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Udo Lindenberg: Panikrocker im Rentenalter

Mit seiner Panikzentrale residiert er seit Urzeiten im Hamburger Atlantic Hotel, und es kann durchaus vorkommen, dass er mittags im Bademantel über den Flur wandelt: Udo Lindenberg ist ein echtes Unikum in der deutschen Musikszene. Jetzt wird er 60 Jahre alt.

Beruf: Udo Lindenberg, das Leben: eine Inszenierung - daran ändert auch der 60. Geburtstag nichts. Der Panik-Rocker, der früher mal Journalist werden wollte, würde am liebsten keine Interviews zum Jubiläum "meiner Planetenankunft" geben. "Es gibt keine Frage zu meinem Leben, die mir noch nicht gestellt wurde. Was ich preisgeben will, habe ich gesagt. Alles andere ist Privatsache", meint der in Hamburg lebende Sänger. "Doch die Medien haben beschlossen, meinen 60. groß zu feiern. Da kommt man nicht gegen an." Dass dabei oft Alkoholexzesse und Sex-Affären wieder zum Thema werden, nimmt er gelassen. "Für die Legendenbildung kann das nur gut sein", sagt er grinsend.

Bescheiden war Lindenberg, der die Vorzüge des Erfolgs schon immer als exzessiver Lebemann zu genießen wusste, noch nie: "Das Leben soll sich nach meinen Träumen richten und nicht umgekehrt." Am Anfang stand eine Art "Masterplan", den der aus dem westfälischen Gronau stammende Sohn des Installateurs Gustav und der Hausfrau Hermine bis ins Detail ausgeheckt hatte - getrieben vom Wunsch, "reich und berühmt" zu werden. In seiner Wahlheimat Hamburg entwarf er in Skizzen das Bild vom Rock-Revolutionär. "Markante Silhouette mit enger Beinbekleidung, torkelnde Lindi-Choreografie und deutsche Texte. Strategie-Papiere für den Weg vom Gully zum Gipfel", erzählt er und meint stolz: "Die Taktik ist aufgegangen."

Eigentlich erfolgreicher Schlagzeuger, trat Lindenberg Anfang der 70er Jahre in den Vordergrund. Nach dem Vorspiel - vom "Auftritt" als Fünfjähriger in der Stammkneipe des Vaters über die Trommelei im Hühnerstall bis hin zu Engagements bei Jazz-Größen wie Klaus Doldinger - gelang ein fulminanter erster Akt der Lindenbergschen Inszenierung: der Durchbruch mit "Andrea Doria" (1973) und dem Panikorchester. Singen konnte er kaum, nicht die Melodie gab den Ton an, sondern sein Sprechgesang - die Deutschen horchten auf. Das klang anders als alles, was bis dahin aus den Radios dröhnte. Schon das folgende Album "Ball Pompös" brachte Gold, Tourneen wie "Dröhnland" unter der Regie von Peter Zadek wurden zu Meilensteinen.

"Uns Udo" gehört zu Hamburg wie der Michel

Figuren wie Elli Pyrelli und Rudi Ratlos, Sprüche wie "keine Panik auf der Titanic" - Lindenberg wurde zum Synonym für eine neue Jugendsprache. Mehr als 40 Alben hat er herausgebracht, die Zahl seiner Lieder schätzt er auf rund 550. Doch der Künstler kennt auch die Tiefen des Showgeschäfts, aus denen er sich aber irgendwie immer wieder selbst rettete. "Ich dachte ja, dass ein solcher Exzessor früher von uns geht. Nun bin ich immer noch am Start und fühle mich sehr geschmeidig. Vielleicht liebt man mich auch für diese Schwächen", meint der Künstler, der sich selbst einen "VEB - Volkseigener Betriebs-Sänger" nennt. "Viele sehen in mir eine Art Kumpel, der auch mal durchhängt, sich aber dann wieder phönix-mäßig hochrappelt. Meistens duzt man mich sofort, ich finde das charmant", sagt "Uns Udo", der zu Hamburg gehört wie Michel und Reeperbahn.

Besitzer eines goldenen Trabis

Hut und Sonnenbrille, Vorliebe für Eierlikör und das Leben als Dauergast im "Atlantic"-Hotel - so erkennen ihn viele. "Doch nur die etwa zehn Leute in meinem Lindenclan können behaupten, mich richtig zu kennen", sagt Lindenberg, für den Freundschaft und Vertrauen das "höchste Gut" sind. Misstrauischer ist er geworden. "Zu Gesprächen habe ich mich schon nachts im Boot auf der Alster verabredet", sagt er und fügt schmunzelnd hinzu: "Manches in der Branche ist so geheim, dass man es nicht mal im Selbstgespräch erwähnen sollte." Von Plänen hat er sich nie abbringen lassen, an seine Träume stets geglaubt. Auch die Teilung Deutschlands wollte der Sänger ("Mädchen aus Ostberlin", "Sonderzug nach Pankow") und Besitzer eines goldenen Trabbis nicht akzeptieren, schrieb mit einem Konzert im "Palast der Republik" und der Lederjacke für Erich Honecker Geschichte.

Panikorchester im Fesselballon

Lindenberg hat sich selbst ein Denkmal gesetzt. Und er arbeitet gewissenhaft daran, es zu erhalten. Eine neue Platte erscheint im Herbst. Seinen Geburtstag will er später mit einem Luftkonzert in Ballons und Zeppelinen am Himmel über Berlin feiern. Auch die vom "highligen Panikgeist" beflügelte Malleidenschaft wird immer größer, rund 30 Ausstellungen zeigten schon seine Bilder. Angst hat "El Panico" nur vor Stillstand - und vor der Übermacht des eigenen Lebenswerkes. "Es ist manchmal schwer, mit der Zukunft gegen eine solche Vergangenheit anzukommen. Aber der ewige Pionier, der ich bleibe, hat schon schwierigere Dinger durchgemacht. Ein Seemann wie ich schaut sowieso nur vier Tage zurück, aber vier Jahre nach vorn. Und dann immer weiter, hinter allen Horizonten."

Dorit Koch/DPA / DPA
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