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The Zimmers: Die Super-Rentner drehen auf

In London treffen sich 40 Senioren sich im Studio, musizieren gemeinsam und nehmen schließlich den Rock-Klassiker "My Generation" von The Who auf. Das dabei entstandene Video ist im Internet bereits der Renner - und sorgt nun auch in Deutschland für Furore.

Von Matthias Schmidt

Hope I Die Before I Get Old! Seitdem grauhaarige Bands wie Rolling Stones, The Police oder Genesis bis kurz vor der Einbalsamierung um die Welt touren, kann vom Jugendwahn der Popindustrie keine Rede mehr sein.

Auftritt The Zimmers: 40 Senioren, Durchschnittsalter 78. Frontmann Alf Carretta, der seinen Songtext selbst im Musikvideo lässig vom Blatt abliest, ist 90. Und was singen die? "My Generation" von The Who, was sonst?

Es begann in einer Bingo-Halle

Die Geschichte von der quietschfidelen Rentnerband ist natürlich zu schön, um komplett wahr zu sein. Alles begann mit der drohenden Schließung einer Bingo-Halle in der Londoner Essex Road, gegen die sich Carretta zusammen mit einigen seiner ältesten Freunde stemmte. Davon bekam der britische Fernsehsender BBC Wind und realisierte eine TV-Dokumentation über alte Menschen, die immer mehr von der Gesellschaft ausgegrenzt werden und in Pflegeheimen ihr Dasein fristen.

Um zu beweisen, dass es auch die alten, allein gelassenen Säcke noch drauf haben, beschlossen die Produzenten einen Angriff auf die Pop-Charts. Man castete in Rentner-Chören, Altersheimen und eben Bingo-Hallen. Anschließend ging es in die legendären Abbey Road Studios, wo schon die Beatles ihre Platten aufnahmen. Statt spontaner Bandgründung ist das Ganze also eher eine Art "England sucht den Super-Rentner".

1,5 Millionen sahen das Video bei YouTube

Als das ebenfalls in den Abbey Road Studios entstandene Musikvideo auf der YouTube-Internetseite seit Anfang April über 1,5 Millionen Zuschauer begeisterte, bekam die Geschichte eine ungeplante Eigendynamik.

The Zimmers haben inzwischen eine Homepage, einen MySpace-Blog, eine Einladung in die Talkshow von Jay Leno, und am 28. Mai erscheint ihre inspirierte Cover-Version von The Who als Single, der bald auch ein Album folgen soll. Denn ihr Repertoire hat die Geriatrie-Gruppe inzwischen erweitert. Vom leicht abgewandelten Beatles-Schlager "When I'm (One Hundred And) 64" bis zu "Firestarter" von The Prodigy. Fans fordern zudem Klassiker wie "Alive and Kicking" von den Simple Minds oder "Lust for Life" von Iggy Pop.

Der Name verdankt sich einer britischen Gehhilfe

Die Plattenfirma witzelt bereits zu Recht, dass die erste Zimmers-Single - der Bandname wurde übrigens aus dem Markennamen einer populären britischen Gehhilfe abgeleitet - schneller die Hitparaden hochklettern wird als ein Treppenlift. Carretta selbst lässt der globale Ruhm bislang recht kalt: "Ich sing doch nur ein wenig mit ein paar Rentnern". Gefragt von einem Radio-Moderator, ob er wenigstens Rock'n'Roll-mäßig mit einem Supermodel rumrenne, antwortete er nüchtern: "Rennen fällt mir heutzutage etwas schwer."

Who-Sonschreiber und Gitarrist Pete Townshend, der demnächst seinen 62. Geburtstag feiert, habe sich bei ihm noch nicht gemeldet. Kein Problem für Carretta: "Ich bin sowieso kein großer Rock-Fan und kannte auch 'My Generation' vorher nicht. Nat King Cole ist mir lieber."