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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit Mit diesen Strategien kommen drei Singles (27, 36 und 76 Jahre) durch den Lockdown

Singles setzen die Kontaktbeschränkungen besonders zu
Singles setzen die Kontaktbeschränkungen besonders zu
© Getty Images
Kontaktbeschränkung. Ein langes Wort in einer harten Zeit. Möglichst wenig andere Menschen sollen wir live treffen, um die Pandemie zu bekämpfen. Gerade für die Millionen, die alleine leben, eine echte Herausforderung. Ich habe drei ganz verschiedene Singles gefragt was sie tun, damit aus aktuellem Alleinsein nicht Einsamkeit wird.

Als ich kürzlich bei meinem Lieblings-Radiosender WDR 2 als Gesprächsgast eingeladen war, da hörte ich auf dem Weg im Auto Musik: "So lonely" von der legendären Band "The Police". Die unverwechselbare Stimme von Sting stach mir in die Ohren, die Boxen wummerten. 

"Now no one's knocked upon my door

For a thousand years or more

All made up and nowhere to go

Welcome to this one man show."

Das Bild setzte sich bei mir fest. Zu Hause klickte ich das alte Video der Band an. Über 40 Jahre ist es her, als es in Hongkong und den U-Bahnen von Tokio entstand. Bilder wie aus einer anderen Welt. Menschen überall, keine Masken, die drei Musiker mit wilden Matten und Outfits mitten drin. Sting mit fetter Sonnenbrille, Drummer Stewart Copeland trommelt auf alles, was ihm in die Quere kommt. Smartphones gab es noch keine, die Bandmitglieder halten riesige Walkie-Talkies in den Händen. 

Über den eingängigen Song schreibt User "southpaw" auf einem Schweizer Hitparaden-Portal: "Einfach genial!!! Der einzige Fehler: Es wird nicht oft genug erwähnt, wie einsam man sich fühlen kann…" Dabei kann man in dem Song unglaubliche 36 Mal in drei musikalischen Minuten die Worte "so lonely" mitsingen. Der Kommentator hat Humor.

Der ist vielen Alleinlebenden aktuell abhandengekommen. Die Kontaktbeschränkungen sorgen für Trübsal, junge Leute, die zuvor ihr Single-Dasein wahrlich nicht als Ticket für dauerhafte Einsamkeit sahen, leiden. Keine Treffen mit Freunden in Bars, Restaurants und Clubs. Keine Musik- oder Kulturevents, kein ungezwungenes Kennenlernen auf den Weggehmeilen der Stadt. 

Im Radio erzählte ein gefrusteter Student, immerhin hätte er jetzt im Supermarkt viele nette Omis an der Kasse kennengelernt. Die Techniker Krankenkasse gibt im Netz Tipps, wie Singles gut durch die Krise kommen. "Statt Selbstmitleid lieber Selbstmitgefühl", lautet ein Rat. Rund 17,6 Millionen Menschen in Deutschland lebten im Jahr 2019 alleine. Der Anteil der Single-Haushalte zwischen 1991 und 2019 stieg von 34 Prozent auf 42 Prozent, teilte das Statistische Bundesamt mit.

Ich habe mit drei Singles aus meinem Kosmos gesprochen, ganz verschieden vom Typus und Alter her, aber alles Menschen, die lösungsorientiert denken. Ihre Anregungen teile ich hier gerne, denn sie helfen vielleicht anderen, das Beste aus der aktuellen Situation zu machen. 

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Kontakt nach draußen

Elisabeth, 76, wohnt verwitwet in einer Seniorenresidenz. Karen, 27, ist Angestellte in der Personalabteilung bei einem Telekommunikations-Unternehmen, seit zwei Jahren Single nach der Trennung von ihrem Partner. Ben, 36, ist Berater in einer Marketingagentur, führt eine Fernbeziehung. Von Elisabeth lerne ich, dass das gute alte Telefon aktuell ein ganz wichtiger Baustein ist, damit Alleinsein nicht zu Einsamkeit führt. Die rüstige alte Dame vereinbart sogar wie im Business-Life Telefon-Termine mit ihren Enkeln, ihrer geliebten Bridge Runde oder drei alten Schulfreundinnen.

Elisabeth macht aber noch etwas, was ich wunderbar finde: Sie geht raus. Spazieren. Alleine. Sie sitzt dann auf einer Bank und sieht herumtollenden Hunden auf der Wiese, Kindern auf dem Klettergerüst oder verliebten jungen Pärchen zu, die händchenhaltend ihre Runden unter alten Bäumen drehen. "Auch die Freude anderer wärmt das Herz", erzählt sie mir. Weise Worte, einer ebenso lebenserfahrenen wie lebensbejahenden Frau.

Inspirations-Care-Pakete im Freundeskreis

Von der extrovertierten Karen erfahre ich, wie sehr ihr das Weggehen fehlt. Sie ist am liebsten unter Menschen, im Büro und auch nach Feierabend. Daher ist Homeoffice für sie eine Bestrafung, auch der Wegfall von Kulturevents schmerzt sie, denn es verging kein Wochenende, an dem sie nicht ein Museum, Programmkino oder Konzert besuchte.

Smart finde ich, dass sie ihren besten Freundinnen jetzt Päckchen packt mit Büchern und einer Tafel Lieblingsschokolade: "Inspirations-Care-Pakete" nennt sie das. Alle lesen dann das gleiche Buch und anschließend quatschen sie per Video-Chat darüber. Aktuell über das neue Werk "Alle sind so ernst geworden" von Benjamin von Stuckrad-Barre und Martin Suter. Bezeichnenderweise geht es darin auch um Aufzeichnungen von Gesprächen der beiden Edelfedern.

Und noch ein originelles Ritual hat Karen mit ihren Freundinnen: Sie schicken sich morgens eine WhatsApp, welches Hörspiel aus Kindertagen sie am Abend vor dem Einschlafen hören. Aktuell ist es "Bibi Blocksberg verliebt sich". Es wäre ein Stück heile Welt, abseits von Corona, erzählt mir die junge Frau und lacht. 

McFit im Wohnzimmer

Ben macht Sport. Mehr denn je. Er hat seine Wohnung entsprechend hochgerüstet, "McFit nur für mich" nennt er es. Mit seiner aktuell in England lebenden Freundin ist er jetzt naturgemäß fast nur digital verbunden. Die beiden machen auch parallel Sport, quatschen dabei, sorgen so für Nähe, auch wenn sie virtuell ist. Ben hält sich an alle Regeln, auch wenn sie ihm "tierisch auf den Keks gehen".

Er trifft nur noch einen Kollegen real in der Freizeit, beide fahren dann Fahrrad. "Mit Thermoskannen und Stullen cruisen wir am Rhein entlang", berichtet er mir. Nach ein paar Kilometern machen sie Pause, irgendwo am steinigen Strand, blicken den vorbeituckernden Schiffen hinterher. 2022 wollen sie nach Australien, gemeinsam mit ihren Freundinnen. Vier Wochen Abenteuerleben, mit dem Camper. "Wenn der ganze Corona-Scheiß vorbei ist."


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