The Police "Wir streiten uns noch immer"


Am Sonntag standen The Police erstmals nach mehr als 20 Jahren wieder gemeinsam auf der Bühne. Im stern.de-Interview erzählen Sting & Co., wie es zur Wiedervereinigung kam - und worüber sie noch immer streiten.

Sting, seit der Trennung von The Police vor 23 Jahren haben Sie eine Wiedervereinigung der Band stets als sehr unrealistisch abgetan. Warum nun der plötzliche Sinneswandel?

Sting: Glauben Sie mir, ich war selbst am meisten überrascht über meinen Geistesblitz. Vor rund drei Monaten wachte ich eines Morgens auf und mir schwirrte ständig dieser Gedanke durch den Kopf: "The Police müssen reanimiert werden". Also rief ich kurzerhand Stuart und Andy an und fragte sie: "Seid Ihr bereit?" Die beiden haben keine Sekunde gezögert. Ich hätte es wirklich niemals für möglich gehalten, diesen Hühnerhaufen noch Mal zusammen zu bringen, um dann auch noch gemeinsam auf Welttournee zu gehen. Ich glaube, selbst meine Frau dachte, ich sei übergeschnappt. Ich mag es, andere zu überraschen. Ich denke, dass ist mir mit dieser Entscheidung wohl sehr gut gelungen.
Stewart Copeland: Als Sting anrief, dachte ich zunächst, er würde mich verarschen. Ich hatte es wirklich längst aufgegeben, mir Hoffnungen auf eine Wiedervereinigung zu machen.

Warum haben Sie eine Reunion der Band jahrelang so kategorisch abgelehnt?

Sting: Es ist ein bisschen wie bei einer enttäuschten Liebe, diese Band war ein sehr wichtiger Teil meines Lebens und als es 1984 im Streit zu Ende ging, wollte ich nichts mehr mit diesem Kapitel zu tun haben. Ich habe nun realisiert, dass ich über 20 Jahre lang meine eigentlichen Gefühle unterdrückt habe und die enorme Bedeutung, die The Police eigentlich immer für mich hatte, ignoriert habe. Im Hinterkopf spielte sicher auch stets die Angst vor dieser hochexplosiven Mischung aus drei Egozentrikern eine Rolle, die sich gegenseitig zerfleischen, wenn sie über die musikalische Ausrichtung der Band streiten. Als Solomusiker konnte ich stets mein eigenes Ding durchziehen und bin in dieser Hinsicht natürlich verwöhnt. Sobald aber Stewart, Andy und ich zusammenkommen und musizieren, fliegen leicht die Fetzen. Auch heute noch.
Andy Summers: Wir streiten doch gar nicht mehr.
Sting: Oh doch, tun wir. Wir kriegen uns ja schon in die Haare, wenn ein Song einen halben Takt zu schnell gespielt wird.
Stewart Copeland: Sting ist jetzt unser uneingeschränkter musikalischer Anführer, den wir als solchen auch akzeptieren. Er gibt künftig den Takt vor.
Andy Summers: Na ja, an guten Tagen greift diese Vorgabe vielleicht.

Die ausgeprägten Eitelkeiten von damals sind also noch immer präsent?

Stewart Copeland: Wir sind älter und ich hoffe auch etwas weiser geworden. Ich für meinen Teil bin jedenfalls viel entspannter als während der turbulenten Jahre mit The Police. Damals waren wir alle noch relativ unbekannte und sehr ambitionierte junge Musiker, die ihren Platz in der Welt gesucht haben. Ich habe mich längst etabliert und muss mir heute nichts mehr beweisen. Dank dieser Gewissheit sind viele kreative Spannungen unter den Bandmitgliedern, die wir früher gelegentlich auch mal handgreiflich ausgelebt haben, heute längst nicht mehr so ausgeprägt vorhanden. Aber wer weiß, vielleicht kommen sie zurück und wir schlagen uns während der Tour die Köpfe ein.
Sting: Da bin ich mir fast sicher.

Empfinden Sie eine Art Hassliebe zueinander?

Andy Summers: Nein, Hass wäre wirklich ein zu starkes Wort. Wir haben uns niemals gehasst, im Gegenteil: Der Respekt füreinander war stets sehr groß. Man muss einfach sehen, dass wir uns Ende der 70er Jahre als eine Mischung aus improvisierendem Jazz-Trio und einer Punkrockband gegründet haben. Wir hatten alle verschiedene musikalische Wurzeln und haben uns schon in dieser Hinsicht erstmal zusammenraufen müssen. Da sind kreative Spannungen vorprogrammiert.
Stewart Copeland: Wir waren immer ein bisschen wie Brüder im Teenageralter, die sich gegenseitig zwar gerne mal sticheln, aber zueinander stehen, wenn es darauf ankommt. Sobald wir zusammen saßen, um einen Song zu schreiben, war es allerdings meist schnell vorbei mit dem Frieden. Wir können uns selbst um Kleinigkeiten bis aufs Blut streiten. Manchmal genügt schon ein Akkord, um in der Diskussion darüber einen Megazoff entstehen zu lassen. So ist das nun mal, wenn mehrere Kreative an einem Projekt arbeiten, das gab es in der Geschichte der Rockmusik schon immer und wird es immer geben. Andere Bands wie etwa The Eagles oder Fleetwood Mac haben die gleichen Erfahrungen gemacht und es dennoch geschafft, nach Jahren der Trennung wieder zusammen zu kommen und gemeinsam auf Tour zu gehen. Jetzt ist eben die Zeit reif für The Police.

