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Zum Tod von Chris Cornell: Der Grunge frisst seine Kinder

Anlässlich des Todes des Soundgarden-Sängers Chris Cornell erinnert sich stern-Redakteur Hannes Roß an die Grunge-Helden seiner Jugend. 

Chris Cornell

Der frühere Soundgarden-Sänger Chris Cornell ist im Alter von 52 Jahren in Detroit gestorben.

Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk, sangen Tocotronic Mitte der 90er Jahre. Das war natürlich, wie eigentlich alles bei Tocotronic, so ganz unverfänglich halbironisch gemeint, aber es streifte trotzdem die Sehnsucht, die viele, die damals jung waren, mit sich herumtrugen. Seattle war damals ein Sehnsuchtsort. Nicht das Zuhause von des Coffee-to-Go Fabrikanten-Starbucks oder des Nerds Bill Gates, sondern die Geburtsstätte einer neuen, globalen popkulturellen Jugendbewegung namens Grunge.

Grunge bedeutet übersetzt Schmutz, und so klangen auch ihre Helden. Ihre Songs waren pure Energie, Splitterbomben aus Punk, Hard-Rock gepaart mit einer melodischen Weltschmerz-Melancholie. Here we are now, entertain us, lautet der Schlachtruf aller, die sich weigerten, auf der Ladefläche eines Lastwagens auf der Loveparade zu "Somewhere Over The Rainbow" einer Marusha herumzuhüpfen.

Chris Cornell starb mit 52 Jahren

Ich war einer dieser Grunge-Fanatiker. Ich verehrte Kurt Cobain, der noch als Heroin-Junkie wie ein Holzfällerhemd-Engel aussah. Ich versuchte Songs wie die von Eddie Vedder von Pearl Jam für meine Band zu schreiben, womit ich kläglich scheiterte. Und ich rannte auf jedes Konzert von Alice in Chains, den Stone Temple Pilots oder von Soundgarden, dessen Sänger Chris Cornell sich vor einem Tag das Leben nahm. Nach einem Auftritt mit seiner Band Soundgarden in Detroit hat sich Cornell, 52, Vater dreier Kinder, in seinem Hotelzimmer erhängt. 

Und wie es immer so ist, wenn ein Rockstar mit Drogenvergangenheit stirbt, steht das Urteil auf dem Boulevard des Todes schnell fest. Wie bei Kurt Cobain, der 1994 starb, wie beim Stone-Temple-Pilots-Sänger Scott Weiland, der vor zwei Jahren ums Leben kam, so soll auch Chris Cornell ein todgeweihter Ex-Junkie gewesen sein. Schwermütig, depressiv, nie ganz weg von Drogen. Die letzten Songs, die Chris Cornell auf der Bühne in Detroit sang, werden von der "Bild"-Zeitung analysiert, als fände man darin, die verschlüsselte Ankündigung seines Freitodes.

Ich halte es da lieber mit Neil Young, dem Godfather des Grunge. Wie heißt es noch mal in seinem Song "My, My, Hey, Hey"? The King is gone but he’s not forgotten.


Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.