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"Nie wieder Krieg" "Es ist hart, ein Freak zu sein": Tocotronic über ihr neues Album

Tocotronic
Sie sind Tocotronic: Bassist Jan Müller, Gitarrist Rick McPhail, (obere Reihe, v.l.), Schlagzeuger Arne Zank und Sänger Dirk von Lowtzow (untere Reihe, v.l.)
© Gloria Endres de Oliveira/ Universal
Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow und Gitarrist Rick McPhail über Musikmachen in Zeiten der Pandemie und das neue Album "Nie wieder Krieg".
Dies ist das vierte oder fünfte Interview, das ich mit Ihnen führe. So oft haben wir uns getroffen in den vergangenen Jahren. Jedes Mal hatte ich ein mulmiges Gefühl, so als müsste ich zu einer Deutsch-Leistungskurs-Prüfung.
Dirk von Lowtzow: Oh je! Das soll natürlich nicht sein. Wie kommt das?
Mein Eindruck: Sie erwarten tiefe Textkenntnis und eine Deutung, auf welche Filme, Bücher oder Kunstwerke Sie in Ihren Songs anspielen.
Dirk von Lowtzow: Hmm. Kommt das so rüber? Ist so nicht gemeint, wirklich nicht. Wir freuen uns, wenn wir bekannte Gesichter wiedersehen. Also, keine Sorge: keine Prüfung heute. 
Gut, dann keine Interpretation von mir, sondern die Frage zu den Texten auf Ihrem neuen Album "Nie wieder Krieg". Die klingen ganz anders als noch auf dem "Roten Album", das so eine tastende, assoziative Sprache hatte. Jetzt sind Sie konkreter und direkter.
Dirk von Lowtzow: Wenn man im Schaffensprozess steckt, bemerkt man solche Veränderungen gar nicht. Die passieren unbewusst und werden einem erst mit etwas zeitlichem Abstand klar. Aber es stimmt schon: Die Themen, die mich als Songwriter interessieren seit ein paar Jahren, sind existenzieller geworden. Zuvor war es spielerischer, und auf dem Album "Wie wir leben wollen" haben wir das auf die Spitze getrieben, bis ins Kalauerhafte.
Und das funktioniert heute nicht mehr?
Dirk von Lowtzow: Es würde unnötig abgehoben und elitär wirken, diese collagenhaften Sprachspiele passen irgendwie nicht mehr. Heute interessieren uns andere Themen wie Leben, Sterben und der Tod. Oder auch die eigene innere Zerrissenheit. Der Krieg, den man mit sich selbst führt.
Der Song "Jugend ohne Gott gegen Faschismus", die erste Single aus dem neuen Album, klingt – obwohl er einen sperrigen Titel hat – gar nicht so schwer und existenzialistisch.
Dirk von Lowtzow: Ja, vielleicht muss man an "Summer in the City" dabei denken. Ich hatte beim Schreiben eine Gruppe von Jugendlichen im Kopf, die Skateboard fährt und so durch den Tag driftet.
Einer Ihrer frühen Songs heißt "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein". Knüpfen Sie daran an?
Rick McPhail: Es geht generell darum, wie es sich anfühlt, ein Freak zu sein. Manche Menschen entscheiden sich bewusst Freaks zu werden, weil sie gegen etwas rebellieren wollen. Andere jedoch werden als Freaks geboren. Da ist es keine bewusste Entscheidung. Ich bin ein Freak geworden, weil mich eine bestimmte Musik und ein bestimmter Lebensstil interessiert hat. Und manchmal ist es hart, ein Freak zu sein, weil die Welt um einen herum das nicht so einfach akzeptiert. Da möchte man gern Teil einer Jugendbewegung sein, die einen auffängt und schützt. Ich wollte nicht auffallen – bin aber aufgefallen und habe auch dafür auf die Fresse gekriegt.
Haben es jugendliche Freaks heute leichter?
Rick McPhail: Ich denke schon. Die Elterngeneration hat begriffen, dass es nicht schlimm sein muss, ein Freak zu sein – und dass Andersartigkeit nicht unbedingt bedeutet, jemandem ans Bein pinkeln zu wollen.  
Ob Elterngeneration oder Freak oder Normalbürger – ein Problem beschäftigt derzeit alle: die Pandemie. Wie hat Corona die Produktion Ihres Albums beeinflusst?
Dirk von Lowtzow: Mitte 2018 habe ich das erste Stück geschrieben, "Nie wieder Krieg", die übrigen Stücke sind bis Ende 2019 entstanden. Dann haben wir geprobt, und wollten eigentlich im April 2020 ins Studio gehen. Das haben wir dann wegen Corona um zwei Monate verschoben. Der Plan war, das Album im Januar 2021 zu veröffentlichen. Wir kommen jetzt also ein ganzes Jahr später.
Verändert die Pandemie nicht die Wahrnehmung der neuen Songs? Wird jetzt nicht vieles gesellschaftspolitisch gedeutet, was ursprünglich als individueller Ausdruck gemeint war?
Dirk von Lowtzow: Gut möglich, dass da eine Transformation des Materials stattfindet. Die Lesart ändert sich, das finde ich extrem spannend.
Wie wichtig sind Live-Auftritte für Sie?
Dirk von Lowtzow: Im Sommer 2021 haben wir eine Reihe kleinerer Konzerte gegeben, Open-Airs, mit Bestuhlung und vor maximal 700 oder 800 Leuten. Wir haben die alten Sachen aus unseren Hamburger Jahren gespielt. Wir waren erst skeptisch, ob das das richtige Setting für ein Konzert sein kann – es hat aber wunderbar funktioniert. Wir haben die Auftritte sehr genossen, die Energie, die man da spürt. Wir haben richtig aufgeatmet.
Normalerweise bringen Sie alle zwei bis drei Jahre ein neues Album heraus. Arbeiten Sie jetzt schon an einem neuen, um den alten Rhythmus zu halten?
Dirk von Lowtzow: Nein, das wäre auch schwierig. Wir brauchen die Resonanz auf "Nie wieder Krieg", um etwas Neues zu schaffen. Ein Album ist immer eine Antwort auf das vorhergehende. Wir bringen jetzt "Nie wieder Krieg" raus, gehen ab März hoffentlich auf Tour – und dann fangen wir irgendwann mit der Arbeit an einer neuen Platte an.
Das neue Tocotronic-Album erscheint am Freitag, 28. Januar

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