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The Libertines: Großartig gefetzt

Das Leben dieser Band könnte dem Drehbuch zu einem Rock'n'Roll-Film entstammen. Doch die Libertines machen nicht nur mit ihren Eskapaden Schlagzeilen, sondern vor allem mit ihrer herausragenden Musik.

"Du kannst mich jetzt nicht ausstehen" singen die Libertines gleich im ersten Lied ihres zweiten Albums. Danach pfeifen sie sinngemäß in "Last Post On The Bugle" auf dem letzten Loch und sind später in den "Tomblands" und auf der "Road To Ruin". "Es sind Lieder über Zerstörung und Selbstzerstörung, Lügen und Heuchelei", sagt Sänger und Gitarrist Carl Barat über das schlicht "The Libertines" betitelte Album.

Das war vor ein paar Wochen, und damals wusste Barat keine Antwort auf die Frage, wie die Band angesichts der Drogenprobleme seines Partners Pete Doherty weitermachen wolle. "Ich denke nicht weiter als zehn Minuten in die Zukunft", formulierte Barat ein libertinär klingendes Credo.

Immer Ärger um Peter Doherty

Aber mit der Veröffentlichung in dieser Woche haben sich die Dinge doch so entwickelt, wie man es als vernünftig beschreiben könnte: Nach Angaben einer Sprecherin der Libertines-Plattenfirma Rough Trade gehört Doherty nicht mehr zur Band. An seiner Stelle spielt wohl Anthony Rossomando die zweite Gitarre, der bereits im Sommer 2003 bei den Festivals in Reading und Leads für Doherty eingesprungen war. Rossomando stand auch am letzten Augustwochenende mit den Libertines auf der Bühne in Reading. Bassist John Hassall übernimmt auf den anstehenden Tourneen Dohertys Gesangsparts. Der sensible, aber vollkommen ausgeflippte Doherty könne in die Band zurückkommen, "wenn er clean ist". Seit August 2003 war bekannt, dass er Crack- und heroinsüchtig ist.

Beschwörungen des Hier und Jetzt

Als im Herbst 2002 das von Ex-Clash-Mitglied Mick Jones produzierte Debütalbum "Up The Bracket" erschien, war sich vor allem die britische Musikpresse einig, dass hier die vielversprechendste Band in der Tradition der Kinks und The Clash an den Start gegangen war. Die Libertines beschworen wie keine anderen ihrer Zeitgenossen einen von Lust und Freigeisterei bestimmten Lebensstil, beschworen das Hier und Jetzt - die Risiken und Nebenwirkungen gehören zum Mythos von Sex and Drugs and Rock'n'Roll. Und sie forderten mit einem außer Kontrolle geratenen Doherty ihren Tribut: Während sie sich weiter im "guerilla-gigging" in englischen Clubs austobten, spielten weniger begabte, aber diszipliniertere Bands ihrer Generation schon auf den großen Bühnen.

"Bei uns ist es halt anders"

"Alles, was folgt ist wahr. Niemand würde es glauben, wenn es erfunden wäre", schrieb Rough Trade über eine Band-Chronik seit Dezember 2001. Trauriger Höhepunkt ist ein Einbruch Dohertys bei Barat im Drogenrausch. Er wird verhaftet und zu einem halben Jahr Gefängnis verurteilt; vier Wochen muss er absitzen. Barat und Doherty versöhnen sich wieder und versuchen nach der Haftentlassung Petes im Oktober 2003 den Neuanfang. Bis zum Frühjahr entstehen die Songs für das zweite Album, das erst ein paar Wochen vor der Veröffentlichung seinen Namen bekommt. "Das hat doch was, unser zweites Album 'The Libertines' zu nennen", erklärt Barat. "Andere nennen das Debüt nach sich selbst. Bei uns ist es halt anders."

Je öfter man sich die 14 Songs anhört, desto deutlicher wird, wie treffend der Albumtitel ist. Es sind zum letzten Mal die Libertines in ihrem Urzustand; rohe und ungeschliffene Diamanten mit Barat und Doherty als Spannungspole im Kreativzentrum, während Hassall und Drummer Gary Powell manchmal geradezu verzweifelt versuchen, die auseinanderstrebenden Gitarren- und Gesangslinien zusammen zu halten. "The Libertines" ist ein hochgradig neurotisches Album, es ist ehrlich und direkt. Am 6. September spielen sie mit Doherty-Ersatz in Berlin und am Tag darauf in Köln.

Uwe Käding, AP

DPA