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Kolumne

Die NEON-Singles – Gemeinsam einsam: Ich weiß jetzt, warum ich Single bin: Meine Arbeitszeiten sind schuld

In der Kolumne "Gemeinsam einsam" schreiben NEON-Singles über Tücken, die das ledige Leben mit sich bringt. Heute fühlt sich unser Autor beim Dating von seinem Beruf eingeschränkt.

Mann im Büro

Arbeiten, wenn andere frei haben, und frei haben, wenn andere arbeiten

Getty Images

Es war die Geburtstagsparty einer Freundin, es gab Sekt mit Mate, Bier, Kuchen und ein paar coole Leute in einer zu kleinen Wohnung. Ich saß auf dem Teppichboden neben einer Frau, die ich vor einer Viertelstunde noch nicht gekannt hatte, und weil wir so schön nebeneinander auf dem Teppichboden saßen, dachte ich an einen uralten Song der Hamburger Rockband Tocotronic: "Wie wir beide nebeinander auf dem Teppichboden sitzen".

Es geht darin um genau so eine Szene: Die Momente des Kennenlernens, wenn sich ein Mann und eine Frau zum ersten Mal unterhalten, zumindest einer den anderen interessant findet, und man noch nicht weiß, ob das der Anfang von etwas ganz Wunderbarem oder etwas ganz Furchtbarem ist:

Sag mir alles, was du weißt
Wo du wohnst und wie du heißt
Imponier mir, wenn du kannst
Fällt dir nicht schwer, ich weiß, denn ich bin ein Mann

Die Frau, nennen wir sie mal Lisa, hatte keine Ahnung, wer Tocotronic ist, aber das war nicht so schlimm. Aus der Viertelstunde wurde ein längeres Gespräch, aus dem Gespräch ein sehr regelmäßiger Chataustausch. Und aus dem Chataustausch ... sollte auf jeden Fall auch ein Treffen werden – das, was man wahrscheinlich ein Date nennen würde. Aber so einfach war das nicht.

Normale Leute haben abends Dates – ich sitze im Büro

Und das lag an meinem Beruf. Genauer gesagt an meinen Arbeitszeiten. An Mut, Lisa nach einem Treffen zu fragen, fehlte es mir nämlich nicht. Eher an Zeit für das Treffen selbst. Ich arbeite – unschwer zu erkennen – als Journalist und berichte dabei viel über Sportereignisse, vor allem im Fußball. Das ist eine wunderbare Art, sein Geld zu verdienen, mein Kindheitstraum. Aber eben ein Traum, der immer am Abend und Wochenende gelebt wird. Dann, wenn – so hat man es mir erzählt – Menschen mit normalen Arbeitszeiten Dates haben.

Das sind die Menschen, die am Montag um neun in ein Büro gehen, dort bis 18 Uhr an ihrem Computer sitzen und wahnsinnig wichtige Dinge mit Excel-Tabellen und in Meetings tun, diesen Lifestyle bis Freitag durchziehen und dann ins Wochenende starten. Mein Wochenende beginnt meistens am Sonntagabend. Die Woche in meinem Berufszweig sieht so aus: Montagabend Fußball, Dienstagabend Fußball, Mittwochabend Fußball, Donnerstagabend Fußball, Freitagabend Fußball, Samstagnachmittag Fußball, Sonntagnachmittag Fußball.

Arbeiten, wenn andere frei haben ...

Ich will mich gar nicht groß beschweren, aber besonders sozialfreundlich ist dieser Rhythmus nicht. "Wir arbeiten, wenn andere frei haben und haben frei, wenn andere arbeiten", hat ihn ein Kollege mal zusammengefasst und das Problem damit treffend formuliert. 

Das bedeutet nicht, dass ich kein Privatleben, keine Freunde und keine Hobbys habe, denn natürlich wird auch in dieser Branche (normalerweise) nicht an sieben Tagen in der Woche gearbeitet. Es heißt auch nicht, dass in meinem Leben jeder Abend der Arbeit gewidmet ist. Aber man will und muss ja auch noch Freunde treffen, Sport machen, Serien gucken, auf Konzerte gehen und anderes. Deshalb sind freie Abende in meinem Alltag eine sehr harte Währung. Einfach mal so spontan in einer Bar treffen oder am Wochenende wegfahren ist meistens nicht drin.

Für potenzielle Dates bedeutet das: Ich muss erst den Mut und die Entschlossenheit aufbringen, jemanden zu fragen: "Hey, sollen wir mal was trinken gehen?" (oder was man da so fragt), und falls zum Beispiel Lisa dann wirklich antwortet: "Ja klar, sehr gerne, wann denn?" (oder was Frauen dann so antworten), würde ich sagen: "Cool, ich kann in diesem Monat aber nur nächsten Dienstag und am Donnerstag in zwei Wochen. Oder vielleicht mal vormittags." Abgesehen davon, dass sich die Sache oft genug schon mit der Antwort von selbst erledigt – man kann sich das Problem hoffentlich vorstellen. Gelegenheit macht Liebe, sagt man. Und keine Gelegenheit, naja ...

Wann gibt's Tinder für Krankenschwestern, Barkeeper und Kellner?

In meiner Branche ist das sogar noch auf vergleichsweise hohem Niveau gemeckert. Die Freiheiten, sich zwischendurch auch mal einen Abend freizuhalten, sind da, und manchmal muss man sich einfach zwischen Geld und Zeit entscheiden. Aber das Thema kennen auch viele andere. Liebe Krankenschwestern, Feuerwehrleute, Barkeeper und Kellner, ich sehe euch nicken. Jeder, der im Schichtdienst, der Gastronomie oder der Unterhaltungsbranche arbeitet, weiß, wie es ist, bei sozialen Aktivitäten am Abend manchmal außen vor zu sein – sei es, weil man in der Zeit gerade seinen Dienst verrichtet oder ihn am nächsten Morgen früh antreten zu müssen.

Vielleicht wäre das eine Marktlücke für findige Start-Up-Gründer und die Lösung für die Probleme von uns Abendarbeitern: Eine Art Tinder für Menschen, die sich aus praktischen Gründen eher zum Kaffee oder Mittagessen verabreden als zu Dinner und Drinks. Lunch is business, Dinner is date? Nicht bei uns. 

Solange sitzen wir weiter am Schreibtisch oder stehen hinter dem Tresen, wenn andere auf der Couch liegen und Zeit hätten für Treffen, bei denen alles passieren kann. So wie das Treffen mit Lisa, das nach einigem Hin und Her dann doch irgendwann zustande gekommen ist. Was daraus geworden ist? Sagen wir so: Lisa ist nicht der einzige Grund, warum ich immer noch Single bin. Meine Arbeitszeiten auch nicht. Aber beide haben ihren Anteil daran.

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