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"Mystery Montag": Dinosaurier und Endzeit-Apokalypse

Es ist ein Drahtseilakt: Zwei frisch importierte Serien starten auf Pro Sieben. Sie balancieren zwischen niveaulosen, dennoch großartigem Fernsehtrash und erschreckend-dümmlichen Mystery-Murks. Die Absturzgefahr dabei: überaus groß.

Von Till Frommann

Schon die Kurzzusammenfassungen der Serien lassen den Trashfaktor erahnen: Bei "Primeval" gelangen Dinosaurier und andere Viecher über ein Zeitportal in die Gegenwart und tyrannisieren Großbritannien. Wenn gleich zu Beginn ein Einkaufswagen durch das Bild rollt, ist das nicht als Konsumkritik zu verstehen - so tiefsinnig ist die Serie nicht. Schon ein paar Sekunden später taucht der erste Dinosaurier auf. Hier wird sich nicht lange damit aufgehalten, das Erscheinen der Attraktion künstlich herauszuzögern. Bevor die Zuschauer umschalten, werden sich die Macher gedacht haben, geben wir ihnen, was sie sehen wollen.

Und umschalten werden die Zuschauer nicht, dafür ist "Primeval" viel zu spannend, die Action viel zu gut inszeniert und die Charaktere angenehm klischeelastig, jedoch mit einem Quentchen Selbstironie: Der Held ist heldenhaft und rattert heroisch klingende Phrasen herunter - ein "Such dir jemanden in deiner Größe!" in Richtung Urzeitmonster geraunt, ist großspurig, ja, genial größenwahnsinnig. Der Wissenschaftstrottel ist, nun ja, trottelig, aber ein begabtes Wissenschaftsgenie. Aber auch die weiblichen Hauptrollen sind klischeehaft - jedoch im Lara-Croft-mäßigen Sinne und keine, sagen wir, sterbende, hilflose Schönheit wie zum Beispiel die weiße Frau aus "King Kong". Und Professor Nick Cutter? Ist der tragische Held, der seit Jahren glaubt, dass seine Frau gestorben ist, jedoch Indizien findet bei einem Ausflug durch dieses mysteriöse Zeitportal, dass sie dort irgendwo Forschungen angestellt hat und womöglich noch lebt. Hach ja, die Welt ist klein - selbst über verschiedene Zeitdimensionen hinweg.

Handpuppenartige Dinosaurier-Animation

Produziert wurde diese großartig Gehirn-entspannende Unterhaltung für den britischen Fernsehsender ITV und Pro Sieben selbst. In Großbritannien war der Sechsteiler ein Erfolg: Durchschnittlich hatten etwa sechs Millionen Zuschauer bei der Dinojagd zugesehen. Produzent Tim Haines hatte bereits Dinosaurierfilme gedreht, jedoch eher im Dokumentarfilmbereich, zum Beispiel den 1999 entstandenen "Dinosaurier - Im Reich der Giganten". Doch trotz seiner so gesammelten Erfahrungen sehen die Effekte zwar manchmal sehr gut aus, sind fast auf Jurassic-Park-Niveau, in einigen Einstellungen hingegen wirken sie leidlich billig, und die Monster sehen vollkommen unecht aus. In einer Szene bedroht zum Beispiel ein Dinosaurier einen flüchtenden Jungen, indem dieser sich durch das Fenster im ersten Stockwerk eines Hauses Zugang verschafft. Das sieht ein wenig so aus, als sei das Viech eine Handpuppe, und unterhalb des Fensterrahmens muss ein Puppenspieler sein, denkt man sich, der das Maul des Sauriers bewegt. Ist aber keine Klappmaulpuppe, sondern computeranimiert. Nur nicht besonders gut.

"Jericho" nimmt sich viel zu ernst

In "Jericho", die Serie, die direkt im Anschluss an "Primeval" folgt, geht es um das vermeintlich letzte Dorf, das von den Folgen eines atomaren Angriffs verschont wurde. Im Gegensatz zu "Primeval" stürzt "Jericho" schon nach ein, zwei unsicheren Schritten komplett ab. Sie ist schrecklich-schauerlich schlecht, widerlich kitschig und nur schwer zu ertragen. "Jericho" nimmt sich viel zu ernst. In einer Rede des Präsidenten ist in der ersten Folge von "globalen Spannungen" die Rede, von Terrorismus, und kurze Zeit später explodiert eine Atombombe, etwas später eine weitere.

Schon allein an den verschiedenen Heldentypen der beiden Serien zeigt sich die Qualität: Dort, bei "Primeval" ein heroischer Held mit witzigen Einzeilern à la "Hasta la vista, baby", wie man sie aus vielen Actionfilmen kennt. Hier nun, bei "Jericho", rettet Jake Green, der in seine Heimatkleinstadt zurückgekehrte Nestflüchtling, pathos-triefend per Luftröhrenschnitt ein Mädchen und lässt sich daraufhin von den Bewohnern feiern.

Zuviel emotionaler Weichspülerei

Ist Jericho nun also der einzige Ort, der überhaupt noch nach einem atomaren Krieg existiert? Und was ist überhaupt geschehen? Niemand in der Kleinstadt weiß es, weil Jericho von der Zivilisation abgeschnitten ist - doch interessant ist diese Sinnsuche nicht: Nach einem Brei aus Gefühlsduselei, Kitsch und Durchhalteparolen des Bürgermeisters ("Wir können gegen jeden kämpfen!"), nach einer Familiengeschichte, die vollkommen aufgesetzt ist und nach mehreren Gähnanfällen auf Grund von Langeweile trotz Atompilzen reicht es. Was zu viel ist an emotionaler Weichspülerei, ist zu viel.

Der amerikanische Fernsehsender CBS hatte angekündigt, "Jericho" abzusetzen, doch viele Fans demonstrierten dagegen - sie wollen eine Fortsetzung. Zu hoffen ist, dass es die Verantwortlichen bei ihrer gefällten Entscheidung belassen.

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