HOME
TV-Kritik

"Let's Dance": Die Show muss weitergehen: Schwanensee, Kartoffelsäcke und purer Sex bei "Let's Dance"

John Kelly krank, Moderatoren mit Sicherheitsabstand, aber die Show muss – noch – weitergehen: Auch ohne Publikum wurde beim RTL das Parkett poliert. Loiza und Andrzej durften abtanzen.

Von Ingo Scheel

Renata Lusin und Moritz Hans tanzten eine Rumb

Renata Lusin und Moritz Hans tanzten eine Rumba und bekamen dafür 24 Punkte

TV Now

Keine Gruppentänze, keine Bussis: Daniel Hartwich und Victoria Swarovski ebenso wie Motsi Mabuse, Joachim Llambi und Jorge González auf Sicherheitsabstand – man wolle ein bisschen Zerstreuung in die Wohnzimmer bringen, so lautete das Credo bei "Let's Dance" am Freitag. Das gute, alte Linearfernsehen angesichts von Netflix-Drosselung und steigendem Bedürfnis nach Pantoffelkino auf dem Weg zurück zum Status "Lagerfeuer der Nation"?

Ganz so einfach liegt die Sache dann doch nicht. Leere Stuhlreihen, wo sonst dem gestrengen Llambi die Emotionen der Zuschauer in den Nacken schwappen, das ist ein Bild, an das man sich nur schwer gewöhnt. Auch die gut gemeinte, dennoch den Hauch des Morbiden verströmende Schlussidee, Fotos von Gästen auf die Stühle zu pinnen, bietet in Zeiten von Corona kaum Ersatz für tatsächliche La Olas und echten Applaus.

Drama im Dreivierteltakt

Hatte man sich jedoch erst einmal an den leeren Saal gewöhnt, dann bot sich ausreichend Kurzweil zwischen eleganter Performanz, Schränkeschieben und schweißtreibenden Hebefiguren. Von Tijan Njie und Kathrin Menzinger gab es direkt zum Auftakt das ganze große Drama im Dreivierteltakt, mit Nebel und Headbanging und viel Grandezza. "Ich schmelze wie eine Schokolade", bekannte der auch publikumslos chronisch freidrehende Jorge González.

24 Punkte der Lohn, ein Wert von dem Loiza Lamers und Andrzej Cibis im Anschluss nur träumen konnten. Immerhin 16 Punkte gab es für die in Teilen rumpelige Rumba zu James Arthurs "I'm Naked", für Gonzaléz mit Blick auf seine mitgebrachte Vespertüte zumindest appetitanregend, begann der hochbehackte Juror doch hier mit dem Verzehr einer Banane.

Salsa ohne Schärfe

Schon an dritter Stelle folgten Laura Müller und Christian Polanc, die dem Einspieler nach eine eher spaßbefreite Trainingswoche hinter sich gebracht hatten. "Ich trage nur Tanzpartner, keine Kartoffelsäcke", so Polanc über die latent probefaule "Drama Queen" an seiner Seite. Den Charleston brachten die beiden dann aber doch angemessen albern und engagiert aufs Parkett – 24 Punkte der Lohn.

Wenig mehr als die Hälfte – 13, um genau zu sein – konnten danach Ulrike von der Groeben und Valentin Lusin nach Hause schwofen. Ihrer Salsa fehlte jegliche Schärfe, für Llambi bewegte sich das Groeben'sche Fransenkleid ‚nur oben', statt unten, was Gonzaléz wiederum dazu brachte, eine Kostprobe seiner Tanzskills zu geben, eine zappelige Ad-hoc-Choreo zwischen Lady Bump und Gothic-Huhn.

Höchstwertung der Saison

Eine eigene Klasse für sich waren schließlich Luca Hänni und Christina Luft, die mit ihrer Contemporary-Einlage, einer Darbietung zwischen Ringkampf, Pilates und nachlässig gekleidetem Ausdruckstanz, fulminante 30 Zähler auf dem Tableau verbuchen konnten, die erste Höchstwertung der Saison.

Am ganz anderen Ende der Skala rangierten Sükrü Pehlivan und Alona Uehrlin: Zwischen Jogginghosen-Jive und Dorfkirmes war der Song "Marmor, Stein und Eisen bricht" noch das Beste an ihrer Nummer. 11 Punkte, der karge Lohn, "koordinierter als letzte Woche", so das zartbittere Lob von Motsi Mabuse.

Ab heute Abend tanzt Michael Wendlers Freundin Laura Müller bei "Let's Dance" mit.

Auch Martin Klempnow machte es an der Seite von Marta Arndt kaum besser, hatte aber immerhin ein Kostüm an, das die Jury ausreichend von seinen Bewegungen ablenkte, irgendetwas zwischen Sergeant Pepper, Zirkusdirex und schlecht geschminktem Graf Krolock. Nach Klempnows von Herzen kommenden Dank an Polizei, Feuerwehr, Verkäuferinnen, Krankenschwestern, Pfleger, Ärzte und Ärztinnen in dieser schweren Zeit, verteilte die Jury solide 18 Punkte.

"Mehr Zeit zum Fummeln"

Drei Zähler weniger, das Ergebnis für Ilka Bessin und Erich Klamm, zwischen denen es unter der Woche beim Training des Paso Doble schon gebritzelt hatte, die jetzt jedoch bei ihren Drehbewegungen im Saale an Szenen aus dem Film "Immer Ärger mit Bernie" erinnerten. Als Cindy aus Marzahn schon immer gekonnt im Austeilen, entpuppte sich La Bessin allerdings ebenso solide im Einstecken. "Kritik bringt einen immer nach vorn", so ihre Reaktion nach dem Urteil, vielleicht geht es ja in der kommenden Woche bei ihr etwas, nun ja, runder in den Bewegungen vonstatten.

Die beiden letzten Paare schließlich wieder am oberen Ende der Skala. "Ich bin Chili, sie eher Basilikum", so hatte Massimo Sinató noch die Temperamente zwischen sich und Partnerin Lili Paul-Roncalli verteilt. Als es drauf ankam, entpuppte sich die Zirkuskönigin dann jedoch als Vamp, "mit jeder Pore ihres Körpers", der Lohn: 28 Punkte. Auf immerhin 24 brachte es das letzte Duo des Abends, Moritz Hans und Renata Lusin, die sich jenem Tanz widmeten, der gemeinhin "purer Sex" sein soll. Ganz so erotisch wurde es nicht, auch wenn Daniel Hartwich noch einwarf, dass angesichts des Rausgeh-Verbots jetzt ja eigentlich "mehr Zeit zum Fummeln" sein.

Den Gruppentanz ließ man angesichts von Abstandsvorschriften aus, zeigte stattdessen Aufnahmen vom Training unter der Woche. Die Girls vs. Boys-Competition – Schwanensee gegen Michael Jackson – entschieden die Männer mit 8:6 für sich. Am Ende erwischte es Loiza Lamers und Andrzej Cibis, die sich nun wohl in die eigenen vier Wände zurückziehen dürften. Ob sich die restlichen Paare in der nächsten Woche ein erneutes Stelldichein geben, erscheint angesichts der dynamischen Nachrichten- und Ereignislage zumindest fraglich.