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Neues Album "Zimmer mit Blick": Wie ich als Rap-Fan verstehen wollte, warum die Jungs von Revolverheld erfolgreich sind

Revolverheld ist eine der erfolgreichsten deutschen Popbands aller Zeiten. Unser Autor kann mit ihrer Musik aber irgendwie nichts anfangen. Liegt es daran, dass er Rap-Fan ist? Das wollte er genauer wissen, als er die Jungs getroffen hat.

Die Band Revolverheld bei der Film-Premiere von "Das bescheuerte Herz"

Ende Februar. Ein Restaurant im Hamburger Stadtteil Hafencity, drinnen laufen die Vorbereitungen bereits auf Hochtouren. Überall flitzen irgendwelche Leute von A nach B. Eine gewisse Nervosität ist zu spüren. Ich muss gestehen: Ich bin auch etwas nervös, als ich von draußen das Geschehen durch die Fenster beobachte.

Ich treffe nämlich gleich die Jungs von Revolverheld. Sie haben für diesen Termin Fachjournalisten und Label-Mitarbeiter eingeladen. "Kochen mit Revolverheld" nennt sich die Aktion. Das macht die Band bereits seit vielen Jahren – immer vor anstehenden Alben-Releases. Zu diesem Zeitpunkt sind es noch einige Wochen, bis ihr mittlerweile erschienenes Album "Zimmer mit Blick" rauskommt.

(Mein Interview mit Revolverheld seht ihr oben im Video.)

Mehr als ein dutzend andere Journalisten stehen neben mir und warten auf den Einlass. Ich kann mich natürlich nicht in jeden reinversetzen. Dennoch glaube ich, dass ich der Einzige bin, der diesem Termin eher zwiegespalten entgegenblickt. Auf der einen Seite freue ich mich, dabei zu sein. Wann trifft man schließlich mal Revolverheld? Auf der anderen Seite muss ich gestehen, dass ich mit ihrer Musik überhaupt nichts anfangen kann. Das ist gar nicht despektierlich gemeint. Ich verbinde einfach so gar nichts damit. Ich höre Hip Hop und Rock. Revolverheld ist für mich nichtssagend – aber warum?

Genau dieser Frage will ich auf den Grund gehen. Denn wenn es rein nach Verkäufen und Preisen geht, gehören die Jungs von Revolverheld zu den erfolgreichsten deutschen Popbands aller Zeiten – und sind seit ihrer Gründung 2002 aus der Musiklandschaft kaum wegzudenken. Sie verkaufen Millionen von Tonträgern, heimsen Preise wie Comet, MTV Music Award und Echo ein, füllen auf ihren Touren riesige Konzerthallen, und ein Hit jagt den nächsten. Nur irgendetwas stört mich. Werde ich herausfinden, was es ist?

Revolverheld ist einfach mega sympathisch

Mittlerweile haben alle an den vier großen Tischen des Restaurants Platz genommen. An jedem sitzt jeweils ein Bandmitglied. An meinem sitzt Niels Kristian Hansen, der Gitarrist von Revolverheld. Typ Lieblingsschwiegersohn: Drei-Tage-Bart, Kurzhaarschnitt, Skinny Jeans und ein gepunktetes Hemd. Nett. Überhaupt nicht abgehoben. Als wir uns unterhalten, wirkt er wie der nette Familienvater von nebenan. Es geht um ganz oberflächliche Themen: Fußball, Stereotypen, Fernsehshows und Serien. Dazwischen wird Wein nachgeschenkt. Ob es daran liegt oder an Hansen? So langsam fange ich an, Sympathie für die Musik seiner Band zu entwickeln.

Ich beginne zu verstehen, warum Revolverheld so erfolgreich sind: Es gibt keinen Grund, etwas gegen sie zu haben. Sie sind authentisch, liberal und sympathisch zugleich. Doch bevor wir das Gespräch vertiefen können, muss er aufstehen. Die Jungs und er wollen den Anwesenden vorab einige Songs aus ihrem neuen Album vorspielen. Dazu versammeln sich alle in einer Ecke des Restaurants. Statt vor Instrumenten hocken die vier vor einem kleinen Laptop. Drumherum scharen sich die Label-Mitarbeiter und Journalisten.

