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Werkschau: Tocotronic feiern ihr zehnjähriges Bandjubiläum

Die Hamburger Indie-Rocker von Tocotronic haben anlässlich ihres zehnjährigen Bandjubiläums eine Werkschau mit allen Songs-Raritäten, Videos und diversen Tourspecials veröffentlicht.

Tocotronic sind erwachsen geworden. Im Jahr zehn nach der Bandgründung tragen die drei lieber schwarze Hemden statt wie früher Trainingsjacken, und der ungestüme Rumpelrock von damals ist längst einem durchdachtem Powerpop gewichen. Zum Jubiläum haben Dirk von Lowtzow, Jan Müller und Arne Zank eine Werkschau mit dem Titel "10th Anniversary" veröffentlicht. Enthalten sind eine CD mit allen 23 B-Seiten-Songs sowie eine DVD mit allen zwölf Videos und diverse Tourspecials.

Der taktisch klug gewählte Erscheinungstermin kurz vor dem verkaufsträchtigen Weihnachtsfest könnte misstrauisch machen. Doch ist der Doppelpack glücklicherweise keine billige Abzocke mit Ausschussware. Im Gegenteil enthält die CD jede Menge sehr gute Songs, die bis jetzt wohl nur wenige Fanatiker komplett im Plattenschrank hatten.

Zeitreise in die 90er

Vor allem Fans des Frühwerks kommen auf ihre Kosten. Wegbegleiter der Band können wie bei einer Zeitreise heute noch Mal erleben, wie aufregend es sich damals anfühlte, zum ersten Mal einen neuen Tocotronic-Song zu hören. Die verblüffende Vehemenz der Anfangszeit ist etwa in dem 1996 aufgenommenen Rocksong "Die 10-Uhr-Show" zu spüren, einer Coverversion der Band Huah! von Knarf Rellöm. Sehr gelungen ist auch die Gitarren-lastige und langsamer gespielte Version von "Gott sei Dank haben wir beide uns gehabt". Mit zu den Höhepunkten gehören das aus der Perspektive des trotzigen Außenseiters gesungene "Als Letzter auf der Bank" und das flotte "In der Überzahl", mit dem einmal mehr nervtötende Mitmenschen angeprangert werden ("Was soll der Kampf, was soll die Qual/ Sie sind ja sowieso in der Überzahl").

Entwicklung hin zum ausgefeilten Sound

Mit Punk-Attitüde und Garagen-Sound kommen "Diverse Menschen Deiner Stadt" aus dem Jahr 1997 und das Angst-Cover "The Weather's Fine" daher. Die Wende hin zum ausgefeilten Tocotronic-Sound der Gegenwart läutet das schleppende "Ja" ein, dessen Text einen großen Schritt in Richtung Abstraktion bedeutet. Das darauf folgende träumerische "Hifi Science Fiction", das Instrumentalstück "Manifesto" sowie das Turbonegro-Cover "Sailorman" und "22 No" sind dann bereits purer Pop.

Wackelige Bilder blutjunger Musiker

Der DVD-Teil hat mehr als zwei Stunden Spielzeit und enthält alle Videos der Band, denen man die Filmbegeisterung der drei ansieht. Großartig geriet zum Beispiel das mit liebevoller Trickanimation gebastelte Video zu "Freiburg V3.0", das DJ Console als Bösewicht und Tocotronic als zünftig verkleidete Superhelden zeigt. Sehr nett ist auch das auf ein wackeliges Amateur-Video gebannte Konzert der noch blutjungen Musiker aus dem Jahr 1994 im Art Club in Wien vor gerade mal 30 Gästen. Als Schnickschnack für Sammler beinhaltet die DVD zudem eine vollständige Diskographie mit allen Abbildungen der Plattencover.

Alles in allem lohnt die Geburtstags-Edition den Kauf, denn fürs Geld bekommt man quasi eine komplette CD mit "neuen" alten Songs und die Chance, die künstlerische Entwicklung einer der wichtigsten deutschen Bands der letzten Jahre in Bild und Ton zu verfolgen.

Torsten Holtz, AP / AP