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Neue Mitsing-Formate: Warum im Chor singen wieder hip ist

Mein lieber Herr Gesangverein! Vom Kneipenchor bis zu Mitsing-Konzerten gibt es immer mehr Angebote für Laien-Sänger. Schiefe Töne? Egal. Warum der Chor wieder cool ist.

Hamburger Goldkehlchen

Und jetzt alle! Die "Hamburger Goldkehlchen" beim Singen

Giovanni Zarrella steht auf der Bühne, hinter ihm eine Band, vor ihm 900 Menschen, die alle nur eines tun: laut und inbrünstig singen. Sie schmettern den Robbie-Williams-Song "Angels" als ob es kein Morgen gäbe. Genau das ist gewollt bei diesem Konzert-Projekt. "You Sing - Du bist der Chor" heißt es und schreibt sich auf die Fahne, "der größte Chor Deutschlands" zu sein. Anfang des Jahres sind Zarrella und Co. damit durchs Land getourt, die Zuschauer als Sänger immer fest eingeplant. "Am liebsten hätten wir, dass der Mensch im Publikum sich so fühlt, als würde er auf der Bühne stehen", sagt Zarrella im Gespräch mit dem stern. Und das kommt an.

Lange galten Gesangverein und Männerchor als spießig, doch jetzt ist das Interesse am gemeinsamen Singen wieder groß. Bewusst vergleicht Zarrella die Mitsing-Konzerte mit Stadion-Gesängen, das kenne er aus Italien. "Ein Chor überträgt ein Gemeinschaftsgefühl. Jeder ist wichtig, gehört dazu und wird Teil von etwas Besonderem. Im Chor ist man ein Team - wie beim Fußball", sagt er. Schiefe Töne sind egal, jeder darf in der Masse seine Stimme laut werden lassen.

Egal ob Hipster oder Opa: Alle wollen mal wieder singen

Auch im Kleinen boomt das Singen momentan. Am Valentinstag machte im Netz ein Video des Männerchors "Die Hamburger Goldkehlchen" die Runde. 70 Männer zwischen 20 und 40 schmetterten darin inbrünstig den Barry-Manilow-Klassiker "Mandy" - die Augen geschlossen, die Hüften im Takt wiegend. Wohlgemerkt: Viele von ihnen sind hippe Jungs aus der Werbebranche. Innerhalb von 24 Stunden wurden der Clip 250.000 Mal angeklickt, bis das Ganze aus lizenzrechtlichen Gründen offline genommen werden musste. Dass die Songs mehr nach Fan-Gegröle als nach wirklicher Chorkunst klingen, stört keinen.

"Es geht einfach um den Spaß", sagt Chormitglied Hauke Jacobsen. "Das ersetzt im gesetzteren Alter für mich das Geklüngel mit den Jungs in der Fußball-Mannschaftskabine. Vom Gesang her manchmal auch", sagt er. Der 35-Jährige war sofort dabei, als Freunde den Chor gründeten - und das, obwohl auch er früher Vorurteile hatte. "Mein Vater singt seit 50 Jahren im Kirchenchor und hat mich immer bekniet, da mal mit hinzukommen. Aber das war nie wirklich sonderlich ansprechend, muss ich gestehen." 

Der Chor hat ein neues Image bekommen

Daniel Schalz von Deutschen Chorverband bestätigt, dass sich das Image verändert hat. "Das gemeinsame Singen hat mittlerweile wieder einen ganz anderen Stellenwert in der Gesellschaft als noch vor zehn oder 20 Jahren," sagt er. Über Jahrzehnte hätte den Sängern etwas Reaktionäres und Deutschtümelndes angehaftet. Seit dem Fall der Mauer gäbe es jedoch eine Entwicklung hin zur neuen Lust am Singen.

In den Großstädten sind zum Beispiel sogenannte Kneipenchöre angesagt, dort gibt's meist schon vor dem ersten Konzert einen Aufnahme-Stopp. Mitsing-Projekte wie "Hamburg singt" locken jede Woche Laien-Sänger zu den Proben. Dabei ist es egal, ob man einmal mitmacht oder jede Woche. Ein wichtiger Aspekt, weiß Daniel Schalz. 


"Die Gesellschaft wird immer mobiler, die Arbeitswelt flexibler und nur noch wenige bleiben ihr gesamtes Leben bei einem Arbeitgeber oder überhaupt an einem Ort. Deshalb sind die Menschen nicht mehr bereit, sich langfristig in Vereinsstrukturen einzubinden. Da aber auf der anderen Seite das gemeinsame Singen in den vergangenen Jahren einen enormen Aufschwung erfahren hat, haben niedrigschwellige Mitsingprojekte Konjunktur", erklärt Schalz das Phänomen.

Statistisch gesehen singen deshalb immer weniger Menschen im Chor - die neuen Mitmach-Chöre werden gar nicht erfasst. Trotzdem steige vor allem die Zahl an jungen Sängern kontinuierlich. Und die haben Spaß am Singen. "Die meisten kommen, weil Singen sie einfach glücklich macht!", sagt Giovanni Zarrella - der bei Robbies "Angels" sein Mikrofon weglegen kann. Das Publikum kommt auch ohne ihn klar.

Yousing Featurette Trailer


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