Johannes Strate ergreift das Wort. "Das letzte Mal, als ich einen Windows Media Player benutzt habe, muss wahrscheinlich 2001 gewesen sein", sagt er scherzhaft und drückt auf Play. Anschließend schallen durch zwei große Boxen die neuen Tracks des Albums. Und wieder beschleicht mich dieses Gefühl, das ich immer habe, wenn Songs von Revolverheld laufen: Musik aus dem Radio, die ich nebenbei höre, ohne dass ich davon groß abgelenkt werde. Ich kriege es nicht hin, eine Verbindung aufzubauen.

Dabei liegt es noch nicht einmal daran, dass die Musik schlecht ist. Nein. Sie ist gut produziert. Sie hat diesen typischen Synthesizer-Pop-Rock-Sound. Im Titel-Track "Zimmer mit Blick" wird die Band sogar politisch. "Und wenn die Welt sich nur verstellt/ Ein Wahnsinniger Reden hält/ Schaltest du ab und drehst dich weg/ In deinem Zimmer mit Blick", heißt es im Refrain. Die Jungs gehen sogar so weit zu sagen, es sei das politischste Lied, das sie je geschrieben haben. Dennoch fehlen mir Ecken und Kanten. Es ist alles sehr mainstreamig, was ja auch in Ordnung ist. Nur wenn sie sich auf die Fahne schreiben, einen politischen Song zu machen, würde ich mir wünschen, dass sie vielleicht noch mehr auf die Kacke hauen.

Nach dem Ende der Hörprobe ist auch die Veranstaltung vorbei. Ich gehe mit gemischten Gefühlen nach Hause. Die Band Revolverheld finde ich mega sympathisch. Mit ihrer Musik kann ich dagegen immer noch nichts anfangen. Ich weiß jetzt, was mich stört. Aber vielleicht ändert sich das morgen. Denn da treffe ich die vier noch einmal zum Interview.

"Das möchte ich doch mit zur dümmsten Frage des Jahres küren"

Der nächste Tag. Im ersten Stock des 25 Hour-Hotels hat das Label einen Raum geblockt, in dem Journalisten ihre Fragen stellen können. Drei der vier Jungs warten im Bereich vor dem Raum, als ich gemeinsam mit einem Kollegen ankomme. Einer fehlt. Johannes Strate. Er gibt noch einem Radio-Moderator ein Interview. Deshalb unterhalten wir fünf uns erst einmal allein.

Und wieder sind die Jungs extrem sympathisch. Es ist nicht dieser typische professionelle Umgang, den jede Person hat, die irgendwie in der Öffentlichkeit steht. Die drei wollen sich wirklich unterhalten, nicht nur weil sie es in irgendeiner Art und Weise müssen – zumindest wirkt es auf mich so, als wir uns über das anstehende Nordderby zwischen dem HSV und Werder Bremen sprechen oder warum wir so aus der Puste sind. 

Nach zehn Minuten des Wartens darf ich meine Fragen stellen. Endlich. Ich schieße direkt los und frage sie, ob sie ihre Musik auch hören würden, wenn sie nicht Revolverheld wären. "Ich bitte dich", sagt Johannes Strate. "Das möchte ich doch mit zur dümmsten Frage des Jahres küren. Nein, aber mal im Ernst: Wir würden unsere Musik natürlich auch hören, sonst würden wir sie anders machen."

Wenn sie es nicht täten, würden sie es mir vermutlich auch nicht sagen. Trotzdem glaube ich, dass sie die Weise, wie sie Musik machen, nicht mit der Intention verfolgen, zwingend erfolgreich zu sein. Das bestätigt auch Gitarrist Niels Kristian Hansen. "Wir sind gar nicht mit dem Antrieb da rangegangen, die nächste große Pop-Rock-Band zu sein. Wir wollten das in unseren Liedern thematisieren, worauf wir gerade Bock hatten – und so ist das noch immer."

Diese Antwort ist auch die Antwort auf meine anfängliche Frage. Revolverheld erzählt Geschichten. Nur eben nicht so, wie ich es als Hip-Hop-Fan gewohnt bin. Es fehlt dieses Provozierende und Grenzüberschreitende. Das ist aber gar nicht ihre Art. Sie sind eher bodenständig und nett. "Ich glaube aber auch, dass die Leute spüren, dass da was Ehrliches unterwegs ist", fügt der andere Gitarrist Kristoffer Hünecke hinzu. Und genau das kommt eben bei vielen in Deutschland gut an. Und ganz ehrlich: Kunst und Musik ist eben Geschmackssache.

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