"Goldene Kamera" Gala mit Kindertisch


In Berlin wurde zum 43. Mal die "Goldene Kamera" verliehen. Thomas Gottschalk hat mal wieder moderiert, Robert de Niro mal wieder einen Preis bekommen. Chuck Berry las ein Gedicht vor. So richtig zur Sache ging es nur, als die Jünglinge von Tokio Hotel eintrafen.
Von Alexander Kühn

Bei Familienfeiern hat es sich stets als Vorteil erwiesen, einen extra Kindertisch einzurichten: Den Erwachsenen erlaubt er eine ungestörte Unterhaltung; die Kinder können soviel Pommes essen und Cola trinken, wie sie wollen, sie dürfen schmatzen und kleckern - vor allem aber müssen sie sich nicht das Gerede der Erwachsenen antun.

Mag sein, dass die Buben von Tokio Hotel froh waren, dass man beim Dinner nach der Preisverleihung nicht Hellmuth Karasek, Guido Knopp oder Vicky Leandros neben sie platziert hatte zwecks generationenübergreifender Konversation. Gut möglich, dass sie sich überhaupt fragten, was sie hier sollten: beim Fest dieser "Hörzu", die irgendwann mal, als die Welt noch schwarzweiß war und Oma jung, ein zeitgemäßes Fernsehmagazin gewesen sein muss. Partystimmung jedenfalls war in den Gesichtern der vier Jungmusiker nicht zu lesen.

Stunden zuvor, am Roten Teppich, sieht es so aus, als finde im Axel Springer Verlag an diesem Mittwoch ein Tokio-Hotel-Fanclubtreffen statt mit angeschlossener Preisverleihung. Für die aufgeregten kleinen Mädchen am Teppichrand ist das auch. "Wir wollen Tokio Hotel! Wir wollen Tokio Hotel!" Hoffnung macht alles, was vier Räder hat, jeder Shuttlebus wird mit Kreischen begrüßt. Und dann steigt doch wieder nur Rudi Cerne aus oder Walter Sittler. Irgendwann beschließen die Kinder, sich auch über eine ankommende Barbara Schöneberger zu freuen oder über Nina Ruge, deren lila Schleppenkleid neckisch im Wind flattert.

"Ist das Jessica Schwarz?"

Eine mittelalte Dame überreicht weiße Rosen an die Helden ihrer Jugend, Dieter Kürten und Dieter Thomas Heck ("Dankeschön, mein Schatz!"). Von Rolf Schimpf, dem gerade pensionierten "Alten", wird sie leider übersehen. Ansonsten Rätselraten. Junger Mann zu seinem Kumpel, als Klaus Meine von den Scorpions vorfährt, mit Mütze undGa Sonnenbrille: "Wer ist das da?" Antwort: "Bono, glaub ich! Fotografier!" - "Und der da?" - "Schauspieler. Fernsehen." - "Ist das Jessica Schwarz?" - "Nee, Jasmin Tabatabai."

Als Tokio Hotel endlich vorfahren, tut der "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann einem zum ersten Mal im Leben leid. Fast zeitgleich mit den vier Jungs entsteigt er seiner Limousine, und man fürchtet ein bisschen, er werde gleich weggepustet von der Kreischwelle der pubertierenden Mädchen, von "Bill"- und "To-ki-oooooo!"-Rufen, aber Diekmann ist Manns genug, den Schützengraben würdevoll zu durchschreiten, unbeschadet gelangt er in die Ullstein-Halle, die Gelfrisur sitzt.

Bussi für Gottschalk

Was die Gäste an diesem Abend erwartet, erklärt Thomas Gottschalk beim Warm-up: "Es geht schön los mit Musik, Beifall und - na ja, ihr kennt das ja." Worauf er sich zweieinhalb Stunden lang bemüht, seine nunmehr elfte Moderation der Springer-Werbe-Gala so zu gestalten, dass man tatsächlich das Gefühl hat, man kenne das alles bereits: hier ein Chauvi-Spruch, dort ein Lob für Maybritt Illners Figur, schließlich die völlig verzichtbare Information, dass er Hilary Swank vor der Verleihung ein Bussi geben durfte.

Was wird im Gedächtnis bleiben von der 43. Verleihung der Goldenen Kamera? Robert de Niro, der zwei Oscars zuhause hat und einem trotzdem das Gefühl vermittelt, er freue sich über einen Preis aus Deutschland, was von seiner großen Schauspielkunst zeugt. Til Schweiger, der es nicht schafft, eine Lobrede ordentlich vom Teleprompter abzulesen. Alfred Biolek und Helen Schneider, gemeinsam singend: "Sah ein Knab ein Röslein stehn". Stefan Raab, der von der Bühne zu Chuck Berry hinunterruft: "I play guitar, too." Was diesen ziemlich ratlos schauen lässt, nicht ganz so ratlos allerdings wie später das Publikum, als wiederum Chuck Berry einen nicht enden wollen Gedichtvortrag über den Saal ergießt.

Und das Zwischenmenschliche? Filmproduzent Atze Brauner, 89, liegt bei der After Show Party in einem cremefarbenen Sessel, im Arm eine geschätzt 30-Jährige, deren Rücken und Beine er tätschelt. Marie-Luise Marjan ist in Begleitung eines jungen Mannes gekommen, und wenn die beiden fotografiert werden, sagt Frau Marjan, man solle jetzt nichts Falsches denken: "Er ist ein Kollege. Seit neun Jahren spielt er in der Lindenstraße. Er ist bisher nur noch nicht so wahrgenommen worden." Man muss ihr unterstellen, dass sie das gut meint.

Stefan Aust genießt seine "Ferien"

Dieter Thomas Heck, der im vergangenen Jahr nicht ganz freiwillig in Ruhestand gegangen ist, sagt in eine ZDF-Kamera, dass man mit dem Zweiten besser sehe. Das ist ungefähr so, als würde Stefan Aust an diesem Abend für den "Spiegel" werben, der ihn tags zuvor als Chefredakteur in den ewigen Urlaub geschickt hat. Und wie Aust so mit Frank Elstner plaudert und mit RTL-Gründer Helmut Thoma und wie er mit Stefan Raab scherzt, hat man fast den Eindruck, er genieße seine Ferien. Und Tokio Hotel? Wenn alles noch Plan gelaufen ist, sind sie noch in der Nacht aufgebrochen, nach Übersee, um die amerikanische Jugend mit ihrer Musik zu beglücken.


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