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Bundesvision Song Contest: Hasen und holpernde Hip-Hopper

Platte Texte und austauschbare Songs: Der 10. Bundesvision Song Contest war keine Werbung für die deutsche Musikszene. Mit Revolverheld gewinnt eine der etablierten Bands.

Von Simone Deckner

Revolverheld hat den Pokal des Bundesvision Song Contest 2014 nach Bremen geholt

Revolverheld hat den Pokal des Bundesvision Song Contest 2014 nach Bremen geholt

Womöglich ist die Welt doch gar nicht so kompliziert, wie immer alle meinen: Den Eindruck kann man jedenfalls nach vier Stunden Bundesvision Song Contest (BuViSoCo) bekommen. Die eigentlich grenzenlose Welt der Musik – in Stefan Raabs "Leistungsschau der deutschen Musikszene" schrumpft sie zusammen auf drei übersichtliche Kategorien: 1. Klingt wie Xavier Naidoo. 2. Klingt wie Peter Fox. 3. Klingt wie Pur.

Von 16 Bands schaffen es exakt zwei auszuscheren. Tonbandgerät aus Schleswig-Holstein spielen fröhlichen Indie-Pop. Die anderen, Revolverheld, gewinnen dann auch direkt mit haushohem Vorsprung. Weil ihr Song "Lass uns gehen" über eine Melodie verfügt, die man nicht direkt beim Bier holen vergessen hat. Außerdem klingt er nach Coldplay, was nicht durch die Kategorien 1-3 abgedeckt ist.

Revolverheld sind zudem alte Bekannte: Mit ihrer Beleidigten-Leberwurst-Hymne "Freunde bleiben" wurden sie 2006 Zweite. Zwischenzeitlich etablierten sie sich mit ihren fälschlicherweise für Rock gehaltenen Perwoll-Pop-Songs im Format-Radio. Revolverheld sind auf dem besten Weg, die deutschen Maroon 5 zu werden. Weibliche Fans konzentrieren sich zumeist auf das Aussehen des Sängers (hot). Männer ignorieren die Band zumeist.

Marterias Auftritt einschläfernd

Ignoriert hätte man liebend gern auch die vielen Totalausfälle bei den Texten der Interpreten: "Du bist wie ein Gedicht für mich / deshalb schreibe ich ein Gedicht für dich", holpern Nico Suave und Flo Mega. Eine Rapperin namens Kitty Kat fragt bemüht dramatisch: "Wo soll ich hin, wenn mein Hochhaus brennt?". Ein Dresdener Dreadlockträger singt davon, dass er "Hasen gesehen" hat. Man kann es sich nicht ausdenken! Die Thüringer Band Duerer knödelt "lass uns reiten in Richtung Sonnenuntergang oder durch die Wüste Gobi". Der jüngste Teilnehmer, der 17-jährige Sierra Kid aus Niedersachsen, barmt: "Die Dornen stechen mich so tief in mein Herz." Und die Inglebirds, Möchtegern-Marterias aus dem Saarland, vergessen ihren Text gleich ganz, was sie ungekonnt als Freestyle zu tarnen versuchen.

Apropos: Der Auftritt des echten Marteria – was war das denn, bitte? "Mein Rostock" schlurft pantofellig daher wie Oppa Kasuppke auf dem Weg zum Bäcker. Eine Liebeserklärung an die Heimatstadt? Wie originell! Es fallen einem direkt fünf ähnliche Songs ein, allen voran das auch musikalisch artverwandte "Dickes B" von Seeed. Das stammt aus dem Jahr 2001. Man könnte sich noch über den Panne-Auftritt der Background-"Musikerinnen" von Nico Suave und Flo Mega lustig machen: Als würden sie in einem Stripclub um Scheine betteln, räkeln sich die Damen vermeintlich erotisierend mit Trompete und Saxofon: Robert Palmer für Arme. Raab pointiert: "Kompliment, da haben sich die zehn Jahre Trompetenunterricht ja gelohnt."

Raab bestens aufgelegt

Dass die Show doch noch ihre Momente hat, geht sowieso auf Raabs Konto. Er ist in blendender Verfassung. Frotzelt, wo er kann. Zum Youngster Sierra Kid, der nach 23 Uhr Bühnenverbot hat, sagt er: "Keine Angst, Mami hat das Fläschchen schon aufgewärmt." Ohne Anstands-Wau-Wau, sprich ansehnliche aber ansonsten überflüssige Co-Moderatorin, wirkt Raab wie befreit.

Es ist nicht die einzige Neuerung im zehnten Jahr BuViSoCo: Die Vorstellungsfilme der Bands sind Vergangenheit. Stattdessen gibt es Einspieler, die Raab mit den Musikern zeigen. Aufgenommen wurden diese am Wochenende zuvor. Es hat ein bißchen was von "Sing meinen Song – Das Tauschkonzert" bei Vox: Wohnzimmer-Atmosphäre, Ledergarnitur, Orientteppiche, die Heavytones im Background. Als sei er eine männliche Ausgabe von Ina Müller ("Inas Nacht") gröhlt Raab mit den Musikern um die Wette. Er freut sich wie ein Kind. "Du siehst gar nicht aus wie ein Hip-Hopper, eher wie ein Rockabilly oder Grufti!", pflaumt er Sierra Kid an. Mit der viel zu schlecht davongekommenen Miss Platnum singt er melodramatisch über Berlin und geht dabei an den Bongos ab wie ein besoffener Pavian.

Radio-Moderatoren im Elefantenkostüm

Auch als die nervtötend langwierige Stimmenvergabe ansteht, wirkt Raab noch hellwach. Dass die Bayern ihre Punkt zum Zeitpunkt der Live-Schalte noch nicht parat haben, führt er auf den Beginn des Oktoberfests zurück. Die Namen der Privatradio-Moderatoren spricht er pikiert aus wie seltene Krankheiten. Einige sehen auch so aus, tragen Elefantenkostüme oder alberne T-Shirts. Andere stehen grundlos neben Morphsuit-Trägern oder Schönheitsköniginnen, eine grüßt ihre Mami zum Geburtstag. Lustiger als alle Radiomoderatoren zusammen ist Raabs Spezi, der Berufsschüler Dennis aus Hürth, der die Punkte an "Jupiter Jonas, Material und Andreas Boulrani" vergibt. Raab macht er an: "Seien sie nicht so aggressiv."

Und das Ende vom Lied? Den Revolverheld-Song wird man jetzt vermutlich so oft im Radio hören wie das totgenudelte "Auf uns" von Andreas Bourani. Ein paar mehr Menschen werden Tonträger der Gruppe Tonbandgerät kaufen. Aber um mit Jan Böhmermann zu fragen: Ist der BuViSoCo 2014 noch "relefant"? Nur in einer sehr vereinfachten Welt.