HOME

Sachsen: Gab es in Chemnitz "Hetzjagden"? Ein Begriff steht in der Kritik

In der Debatte um die Geschehnisse in Chemnitz steht ein Begriff im Kreuzfeuer der Kritik: Hat es "Hetzjagden" gegeben? Es gibt gute Gründe, die dagegen sprechen. Doch ändert das die grundlegende Bewertung der Vorgänge?

Chemnitz

Rechte Demonstranten beschimpfen am 27. August in Chemnitz Gegendemonstranten. Tags zuvor  haben Neonazis wahllos migrantisch aussehende Menschen angegriffen.

Getty Images

So mancher wird sich verwundert die Augen gerieben haben, als er die Worte des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer vernahm. Der stellte am Mittwoch in seiner Regierungserklärung mit Blick auf die Ausschreitungen in fest: "Es gab keinen Mob, es gab keine Hetzjagd."

Mit dieser Aussage widersprach der CDU-Politiker der Darstellung von Regierungssprecher Steffen Seibert, der vergangene Woche gesagt hatte: "Solche Zusammenrottungen, auf Menschen anderen Aussehens und anderer Herkunft, (…) das nehmen wir nicht hin." Ähnlich hatte sich Bundeskanzlerin Merkel geäußert, auch sie sprach davon, "dass es Hetzjagden gab."

Viele überregionale Medien, darunter auch der stern, haben diesen in ihrer Berichterstattung übernommen. Doch er ist umstritten, denn er ist nicht klar umrissen. So gibt es keine juristische oder polizeiliche Definition. Der Duden definiert Hetzjagd als "das Verfolgen, Jagen eines Menschen". Das könnte auf Chemnitz durchaus zutreffen - auf den ersten Blick.

"Keine Anhaltspunkte, dass es Hetzjagden gegeben haben könnte"

Doch es gibt auch Gründe, die dafür sprechen, auf diese Formulierung zu verzichten. Denn die Frage ist, wie lange muss man einen Menschen verfolgen, um von Jagd zu sprechen? Die Generalstaatsanwaltschaft in Dresden kommt nach Auswertung der Videos aus Chemnitz zu folgender Bewertung: "In dem Teil, in dem wir bereits gesichtet haben, wurden keine Anhaltspunkte dafür gefunden, dass es solche Hetzjagden gegeben haben könnte."

Zum anderen ist da die Bewertung der "Freien Presse" in Chemnitz, also der Zeitung, deren Journalisten vor Ort sind und die Ausschreitungen aus nächster Nähe erlebt haben. Chefredakteur Torsten Kleditzsch hat erklärt, dass sein Blatt nicht von "Hetzjagden" spricht. Es ist vor allem diese Erklärung, auf die sich Journalisten stützen, die die Vorfälle in Chemnitz nicht so dramatisch einschätzen. Es habe "lediglich vereinzelte Übergriffe, aber keine grossangelegte Menschenjagd" gegeben, heißt es etwa in der "NZZ". "Lediglich." Ganz so, als sei eine klein angelegte Menschenjagd kein Grund zur Besorgnis.

Keine neue Bewertung der Vorkommnisse in Chemniz

Doch die ganze Wortklauberei um den Begriff "Hetzjagd" führt ins Leere, denn er führt zu keiner neuen Bewertung der schrecklichen Vorkommnisse in Chemniz. "Neue Presse"-Chefredakteur Kleditzsch hat sich in seinem klugen Statement dagegen verwehrt, daraus abzuleiten, "es sei alles halb so schlimm gewesen oder eine große Erfindung".

Kleditzsch schildert die vielfach auf Video dokumentierten Vorfälle so: "Es gab aus der Demonstration heraus Angriffe auf Migranten, Linke und Polizisten. So wurde Menschen über kurze Distanz nachgestellt." Er hält deshalb den Begriff "Jagdszene" für gerechtfertigt. Der offen zu Tage getretene Hass sei schrecklich genug gewesen, so Kleditzsch. "Er bedarf keiner Dramatisierung."

Damit ist alles gesagt. Tatsächlich täte es dem Journalismus gut, in diesem Punkt verbal abzurüsten und auf den Begriff "Hetzjagd" zu verzichten. Wer jedoch glaubt, irgendetwas sei weniger dramatisch, weil es "nur" Jagdszenen gegeben habe, betreibt ein gefährliches Spiel. Er verharmlost.

Demonstrationen in Chemnitz: Herz gegen rechte Parolen: Szenen aus einer gespaltenen Stadt