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"Orpheus" im Thalia Theater: Beim Zeus - das rockt!

Wild, laut, erfrischend, etwas wirr und herrlich durchgeknallt. Das Hamburger Thalia-Theater geht mit "Orpheus - Eine musikalische Bastardtragödie" in die neue Spielzeit.

Thalia Theater

Die neue Spielzeit im Thalia Theater in Hamburg ist am Freitag mit "Orpheus  - Eine musische Bastardtragödie" eröffnet worden.

DPA

Willkommen in der Unterwelt! In diesem Theaterstück rockt der Hades. Orpheus ist da unten angekommen und sucht im Reich der Toten seine geliebte Eurydike. In Antu Romero Nunes' sehr freier Bearbeitung der Sage sind die beiden Hauptpersonen Frauen. Orpheus (Lisa Hagmeister),  eine coole Sängerin, liebt die stumme Eurydike (Marie Löcker). Viel Zeit haben sie nicht auf Erden. Eurydike stirbt durch die Hand des geilen Zeus, und Orpheus, fast wahnsinnig vor Trauer, singt so schöne und betörende Trauerlieder, dass selbst die Götter ein Einsehen haben, und ihm die Tore der Unterwelt öffnen.

Er könne seine Geliebte wieder mit ins Reich der Lebenden nehmen. Nur eines darf er auf dem Weg dorthin nicht machen – sich nach Eurydike umdrehen.  Aus dieser Handlung formt der Thalia-Hausregisseur Nunes ein Theater-Spektakel, eine wilde Mischung aus Musical, Performance, Pantomime, Rezitationen, Ballett und Slapstick.  Ein sehr souveränes Frauenquintett spielt live aus dem Off einen Soundtrack, der zwischen kräftigen, rockigen Beats und Schwermut pendelt. Es wird wild und sehr schön getanzt,  man liebt, stirbt, lebt wieder, blödelt, zitiert Klassiker und am Ende fehlt eigentlich nur noch Falco, der singt: Dra di nit um“.

Eine enthemmte, geile, eitle Schar von Überwesen

Dieser Versuchung hat Nunes widerstanden. Ansonsten ist ihm – wie immer – wenig heilig. Der 34-Jährige baut gern aus Versatzstücken seiner jeweiligen klassischen Vorlagern verspielte Lego-Burgen von betörender Schönheit und lässt auch an diesem Abend seine Schauspieler alles zeigen, was sie können: sprechen, tanzen, blödeln, kämpfen, brüllen, singen. Voller Körpereinsatz ist gefragt. Marie Löcker turnt als Eurydike beeindruckend wuchtig über die Bühne, Lisa Hagmeister agiert sperriger, singt aber besser. Und die Götter (Sebastian Zimmler, Pascal Houdus, Sven Schelker, Björn Meyer und Bekim Latifi) agieren wie Untote auf Speed. Eine enthemmte, geile, eitle Schar von Überwesen, die über Leben und Tod herrscht. Was das alles nun soll, weiß man nicht so genau, aber es macht Spaß, ihnen beim Wüten zuzusehen.

Zwischendurch liefert Nunes auch mal Gedankenschweres, lässt Nietzsche und Schiller zitieren. Aber er kennt auch die Mythen der Pop-Kultur. Sein Zeus faucht böse und gefährlich wie die Zombies aus dem Horror-Klassiker "I am Legend" mit Will Smith. Auch dort geht es um Leben inmitten des Todes.

"Nix für mich. Das ist ein Stück für junge Leute", grantelte ein betagter Zuschauer kopfschüttelnd beim Verlassen des Gebäudes. Recht hat er. Aber gut abgehangenes Theater für den älteren Zuschauer gibt es ja genug. 

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