"Der Rassist in uns" auf ZDF Neo Die unerträgliche Leichtigkeit des Rassismus


Mit einem beklemmenden sozialen Experiment zeigt ZDF Neo, wie sich Fremdenfeindlichkeit anfühlt. Die Opfer: Blauäugige, getriezt von Braunäugigen - eigentlich ein Fall für das ZDF-Hauptprogramm.

Die Rollen sind bereits bei der Anmeldung vergeben. Keiner der 40 Teilnehmer ahnt, was in den nächsten Stunden des Workshops auf ihn oder sie zukommt. Der Plan lautet: Blauäugige sollen gezielt diskriminiert und erniedrigt werden - von Braunäugigen, den "Tätern". Mit der Doku "Der Rassist in uns", die am Donnerstagabend ausgestrahlt wurde, will ZDF Neo zeigen, "wie Vorurteile entstehen" - und dass jeder Mensch jederzeit zum Opfer oder zum Täter werden kann.

Jürgen Schlicher, Anti-Rassismus-Trainer und Leiter des Workshops, steht zu Beginn vor einem Mann mit Glatze, der sich in eine Liste eintragen soll. Stattdessen schauen sich die beiden lange an. Bis Schlicher irgendwann fragt: "Kann es sein, dass du möchtest, dass ich dir Hallo sage?" Eine junge Frau fragt er: "Hast du irgendeinen nervösen Tick, der dich zwingt immer so blöd zu grinsen, wenn du mich anguckst?"

Psychoterror als Schikane

Das Duzen, der unfreundliche Ton, die Feindseligkeit - all das ist schon zu Anfang Teil der Schikane, um die Blauäugigen zu verunsichern. Das gesamte Experiment über wird der Mann im schwarzen Anzug sie herablassend und autoritär behandeln. Zu den Braunäugigen dagegen ist Schlicher freundlich und zuvorkommend. Dafür sammelt er zwar immer wieder ungläubige Blicke - aber niemand sagt etwas, wehrt sich, begehrt auf. Das, so der Tenor der Sendung, zeigt, wie leicht sich Menschen manipulieren lassen.

In einem abgetrennten Raum schwört Schlicher die Privilegierten auf ihre Aufgabe ein. Mit zum Teil absurden Argumenten: Wie etwa dem, das fehlendes Melanin in blauen Augen mehr Sonnenlicht hereinlasse und so die Hirnzellen zerstöre - weswegen Blauäugige dümmer seien. Es folgt kurzes Gekicher, aber alle hören brav zu, was der Leiter zu sagen hat. Später werden die "Opfer", die über eine Stunde in einem anderen Zimmer ausharren mussten, dazugeholt. Der Psychodruck geht weiter. Alles unter der Videobeobachtung zweier fachkundiger Professoren, die dem Zuschauer immer wieder erklären, was da gerade passiert.

"Bin über mich erstaunt"

Es lässt sich darüber diskutieren, wie aussagekräftig die Erkenntnisse tatsächlich sind. Bemängeln könnte man beispielsweise, dass soziale Experimente davon leben, dass die Teilnehmer nicht wissen, worum es geht. Was in diesem Fall aber nur auf den ersten Blick der Fall ist. Denn der Hintergrund des "Workshops" hätte den Teilnehmern im Laufe des Experiments recht schnell deutlich werden können. Im gesamten Raum hingen große Transparente mit eindeutigen Botschaften: "Blauäugige neigen verstärkt zur Kriminalität", "Blauäugige ruinieren unser Bildungssystem". Geht es noch offensichtlicher?

Die Teilnehmer gaben im Anschluss an, durchaus etwas mitgenommen zu haben. "Ich bin über mich erstaunt, dass ich nicht nach meinen Werten gehandelt habe und doch etwas gelähmt war", sagt der braunäugige Omid. "Die blauäugige Rolle war gut, um mal diesen Druck zu spüren, der von außen kommt", stellt eine andere Teilnehmerin fest.

Lob in sozialen Netzwerken

Die Reaktion der Zuschauer fiel überwiegend positiv aus. Auf der Facebook-Seite von ZDF Neo nannten Nutzer die Doku "sehr verstörend, sehr empörend, aber sehr sehr wichtig". Vereinzelt gab es auch Kritik. So empörte sich ein Kommentator darüber, dass Jürgen Schlicher "einfach nur seine Workshops vermarkten" möchte.

Die Reaktionen auf Twitter

Hier geht es zu der Sendung in voller Länge.

Von Kim Schwarz

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