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"Borgen" in der ARD: Dänische TV-Serie beeinflusst Politik

In Dänemark ist die Serie "Borgen" so populär, dass selbst "echte" Politiker von ihr beeinflusst werden. Die Rechtspopulisten beschimpfen das Programm dagegen als sozialdemokratische "Propaganda".

Was ist Realität, was erfunden, und wer passt sich wem an: Die Politik dem Medium Fernsehen oder umgekehrt? In Dänemark, Schauplatz verblüffend vieler international bejubelter TV-Serien voller Raffinesse, aber verblüffend oft auch primitiver populistischer Politik, hat eine Serie über die erfundene Ministerpräsidentin Birgitte Nyborg für neue Antworten gesorgt. So durchschlagend war der Erfolg von "Borgen - Gefährliche Seilschaften", dass die reale Kopenhagener Politik die Serie in ihre Aktivitäten einbezogen hat. Die ARD zeigt die Serie von diesem Freitag (23.45 Uhr) an als Wiederholung - sie lief im Februar 2012 bereits auf Arte.

Die konservative Opposition, aus dem "richtigen" Parlament, startete eine Initiative zum kontroversen Thema Prostitution punktgenau zu dem Sonntag, an dem sich TV-Regierungschefin Nyborg (gespielt von Sidse Babett Knudsen) im "fiktiven" Parlament gegen die Kriminalisierung von Sex-Käufen aussprach. "Ich gebe zu, dass ich dachte, es ist doch smart, das als Hebel zu benutzen", verriet Parteisprecherin Mai Henriksen der Zeitung "Politiken". Es passte, dass die bei den Zuschauern extrem populäre "TV-Ministerpräsidentin" dieselbe Meinung zum Thema vertrat wie nun in den Nachrichtensendungen die konservative Oppositionsfrau.

Die Macher der mit drei Staffeln in 60 Länder verkauften Erfolgsserie von Danmarks Radio (DR) werden nicht müde, den Unterhaltungsaspekt herauszuheben. Man orientiere sich schon an der Realität, aber setze doch alles "in einen dramatischen Zusammenhang", sagte Drehbuchautor Autor Adam Price in "Politiken". Er meinte weiter: "Dann ist es nicht länger Wirklichkeit.".

Dänemarks "The West Wing"

Das sehen die als Architekten von Dänemarks harter Ausländerpolitik stark gewordenen Rechtspopulisten der Dänischen Volkspartei (DF) anders. Ihre Sprecher protestierten und polterten gegen "Borgen" als "Propaganda" für die Regierung der Sozialdemokratin Helle Thorning-Schmidt. Katrine Winkel Holm, für DF im DR-Beirat, schrieb auf ihrem Blog: "Wir bekommen eine Brigitte Nyborg serviert, so schön und sympathisch und natürlich, dass sie Thorning-Schmidt wie eine Bewohnerin von Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett erscheinen lässt."

In der Serie steht immer wieder, mal realistisch, mal kitschig, das bewegte Privatleben der Politikerin Nyborg im Zentrum. Sie hat viel Liebeskummer, bekommt Kinder und Job nicht unter einen Hut, kämpft mit Brustkrebs und muss hässliche Intim-Enthüllungen in Boulevardzeitungen verkraften. Die "echte" Regierungschefin, später ins Amt gekommen als Birgitte Nyborg auf den Bildschirm, hat Ähnliches erlebt. Bei dem inzwischen gescheiterten Versuch, Thorning-Schmidts britischen Ehemann Stephen Kinnock als Steuerflüchtling anzuschwärzen, machten auch Behauptungen über angeblich spezielle sexuelle Neigungen Schlagzeilen.

Bei DR freut man sich über die heimische und internationale Resonanz auf "Borgen". Weniger froh war der Sender, als er die Vermengung von Fiktion und Wirklichkeit in Nachrichtensendungen zugeben musste. Vor der Neujahrsansprache von Thorning-Schmidt zerbrachen sich Kommentatoren vor der Kamera den Kopf, was die Regierungschefin ihren Mitbürgern wohl für das neue Jahr auf den Weg geben würde. Hinterher mussten sie zugeben, dass sie die Rede längst gehört hatten. Kurz danach hatte DR in Nachrichtensendungen über eine Protestdemonstration zorniger Bank-Aktionäre im Städtchen Hjørring berichtet. Es stellte sich heraus, dass die TV-Crew selbst die "Demonstranten" gesammelt, passende Protestschilder gemalt und die "Konfrontation" zwischen Aktionären und Managern arrangiert hatte.

Thomas Borchert, DPA / DPA
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