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Interview

Bela B im Gespräch: "Ich hatte Bock auf das Rockstar-Leben, auf Saufen, Fertigsein und Groupies in Backstage-Räumen"

Schlagzeuger, Schauspieler, Sprecher und jetzt auch frischgebackener Roman-Autor: Bela B, ein Drittel der besten Band der Welt, Die Ärzte, veröffentlicht sein Erstlingswerk "Scharnow". Hat der Mann zu viel Zeit? Das und einiges mehr hat stern-Autor Ingo Scheel ihn persönlich gefragt.

Von Ingo Scheel

Bela B spricht über sein neues Buch "Scharnow"

Bela B spricht mit dem stern über sein neues Buch "Scharnow"

Picture Alliance

Bela, deine ersten drei Bands hießen Empire, Wild in the Streets und Kawumm. Welche hätte am ehesten das Zeug zum Durchbruch gehabt?

Wild In The Streets hat es eigentlich gar nicht gegeben, bei Kawumm haben wir nur gekifft, daher auch der Name. Empire war eine Schülerband, mit der wir ausschließlich Coversongs gespielt haben. Also keine von denen. Immerhin war ich da aber schon singender Schlagzeuger.

Einen Song von der Setlist?

Wir haben "Brand New Cadillac" (vom Rockabilly-Musiker Vince Taylor, Anm. d. Redaktion) gespielt, wobei ich das Original da noch nicht kannte, ich kannte nur die Version von The Clash.

Was ist Deine früheste Punk-Erinnerung?

Als ich nachts das Radio angemacht habe, weil ich schon immer etwas somnambul und gern lange wach war, und SFB oder Rias hörte. Moderator Burkhard Rausch spielte Punkplatten, das Lied war "Running Riot" von Cock Sparrer und ich habe richtig Schiss vor dieser rohen Gewalt bekommen. Das hat mich so reingezogen, als hätte es die Finger nach mir ausgestreckt. Ich hatte Angst und war gleichzeitig fasziniert. Wie bei einer Droge, die dir jemand hinlegt und sagt: Nimm' mal! Alles wird gut. Aber es gibt eben auch die 50/50-Chance, dass du abhängig wirst. Oder Hirnblutungen bekommst.

Was gefiel dir besser am Punk – das Musikalische oder die Haltung?

Die Haltung, klar, aber auch die Songs. Ich mochte  schon immer Lieder, die catchy sind. Nimm' nur "New Rose" von The Damned, das ist eigentlich ein Liebeslied, aber diese Typen haben mich wegen ihrer krassen Optik tierisch angezogen. Von daher also vielleicht eher die Haltung.

Hattest Du schon als junger Musiker den Wunsch, "es zu schaffen"? War Karrieremachen ein Antrieb?

Mit 15, 16 Jahren, als es noch gar nicht in Aussicht stand, auf jeden Fall. Das war ein Traum, von dem ich nie wirklich dachte, ich würde ihn erreichen. Ich habe ja bei der Polizei angefangen und wieder gekündigt, bin Dekorateur geworden. Da habe ich ganz coole Leute kennengelernt, Filmemacher Jörg Buttgereit war mit mir in der Berufsschule. Dann kam Punkrock, das Kiffen, dann war es irgendwie scheißegal. Der Hedonismus trat in mein Leben, der Gedanke daran, dass man im Jahr 2000 eh' tot ist. Ich mach' jetzt nur, was ich will, dachte ich. Dann kam Jan in die Band. Heute würde man sagen, wir waren Seelenverwandte, damals hatten wir einfach denselben Humor. Da hatten wir dann irgendwann das Ziel, etwas Größeres, etwas Originelleres zu machen, als nur diese Punkband, mit der wir uns von Song zu Song hangelten.

Dann habt ihr Die Ärzte gegründet.

Dann haben wir Die Ärzte gegründet. Wir standen damals immer lange an Bushaltestellen, weil Jan nach Fronau musste, und haben darüber herumgealbert, was wir alles tun, wenn wir Rockstars werden. Wir wollten das ja aber nicht wirklich. Dann war da der Moment, als immer mehr Zuschauer zu den Konzerten kamen und unsere Indie-Firma sagte: So, jetzt ein Plattenvertrag. Als wir später das erste Mal in der "Bravo" auftauchten, war das eher ein Spaß. Irgendwann hatte ich dann Bock auf das Rockstar-Leben, gar nicht mal wegen des Erfolgs, aber halt auf Saufen und Fertigsein, auf Groupies in Backstage-Räumen.

