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Meinung

Grönemeyers Comeback: Danke, Herbert! Deine Musik bringt mich durch jeden Winter

Herbert Grönemeyer steht mal wieder oben in den Charts und wurde vom Magazin GQ zum "Mann des Jahres" gekürt. Unserem Autoren hilft der große deutsche Sänger mit seiner Musik schon seit Jahren durch die dunklen Stunden. Eine Würdigung.

Herbert Grönemeyer

Herbert Grönemeyer auf der Bühne in Berlin bei der Gala "GQ Men of the Year 2018" im November

Lieber Herbert – ich sag einfach mal Herbert, denn du kommst ja aus’m Pott, da ist man schnell beim Du, weil man keinen Bock hat, sich mit Formalitäten aufzuhalten, und ich komme aus’m Rheinland, wo man sich sogar dann noch in jovialem Tonfall duzt, wenn man sich eigentlich gar nicht leiden kann.

Also, Herbert, hömma: Ich muss mich bei Dir bedanken. Denn es ist wieder diese Zeit des Jahres. Wenn die Tage nicht mehr richtig hell werden und im nasskalten Grau verschwinden, dann ist es traditionell Zeit für den Grind durch die Grönemeyer-Diskografie. Herbstzeit ist Herbert-Zeit, Winterzeit sowieso, und in diesem Jahr hast Du uns sogar rechtzeitig ein gelungenes neues Album geschenkt.

Der ganze Grönemeyer in vier Zeilen

Es trägt den Titel "Tumult", die aktuelle Radio-Single heißt "Sekundenglück", und das sind gleich schon wieder zwei ganz und gar typische Grönemeyer-Wörter, aber dass Du längst Dein eigenes Idiom erschaffen hast, ist ja nun auch nichts Neues mehr. In "Sekundenglück" gelingt es Dir aber, den ganzen Grönemeyer gleich in die ersten vier Zeilen zu packen:

Der Tag ist alles außer gewöhnlich

Und leider gibt’s auch kein Problem

Ich sehe mir heute verdammt ähnlich

Und irgendwie finde ich das auch schön

Die Wortverspieltheit ("alles außer gewöhnlich"),  die Ironie ("leider"), die Selbstironie ("sehe mir heute verdammt ähnlich"), das Tröstliche ("irgendwie finde ich das auch schön") – so viele Grönemeyer’sche Ausnahmequalitäten auf engstem Raum, das muss man alles erst mal in die Eröffnungsstrophe einer Comeback-Single packen.

Dazu der typische Gesang mit dieser seltsamen Mischung aus Präzision und Wucht, die Betonung auf der ersten Silbe von "TAU-sendstel" im Refrain, in dem Du auch noch "Sentiment" auf "überschwemmt" reimst – herrlich ist das, Herbert! Schön, dass Du zurück bist.

Aber, und darauf wollte ich hinaus, eigentlich warst und bist Du ja nie weg. Deine Musik bringt mich noch durch jeden Winter, den echten und den metaphorischen. Wenn ich traurig bin, kann ich eigentlich keine traurigen Lieder hören, keine außer Deine. Weil sie Trost spenden noch gegen die größte Tristesse. Abgesehen davon, dass entgegen eines verbreiteten Gerüchts auch zahlreiche gutgelaunte Songs in deinem Katalog nachzuschlagen sind – siehe "Mambo" oder "Leb in meiner Welt", sogar "Was soll das" auf seine Art.

Trotzdem lieben dich die Leute natürlich für Deine Weise, die tiefen und traurigen Themen zu behandeln: Ein Song wie "Mensch" ist zu Tode betrübt und himmelhoch jauchzend zugleich; in "Land unter" singst Du vom rettenden Halt in größter Krise; und Deine "Letzte Version" ist ein Lied über Trennung und Abschied, wie es klarer und kraftvoller in deutscher Sprache nicht geschrieben werden kann.

Der Bochumer in Herbert Grönemeyer

"Jede Illusion hat ihren Preis", heißt es darin, "jeder Rausch ist nur auf Zeit". Einsichten wie diese und wie eindringlich Du sie singst, öffnen in Deinem Werk immer wieder Horizonte gegen die Hoffnungslosigkeit des Hörers – und der Grund dafür ist die Echtheit, so abgedroschen das klingt. Bei Dir wird keine Zeile mit Zuckerguss überzogen, Du singst es mit Deiner Lakonie auf den Punkt. In Deiner Musik ist es immer, wie es ist, aber es ist auch nie ganz so schlimm, wie wir vielleicht denken.

Damit erfasst der Bochumer in Dir instinktiv die unnachahmliche Mentalität des Ruhrgebiets, da magst Du noch so lange in London gelebt haben und heute in Berlin wohnen: ehrlich und schnörkellos geht es voran und bleibt alles anders. Total egal, dass Du seit Jahrzehnten auch Millionär und Popstar bist.

Und deshalb feiern dich so viele Menschen, meine Mutter zum Beispiel, oder mein Kumpel, der sonst eigentlich nur HipHop hört. Oder dieser Typ, Dennis, mit dem wir damals, es muss schon über zehn Jahre her sein, auf dem Zeltplatz bei "Rock am Ring" abgehangen haben. In gemütlicher Runde wurde sich warmgetrunken, aus der Boombox schallte klassischer Festival-Soundtrack: Slayer, System of a Down, Suicidal Tendencies, solche Sachen.

Und plötzlich rief dieser ziemlich dicke Dennis aus der Eifel, lass ihn 20 Jahre alt gewesen sein, schon leicht angesoffen und mit hochrotem Kopf: "Ey, ich hab jetzt richtig Bock auf Grönemeyer!" Dazu leuchteten seine Augen, und ich bin mir ziemlich sicher, dass Deine Musik auch den dicken Dennis aus der Eifel bis heute durch jeden Winter bringt. Wenn es draußen dunkel wird, hat er sicher richtig Bock auf Grönemeyer. So wie ich auch. War schon immer so, wird immer so bleiben. Danke dafür. Oder um es in Deinen Worten zu sagen: Wir tragen Dich bei uns, Herbert. Bis der Vorhang fällt.

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