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Live in Deutschland: Trockne deine Tränen, Kumpel: The Streets trösten alt gewordene Millennials mit ihrer Musik

The Streets waren in den Nullerjahren der heiße Scheiß. Danach wurde es ruhig um das legendäre Ein-Mann-Projekt des britischen Garagendichters Mike Skinner – bis jetzt: Die Revival-Tour gerät zur rührenden Oldies-Nacht für Thirtysomethings. NEON war in Hamburg dabei.

The Streets live: Mike Skinner

The Streets live: Mike Skinner predigt seine Straßenpoesie zurzeit live auf deutschen Bühnen

Getty Images

Eigentlich sollten wir erwachsen werden. So lautete der Slogan der ersten NEON-Ausgabe, die im Jahrhundertsommer 2003 auf den Markt geworfen wurde. Das Heft richtete sich mit diesem Motto an die Um-die-20-Jährigen, die nach dem 11. September 2001 seinerzeit zum ersten Mal mit der Vermutung konfrontiert wurden, dass diese Welt vielleicht doch nicht so heile ist, wie ihnen die sorglos-hedonistischen Neunziger weisgemacht hatten.

Aber war es deshalb auch gleich Zeit, erwachsen zu werden? Eigentlich. Aber eigentlich auch nicht. Für diese Zwickmühle lieferte die neue NEON die passenden Artikel, der Soundtrack kam derweil neben sexy Indierock-Lauchs wie The Strokes und The Libertines vor allem vom britischen Gossenpoeten Mike Skinner aus Birmingham. Mit Cockney-Dialekt über Garage-Beats rappte er sich als Ein-Mann-Projekt The Streets in die Herzen seiner orientierungslosen Altersgenossen.

The Streets: Revival-Tour nach fast zehn Jahren

Zwischen 2002 und 2004 veröffentlichte Skinner, Jahrgang 1978, mit seinen ersten beiden Alben, "Original Pirate Material" und "A Grand Don't Come For Free", zwei frühe Klassiker der Nullerjahre, es folgten bis 2011 noch drei weitere Alben, dann wurde es ruhig, ja, stumm um Mike Skinner. Was kein Wunder war, weil The Streets ein Zeichen ihrer Zeit waren und man sich ohnehin nicht vorstellen konnte, dass Skinner jenseits seines 30. Lebensjahres noch etwas zu erzählen haben könnte.

Aber wie es sich für einen Künstler, der für einen kurzen Moment der Größte war, gehört, folgt jetzt nach fast zehn Jahren Pause die große Revival-Tour, die in England bereits die Hallen füllte und nun fünfmal Halt in Deutschland macht.

Es ist ein Montag im Hamburger Februar und die Große Freiheit 36 ist so ausverkauft, dass es an Sauerstoff mangelt. Das Publikum besteht beinahe ausschließlich aus Menschen, die damals eigentlich erwachsen werden sollten, und nun stramm auf die 40 zugehen.

Unter ihnen jede Menge Pärchen: Typen, die "Original Pirate Material" beim Playstation-Zocken im Jugendzimmer hörten, haben heute ihre Ehefrau dabei. Schmunzelnd erinnern sie sich an die Zeit, als sie das mit den Mädchen irgendwie noch nicht so richtig auf die Reihe bekamen und Skinner darüber in Songs wie "It's Too Late" so identitätsstiftend philosophierte. Bei vielen von ihnen spannt das alte Fred-Perry-Shirt längst bedenklich über dem Bierbäuchlein und auch die Trainingsjacke wirkt 15 Jahre später irgendwie wurstig.

Aber genau das macht diesen Konzertabend so verdammt rührend: The Streets waren ein sehr zeitgeistiges Phänomen, aber das konnte damals keiner von uns ahnen. Inzwischen hat uns das Leben gelehrt, dass alles irgendwann vorbeigeht und jeder Rausch nur auf Zeit ist. Aber ein Abend mit Mike Skinner und seiner formidablen Live-Band erinnert uns daran, wie wichtig es ist, diese Erkenntnis zwischendurch auch mal für zwei Stunden zu vergessen.

Mike Skinner ist unser Mick Jagger

Und so nicken wir wissend zum treibenden Beat von "Turn The Page", drehen durch zu "Fit But You Know It" und weinen mit dem Engländer neben uns, der bei "Dry Your Eyes" den Kopf auf die Schulter seines besten Kumpels legt, weil ihn der Song an irgendeine tiefe Traurigkeit seines Lebens erinnert. Trockne deine Tränen, Kumpel, sagen wir und geben ihm noch ein Bier aus. Oder frei nach The Streets: "Stay positive!" (vgl. "Original Pirate Material", Track 14)

Früher haben wir uns über die alten Knacker lustig gemacht, die beim Stones-Konzert in Erinnerungen schwelgen. Heute ist Mike Skinner unser Mick Jagger. Aber das macht nichts. Weil wir längst wissen: Ein bisschen Nostalgie schadet nie. Wir sind ja jetzt erwachsen.

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