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TV-Kritik

"Sing meinen Song": Lieder mit Handbremse und ein Hund namens Wolfgang

Zum Start der fünften Staffel von "Sing meinen Song" stand das Werk von Revolverheld im Vordergrund. Nicht jedermanns Sache. Doch zwei Künstler schlugen aus den lauwarmen Liedern Funken.

"Sing meinen Song"

Die Teilnehmer der neuen Staffel von "Sing meinen Song": Marian Gold, Judith Holofernes, Johannes Strate, Mark Forster, Leslie Clio, Mary Roos und Rea Garvey (v.l.)

MG RTL D

Am Ende war es wie immer: Die Musiker lagen sich unter dem Sternenhimmel Südafrikas in den Armen und hatten sich alle lieb. Dabei gab es an diesem Abend immerhin einen Moment, der Risse in der Heile-Welt-Idylle der Gesangsshow offenbarte.

Der neue Gastgeber Mark Forster hatte insgesamt sechs Gäste zur fünften Staffel von "Sing meinen Song" eingeladen. Eine Aufgabe, für die der Sänger prädestiniert zu sein scheint: "Ich wurde mein ganzes Leben vorbereitet auf die Rolle des Gastgebers", sagte der 34-Jährige. "Ich bin halber Pole, halber Pfälzer."

Im Mittelpunkt der ersten Folge stand das Werk von Johannes Strate und seiner Band Revolverheld. Musik, von der nicht alle in der Runde Fans sind. Während Leslio Clio zugab, die Songs bislang gar nicht gekannt zu haben, sorgte Rea Garvey für die wenigen ehrlichen Worte an einem Abend, an dem sich alle gegenseitig toll und nett fanden. Revolverheld, sagte der Ire, sei "ein bisschen Handbremse". Eine treffende Bezeichnung für Musik, die keinem wirklich wehtut und gerade deswegen ständig durch die Formatradios dieser Welt dudelt. 

Marian Gold und Leslie Clio glänzen

Es war die Aufgabe der anwesenden Musiker, aus den Songs dieser Band Funken zu schlagen - was zweien besonders gelang. Alphaville-Sänger Marian Gold zeigte mit einer elektrisierenden Darbietung von "Keine Liebeslieder", dass ein guter Künstler jedes Material veredeln kann. Leslie Clio brachte dagegen "Halt dich an mir fest" mit ihrer intensiven Stimme und einem James-Bond-artigen Arrangement von innen zum Leuchten. Es waren die zwei Glanzlichter des Abends.

Mark Forster verwandelte "Wenn es um uns brennt" von Johannes Strates Soloalbum in einen Mark-Forster-Popsong, Rea Garvey brachte die Zuhörer in seiner Version von "Lass uns gehen" mit seinem niedlichen englischen Akzent zum Schmunzeln.

Schlagersängerin Mary Roos - für alle Dschungelcamp-Sozialisierten: das ist die Schwester von Tina York - ließ ihre 60-jährige Bühnenerfahrung in die makellose Interpretation von "Spinner" einfließen und hatte hinterher eine gute Begründung, weshalb sie sich diesen Song ausgesucht hatte: "Ich liebe Spinner. Ich habe mir vorgenommen, dass ich eine schrille Alte werde."

Revolverheld bei "Sing meinen Song"

Den Preis für die beste Interpretation des Abends vergab Johannes Strate an Judith Holofernes, die sich die Mühe machte, "Ich lass für dich das Licht an" umzuschreiben und Zeilen zu ergänzen, "mit all den Sachen, die ich selbst aus Liebe tue". Dabei entstand die schöne Zeile: "Ich würde, wenn's dir wichtig ist, den Hund auch Wolfgang nennen." Eine kleine Prise Humor in diesem sonst Pathos-triefenden Text wirkte Wunder und zauberte den Anwesenden ein Lächeln über die Lippen.

Johannes Strate performte schließlich zusammen mit seinen eigens eingeflogenen Bandkollegen "Zimmer im Blick" von dem neuen Album. Als habe er gerade das Frühwerk von Bob Dylan neu komponiert, tönte er anschließend vollmundig: "Wir sind 'ne Band mit 'ner ganz klaren Haltung. Ich finde es nicht okay, keine Haltung zu haben."

Gefühligkeit ohne Aussage

Dass diese Kritik jedoch zuallererst auf seinen Song zutrifft, der außer einem diffusen Unbehagen an der Welt gar nichts aussagt - das scheint der Sänger dabei gar nicht zu merken.

Für den weiteren Verlauf der Show ist das aber auch egal - denn das Werk von Revolverheld ist mit diesem Abend abgehakt. Darüber wird vermutlich nicht nur Rea Garvey froh sein.

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