Als Band haben Sie bis zur Trennung gerade mal sechs Jahre existiert und während dieser Zeit fünf Alben produziert. Haben Sie das Gefühl, Sie müssen etwas Verpasstes zu Ende bringen?

Sting: Musik ist eine Kunstform, die man als Musiker niemals wirklich zu Ende bringen kann. The Police haben sich damals nicht getrennt, weil wir musikalisch ausgereizt waren. Im Gegenteil, unser letztes gemeinsames Album "Synchronicity" war das bestverkaufte Police-Album. Es waren die persönlichen Umstände, dass wir als drei Individuen unterschiedliche musikalische Ausrichtungen verfolgten, die zum Ende führten.

Werden Sie gemeinsam neue Songs aufnehmen?

Sting: Das haben wir nicht geplant, wahrscheinlich ist es auch besser so, denn das würde uns alle innerhalb kürzester Zeit um Jahre altern lassen.
Stewart Copeland: Wir müssen uns erstmal wieder in die Songs einspielen, damit haben wir bis zum Tourstart Ende Mai noch genügend Arbeit vor uns. Sting hat schließlich viele der Texte längst vergessen.
Sting: Ach, halt die Klappe.

Warum tun Sie sich überhaupt eine ausgeprägte Welttournee an?

Sting: Ich habe das Gefühl, dass wir damit viele Menschen glücklich machen. Wir sind musikalisch immer noch ziemlich gut und können uns durchaus sehen lassen, das reicht mir als Argument. Dass wir mit der Tour auch noch einen Wohltätigkeitsaspekt bedienen, machte die Entscheidung für mich noch leichter. Teile der Einnahmen gehen an die Water-Aid-Organisation, die dafür kämpft, dass rund eine Milliarde Menschen in Entwicklungsländern Zugang zu sauberem Wasser erhält. Täglich sterben 5000 Kinder weltweit aufgrund fehlender Hygiene und verschmutztem Wasser.
Stewart Copeland: Ich bin einfach nur froh, dass ich wieder mit den Jungs spielen kann nach all den Jahren.

Dass Sting nach dem Ende von The Police eine Weltkarriere als Solokünstler feierte, ist bekannt. Welche Karrierewege haben Sie eingeschlagen, Stewart Copeland und Andy Summers?

Andy Summers: Ich habe zwölf Soloalben veröffentlicht und mit vielen anderen Musikern zusammengearbeitet wie zum Beispiel John Etheridge und Robert Fripp. Ich habe zudem die Soundtracks zu einigen Filmen geschrieben wie "Immer Ärger mit Bernie" oder "Zoff in Beverly Hills." Im vergangenen Jahr habe ich eine Biografie veröffentlicht.
Stewart Copeland: Ich war in den vergangenen Jahrzehnten in erster Linie als Komponist für Filmmusik tätig und habe dabei unter anderem mit Regisseuren wie Oliver Stone am Film "Wall Street" und Francis Ford Coppola für "Rumblefish" gearbeitet. Musikalisch habe ich versucht, immer wieder neue Wege zu gehen und dabei selbst vor Kompositionen für Opern, Ballett und klassische Orchester nicht zurückgeschreckt. Zwischendurch war ich mit Kollegen wie Trey Anastasio von Phish und Les Claypool von Primus auf Tournee. Meine Filmdokumentation "Everyone Stares: The Police Inside Out" über den Aufstieg und das vorläufige Ende von The Police vor 23 Jahren feierte im letzten Jahr Premiere in Sundance.

Werden The Police künftig anders klingen?

Sting: Nein, unsere Songs leben von einer gewissen Energie, die wir, da bin ich mir sicher, auch auf der Bühne zurückbringen können.
Stewart Copeland: Wir spielen alle Hits und bringen auch einige weniger bekannte Songs zurück. Aber alles in allem reanimieren wir The Police im Original.
Andy Summers: Na ja, fast. Stewarts Haare sind längst ergraut, und er braucht eine Brille, um sich auf seinem Schlagzeug zurecht zu finden, ich habe ein paar Kilo zugenommen und Sting trägt auch keinen Mittelscheitel mehr. Abgesehen davon sind The Police wieder ganz die Alten.

Interview: Andreas Renner


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