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Kommentar

Freie Denker oder fiese Typen?: Kanye, Kollegah & Co.: Warum es total egal ist, wenn dein Lieblingskünstler ein Vollidiot ist

Kanye West dreht gerade mal wieder bei Twitter am Rad, die Debatte um Kollegah hat den Ruf des Echo komplett ruiniert. Kann ich die Musik von vermeintlich schlechten Menschen eigentlich trotzdem guten Gewissens genießen? Aber hallo!

Kanye West beim Konzert

Kanye West beim Konzert: "Aber der Typ ist doch voll gestört!"

Kanye West ist ein Genie. Es hat in den letzten 20 Jahren keinen aufregenderen Musiker gegeben. Seit er als junger Produzent im Jahr 2001 maßgeblich an Jay-Zs bestem Album "The Blueprint" beteiligt war, erneuert er nicht nur sich als Künstler, sondern gleich ganze Genres immer wieder aufs Neue. Keines seiner Alben gleicht dem anderen: sein souliges Debüt "The College Dropout", sein Autotune-Amoklauf "808s & Heartbreak" (das einem Erfolgsrapper wie Drake bis heute als gefühlte Blaupause für dessen Gesamtwerk dient), das fast schon nach Industrial klingende Brett "Yeezus" oder der ultimative Kanye-Klassiker "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" - jedes Album ein verdammter Trip!

Ich bin Fan des Künstlers Kanye West, weil er so inspiriert ist, und weil er mich inspiriert. Gerne gerate ich über seine Musik ins Schwärmen, siehe oben. "Aber der Typ ist doch voll gestört!", höre ich die Leute dann sagen. "Mir doch egal", entgegne ich diesen Leuten, die keinen Song von Kanye kennen, aber mal wieder von seinen zugegebenermaßen oft unsäglichen Twitter-Rants gelesen haben. "Ich muss schließlich nicht mit dem Kerl befreundet sein."

Die Vertriebswege von Meinungen sind kurz

Kann ich mir diese Einstellung im Jahr 2018 noch leisten? In unserer hochpolitischen und höchst politisch korrekten Zeit stellt sich die Frage leider immer häufiger. Kann ich die Musik eines Künstlers, der privat ein Vollidiot zu sein scheint, trotzdem guten Gewissens genießen? Die kurze Antwort lautet: Ja, kann ich!

Es ist zugegebenermaßen nicht immer leicht, heutzutage, wo die Vertriebswege von Haltungen und Meinungen so kurz und unkompliziert sind: Längst reicht schon ein verunglückter Tweet oder Insta-Post, um auf dramatische Weise den Geisteszustand meines Stars zu enthüllen. Früher war alles ein bisschen geheimnisvoller, über die Privatmenschen hinter den öffentlichen Personen war so gut wie nichts zu erfahren - und wenn doch, dann nur aus zweiter Hand und im Zweifel unbelegt.

Aber wer hat überhaupt den Irrglauben in die Welt gesetzt, dass gute Künstler auch Spitzentypen sein müssen? Wo fängt Vorbildfunktion an, wo hört sie auf? Ich bin der Meinung, dass es sie überhaupt nicht geben darf, denn ein Popstar ist kein Erziehungsberechtigter. Wir müssen der Wahrheit ins Auge sehen: Auch schlechte Menschen können die schönsten Melodien komponieren. Umgekehrt wird übrigens auch ein Schuh draus: Ich halte Eminem schließlich auch nicht für einen Mörder, nur weil er in einem Song wie "Kim" seinerzeit seine Ex-Frau abgemetzelt hat. Wer so denkt, hat nicht verstanden, wie kreative Arbeit funktioniert.

Künstlerische Freiheit funktioniert nicht nur für die Künstler, sondern auch für die Konsumenten: Wir dürfen jedes Buch lesen, unabhängig davon, wer es geschrieben hat; jeden Film gucken, egal, wer mitspielt; jede Platte hören, wer auch immer darauf singt. Es ist unsere freie Entscheidung, und sie kann sehr subjektiv ausfallen.

Eine freie und rein subjektive Entscheidung

Ich habe mich zum Beispiel vor dem Echo-Eklat um Kollegah nicht mit dessen Werk befasst. Aber seit ich seine zweifelhaften Statements zur Diskussion gehört und mich über die antisemitische Symbolik in seinen Texten und Videos informiert habe, bin ich erst recht nicht mehr an Alben wie "Jung, brutal, gutaussehend 3" interessiert. Andererseits finde ich auch den lächerlichen Trump-Fetisch, den Kanye dieser Tage bei Twitter entwickelt, ziemlich fürchterlich (so wie ich aber auch mit den politischen Ansichten von guten Freunden manchmal nicht übereinstimme). Trotzdem werde ich sein grandioses Gesamtwerk aber weiter hören und schätzen. Wie gesagt: eine freie und rein subjektive Entscheidung.

Ich kann jeden verstehen, dem diese Trennung schwerfällt - vor allem aus den oben genannten Gründen, die ich als Zeichen unserer Zeit werten würde. Es bleibt jedem selbst überlassen, wo er für sich die Grenze zieht: bei sexistischer und homophober Lyrik, bei allzu expliziter Bildsprache, bei Werken von überführten Übeltätern jeglicher Art. Theoretisch (und gesetzlich) erlaubt, ist erst einmal alles, was nicht auf dem Index steht und von der Meinungsfreiheit gedeckt ist.

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