dann sieht man im Schweinwerferlicht, dass Swift links und rechts durch Kabel gegen den Absturz gesichert ist. Sie trägt auch sehr hochhackige Schuhe, da muss man vorsichtig sein. Nicht dass es ihr so geht wie neulich Dave Grohl von den Foo Fighters, der sich das Bein brach, als er von der Bühne plumpste.

In schlimmen Momenten, und von denen gibt es ganz wenige, poltert die Musik so wie bei Lady Gaga. In anderen Momenten, und von ihnen gibt es nicht ganz so wenige, denke ich, so muss es auch bei Helene Fischer-Konzerten zugehen: Blonde Frau betört die Massen mit Melodien, die von der Stange kommen. Ich bin da aber kein Experte; ich verlasse für gewöhnlich den Raum, wenn Helene Fischer gespielt wird. Doch die tollen Momente des Konzertes, an denen ich weder an Gaga noch an Fischer denke, sind deutlich in der Mehrheit. Dann denke ich höchstens an meinen Arm, der langsam müde wird vom iPod-in-die-Luft-Halten. Taylor Swift ist eine Meisterin darin, Knall an Knall zu reihen. Meine Tochter singt jede Zeile mit. Sie habe am Nachmittag noch mal geübt, sagt sie später.

Taylor Swift im ledernen Catsuit

Was ich am meisten bewundere: Wie schnell Taylor Swift vom weißen Abendkleid ins lederne Catsuit wechselt, in dem sie dann "Bad Blood" vorführt. Wie lange sie dafür geübt haben muss! Nach "Bad Blood" hängt sie sich gar eine Fender-Gitarre um den Hals und haut auf sie ein, als wolle sie einen Gruß an Neil Young senden. Merkt außer mir wahrscheinlich wieder keine Sau.

Nach zwei Stunden schließlich "Shake it off": raumgreifende Glückseligkeit, größer vielleicht als beim Karneval (wir sind, nicht zu vergessen, in Köln), ein kollektives "Ich flippe aus", und auch meine Tochter dreht durch (auf ihre eher hanseatische Art). Danach bedankt sich Taylor artig. Ihre Frisur, die teils nach Lauren Bacall, teils nach Irm Herrmann aussieht, ist kein bisschen verrutscht.

"Was macht Taylor wohl jetzt?", fragt meine Tochter auf dem Weg zurück zum Zug. Vielleicht trainiert sie weiter die Nummer mit dem Catsuit, vielleicht trinkt sie auch einfach ein Kölsch. Cheers, Taylor! Meine Tochter hat nun sehr viel zu erzählen, wenn sie am Montag in der Schule ist. Und ich in der Firma auch.