Was haben Deine Eltern dazu gesagt?

Meine Mutter war immer sehr von Jan eingenommen. Er hatte so ein cleaneres Äußeres, und sie sagte immer, das sei doch so ein Lieber, so ein Anständiger. Jan war immer die Beruhigung für meine Eltern.

Erinnerst Du Dich an einen Satz, der in einem Deiner Zeugnisse stand?

"Er bemühte sich um Pünktlichkeit". Das heißt natürlich genau das Gegenteil, ist klar.

Hat Dich jemals einer Deiner Helden enttäuscht?

Aber klar. In dieser kurzen Rockstar-Phase war Keith Richards mein Idol, wie wohl für viele Leute. Irgendwann ging mir sein Gelaber so auf die Nerven. Ich mag es nicht, wenn man andauernd so Bandkram in die Öffentlichkeit trägt. Richards hat deutlich mehr über Mick Jagger geredet als umgekehrt, das hat mir nicht gefallen. Das fand ich sogar richtig ätzend, denn genau in der Zeit fing ich an, eine Band als etwas Heiliges, als eine Allianz zu verstehen. Als wir bekannter wurden, als wir in der "Bravo" waren, da hatten wir plötzlich so viele Leute gegen uns. Da war es wichtig, dass wir uns, dass wir einander hatten und zusammenhielten. Dass jemand in der Öffentlichkeit so mies über ein anderes Bandmitglied redet, hat mir überhaupt nicht gefallen.

Mit Deinem ersten Roman gibt es jetzt ein neues Betätigungsfeld. Bist Du nicht ausgelastet?

Ja. Nein. Es war wie bei so vielen Dingen im Leben: Wenn sich die Gelegenheit bietet, dann nimmt man das halt an. So geht das Leben vorwärts und macht Spaß. Natürlich möchte ich den Leuten nicht auf die Nerven fallen mit immer wieder neuen Sachen, so von wegen jetzt schauspielert er, jetzt macht er dies, jetzt hat er einen Verlag. Aber ich wollte dieses Experiment mit mir eingehen und habe es ja auch bis Mitte letzten Jahres geheimgehalten, weil ich nicht wusste, ob das was werden würde. Jetzt bin ich sehr stolz darauf.

Kannst du den Inhalt von "Scharnow" in einem Satz zusammenfassen?

Meine Sätze sind ja immer eine halbe Seite lang, insofern … (lacht). Das ist mir jetzt beim Hörbuch wieder aufgefallen, immer noch ein Komma, immer noch ein Halbsatz. Aber gut: Es ist ein Buch, wo in der Provinz Fantastik mit Realität zusammenclasht, voller Menschen, denen auf der Suche nach Glück das Fantastische im Weg steht und sie es meistens nicht einmal bemerken.

Wie empfänglich bist Du während der Arbeit für Tipps oder Kritik?

Ähm, Kritik ist schwer, besonders, wenn man noch am Anfang steht und sehr unsicher ist. Deswegen habe ich mit einer Lektorin gearbeitet, die konnte beides, die ist es gewohnt. Sie hat als Autorin fürs Theater gearbeitet, als Dramaturgin, Lektorin. Wir sind seit langem befreundet, sie hat unter anderem die Übersetzung für "Treibstoff" und "Boy Wonder", von James Robert Baker gemacht, zwei meiner absoluten Lieblingsbücher. Von ihr habe ich Tipps und Kritik angenommen, ansonsten wollte ich erst mal keine Ratschläge. Zu viele Köche verderben den Brei. Es ist ja auch mein Buch, ich hatte meinen Weg, meinen Plan, meine eigene Zeit.

Wann dürfen Rod und Farin das Werk lesen?

Wenn es fertig und veröffentlicht ist. Bis zum Schluss wurde immer noch korrigiert. Ich gebe den beiden das richtige Buch, mit Widmung und allem Drum und Dran.

