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"Jamies Hühnerhölle": Starkoch killt Küken

Er kocht wieder, aber diesmal mit schalem Beigeschmack: Jamie Oliver, Großbritanniens kulinarische Hoffnung, lässt mit seiner einmaligen Show "Jamies Hühnerhölle" einen verstörten Zuschauer zurück - und will auch genau das erreichen.

Von Annabel von Gemmingen

Ein plötzliches Zittern durchfährt die Brust, breitet sich bis in die Federspitzen aus. Nach fünf Sekunden - einer gefühlten Ewigkeit - hängt das Huhn endlich reglos da. Anstelle des ängstlichen Piepsens bahnt sich nun aus dem Schnabel ein Rinnsal Blut seinen Weg.

Bilder, die wirken - und auf deren Wirkung es Jamie Oliver in seinem neuesten Fernsehstreich "Die Hühnerhölle" auch abgesehen hat. Großbritanniens Starkoch, Küchenmissionar und Weltverbesserer setzt nach seinem letzten Erfolgsprojekt "Feed Me Better" (zu Deutsch "Ernähr mich besser") noch eins drauf: 2005 krempelte der 33-Jährige in einer mehrteiligen Fernsehreihe die Essgewohnheiten an Großbritanniens Schulen um, brachte den mit Junkfood aufgewachsenen Kids bei, dass Zucchinis keine Gurken und Fischstäbchen nicht von Natur aus eckig sind. Jetzt, drei Jahre später, will er auch die Erwachsenen in ihrem Konsumverhalten umerziehen.

Je billiger das Fleisch, desto armseliger das Hühnerleben

Dafür lädt der 33-Jährige zu einem feinen Gala-Dinner mit köstlichen Variationen von Huhn und Ei. Was die geladenen Gäste jedoch nicht wissen: Während der einzelnen Gänge wird sie der Starkoch auf eine Reise in die Abgründe der Eier- und Hähnchenfleischproduktion Großbritanniens mitnehmen, von der Aufzucht sogenannter Frankensteinhühner über die Schlachtung bis hin zur Weiterverarbeitung. Je billiger das Fleisch, desto armseliger das Hühnerleben, so lautet die immer wiederkehrende Botschaft des Briten, der er mit zahlreichen Bildern, Filmen und Vorführungen drastisch Nachdruck verleiht. Manchem wird da der Bissen im Halse stecken bleiben, aber längst nicht jedem. Denn Jamie Oliver schart für seine Geflügel-Lehrstunde - im Original heißt die Sendung "Jamie's Fowl Dinners" - nicht nur Verbraucher, sondern auch Bauern und Nahrungsmittelproduzenten um sich. Eine heikle Mischung.

Noch gewagter sind jedoch die Mittel, derer sich Jamie Oliver für seine Lehrstunde bedient: Wenn kleine, süße Küken vor laufender Kamera mit Kohlendioxid vergiftet werden und wie in Zeitlupe in sich zusammensacken, wenn einzelne Frauen im Publikum angesichts dieser perfekt inszenierten Tragödie in Tränen ausbrechen, dann macht sich auch beim Zuschauer zu Hause Entsetzen breit. Der Sympathieträger und zweifache Familienvater Jamie Oliver, der soeben noch von den "süßen", "flauschigen" Vögelchen schwärmte, wirkt urplötzlich wie ein gefühlskalter Moderator, gibt sich - ganz in schwarz gekleidet - wie der Totengräber höchstpersönlich. Auch er wird im Laufe der Sendung noch ein Hühnerleben auf dem Gewissen haben. Trotzdem gelingt es ihm, die Zuschauer bis zum Ende der Sendung in seinen Bann zu ziehen. Und das ist die eigentliche Meisterleistung des Meisterkochs James Trevor Oliver.

Selbst für Liebhaber des Splatterfilms ist das gewöhnungsbedürftig

Das Skandalöse an den Tiertötungen in "Jamies Hühnerhölle" sind weniger die Tötungsakte selbst als vielmehr das Umfeld, in dem sie geschehen: im Rahmen eines gesetzten Essens, vor den Augen der (erwartungs-)hungrigen Gäste und vor laufenden Fernsehkameras. Selbst für Liebhaber des Splatterfilms ist das gewöhnungsbedürftig, denn reales Blut ist nun einmal unappetitlicher als Ketchup.

Jamie Oliver weiß das und reizt den Gemütszustand des Zuschauers bis ins Unerträgliche. Das Publikum ist Teil seines Kochshowexperiments. Bisweilen schießt er dabei allerdings über sein Ziel hinaus. Denn wenn der selbsternannte "Naked Chef", der mit seinen Fernsehauftritten und Kochbüchern längst Millionär geworden ist, in einer Szene durch einen dunklen Hühnerstall geistert, vorbei an tausenden von Legebatterien und nur vom Pfeifen des Windes begleitet, dann hätten diese Bilder Ausdruckskraft genug. Doch leider ergießt sich der Sprechselige in sinnlosen Sätzen wie "Das haut mich echt um", "Das halte ich nicht aus" und "Das macht mich echt fertig". Das klingt weniger nach echter Betroffenheit, als nach dem Versuch einer medienwirksamen Gefühlsduselei. Auch die Vermenschlichung der Hühner, zu der sich Jamie Oliver bisweilen hinreißen lässt, wirkt bei einem Koch irgendwie fehl am Platz. In einer Show, in der es weniger darum geht, den Zuschauer zum Vegetarier zu machen, als ihn zu bewußterem Konsumverhalten zu erziehen, ist sie ohnehin unangebracht.

Und trotzdem verfehlt die Sendung, die in Großbritannien bereits im Januar zu sehen war, ihre aufrüttelnde Wirkung nicht: Am Ende ist man erleichtert, dass die Show vorbei und man keines dieser in Folie geschweißten, gerupften Hühner aus dem Supermarkt ist. Was bleibt, ist das schlechte Gewissen und der Vorsatz, beim nächsten Griff ins Kühlregal vielleicht doch einmal zur Biohuhnvariante zu greifen.

"Jamies Hühnerhölle", Montag, den 14. Juli, um 21.15 Uhr auf RTL2

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