Die Ärzte-Box "Seitenhirsch", Konzerte im Sommer, jetzt das Buch – alles in 2019. War das so geplant?

Nein, das war es nicht. Die Ärzte lagen ja so lange brach. Wir haben uns immer einmal im Jahr zum Essen getroffen, dann haben wir diesen Spotify-Schritt beschlossen, warum auch immer. Wir dachten halt, wir müssten irgendwann auch mal im 21. Jahrhundert ankommen. An der Box haben wir und ganz viele Leute zwei Jahre gearbeitet, die sollte eigentlich letztes Jahr schon erscheinen. Jetzt ist halt die Ernte.

Im letzten Jahr stand Rod mit den Toten Hosen beim #Wirsindmehr-Festival in Chemnitz auf der Bühne. Wäre das nicht ein guter Anlass für Die Ärzte gewesen?

Jan war zu der Zeit nicht in Deutschland, das wäre also nicht gegangen. Als ich von dem Konzert hörte, einen Tag vorher, rief ich bei der Agentur der Hosen an und sagte, ich könnte kommen. Da gab es aber erst am nächsten Tag eine Reaktion und es hieß, Rodrigo sitzt schon im Bus der Hosen. Das war für ihn natürlich deutlich näher. Ich wäre sonst auch hingefahren, ich fand das wichtig und gut. Super, dass eine Band wie Kraftklub das da durchzieht und verantwortet. Es war ein gutes, wichtiges Zeichen. Kein 'Wir gegen die', sondern ein "Wir sind mehr", wie es der Titel ja auch unmissverständlich gesagt hat.

Die Konzerte im Sommer finden in einem anderen Deutschland statt als noch vor wenigen Jahren. Wird man das spüren?

Es hat ja alles auch mit dem Anwachsen der sozialen Medien zu tun. Der Hass, die Sprache, was sich auch auf der Straße Bahn bricht. Das kommt von so einem Gefühl, endlich mal zu sagen, was man will. Fast, als würden sich die Leute verpflichtet fühlen, negativ zu sein. Auf unserer Tour, auch durch Europa, überwiegt einfach die Freude von uns und von den Fans aufeinander. Bei einer großen Nummer wie "Rock am Ring" werden wir uns sicher die eine oder andere Spitze nicht verkneifen können, aber der Alkoholpegel bei derlei Massenveranstaltungen liegt natürlich sehr hoch, von daher ist das fraglich, ob das überhaupt Gehör findet. Ich persönlich habe mich früher immer sehr auf die Festivals gefreut, dort rumzulatschen, andere Bands zu sehen. In diesem Jahr spielen Slayer mit uns an einem Tag. Aber inzwischen filmt ja jeder Musiker für seinen Instagram-Account und das wird dann womöglich ein Spießrutenlauf, weil es für viele halt die letzte Möglichkeit ist, nochmal schnell ein Foto mit den Ärzten zu machen.

Wird es ein weiteres Buch geben?

Weiß ich noch nicht. Aber in letzter Zeit habe ich ständig Plots im Kopf. Es wird auf jeden Fall in Scharnow spielen, das bleibt mein Ort, zumindest für ein nächstes Buch. Wenn es das geben wird.

Wird es irgendwann Deine Autobiografie geben?

Es gibt ja zwei Ärzte-Biografien, die tolles Bildmaterial haben. Die letzte erzählt die Geschichte sehr toll, aus Fan-Sicht, sehr subjektiv. Im "Seitenhirsch" sind zwei sehr ausführliche, lange und sehr ehrliche Interviews, die fast alles Wichtige aus unserer Sicht erzählen. Wenn ich eines schreiben würde, dann ein völlig unkritisches, über die fantastischen, lustigen und abgefahrenen Momente in meinem Leben und keine Zeit an das Negative verschwenden.

Deine Möglichkeit, den Arbeitstitel exklusiv via stern zu verkünden …

"IRRE - meine durchgeknalltesten Momente".

Vielen Dank für das Gespräch!

Bela B Felsenheimers Roman "Scharnow" ist jetzt im Heyne Hardcore Verlag erschienen.

Hardcover mit Schutzumschlag, 416 Seiten

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