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Asyl-Theater im Thalia: Den Flüchtlingen eine Bühne

Elfriede Jelinek hat eine wütende Anklage gegen die europäische Asylpolitik geschrieben. Im Hamburger Thalia Theater erzählen neben den Schauspielern auch Flüchtlinge von ihrem Schicksal.

My name is John. I live in container. I hope I can stay in Germany." - Mit großen, müden Augen blickt der afrikanische Flüchtling in Nahaufnahme von einer Videoleinwand am Ende der Bühne auf die Zuschauer im Hamburger Thalia Theater. Davor laufen andere afrikanische Flüchtlinge auf und ab, setzen sich in Gruppen auf den Boden und diskutieren lebhaft miteinander. Plötzlich stehen alle auf, gehen nach vorne und stellen sich an der Bühnenrampe auf. Mit hochgestreckten Armen rufen sie im Chor: "We fight for freedom. Freedom is everybody's right. We want here to stay!"

Ein Jahr nach der Urlesung in der St.-Pauli-Kirche hat das Theaterstück "Die Schutzbefohlenen" von Elfriede Jelinek, 67, am Freitagabend nach seiner Uraufführung in Mannheim Premiere in Hamburg gefeiert. Das Publikum spendete begeisterten Applaus für die zweistündige Inszenierung von Nicolas Stemann, die mit Videos und Live-Musik die Doppelmoral im Umgang mit Flüchtlingen in Europa anprangert. Die österreichische Literaturnobelpreisträgerin verknüpft dabei die heutigen Tragödien von Asylsuchenden mit Motiven und der Form des antiken Dramas "Die Schutzflehenden" von Aischylos.

Anklage an die scheinheilige, westliche Gesellschaft

Unmittelbarer Anlass für die Autorin, dieses Stück zu schreiben, war eine Protestaktion von größtenteils aus Pakistan stammenden Flüchtlingen, die die Wiener Votivkirche besetzten, um auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen. In zornigen, wütenden Sätzen gibt sie den Flüchtlingen eine Sprache, um die Scheinheiligkeit der westlichen Gesellschaft anzuklagen, die sich auf humanitäre Werte beruft, sie nach Ansicht der Autorin aber nicht für alle gelten lässt. Als Beispiel nennt Jelinek unter anderem die "Blitzeinbürgerung" der Sängerin Anna Netrebko und der Tochter von Russlands früherem Präsidenten Boris Jelzin in Österreich.

Regisseur Stemann ist sich des Problems bewusst, wenn weiße Schauspieler in die Rolle von schwarzen Flüchtlingen schlüpfen sollen. So übernehmen zunächst drei Schauspieler (Sebastian Rudolph, Felix Knopp und Daniel Lommatzsch) die Rolle der Flüchtlinge, die jedoch nach und nach von Barbara Nüsse und zwei dunkelhäutigen Schauspielern (Thelma Buabeng und Ernest Allan Hausmann) abgelöst werden. Mit schwarz und weiß bemalten Gesichtern sowie parodistischen Einlagen machen die Darsteller auch auf Rollen-Klischees aufmerksam. Authentischer und ergreifender sind jedoch die Szenen, wenn im zweiten Teil die echten Flüchtlingen über ihre Erfahrungen berichten.

Ein Schandfleck für Europa

"Heute sind wir in dieser Kirche. Aber wo werden wir morgen sein?", fragt einer der 16 afrikanischen Flüchtlinge der Gruppe "Lampedusa in Hamburg", die vor dem Bürgerkrieg in Libyen flüchteten und über die italienische Insel Lampedusa vor zwei Jahren nach Hamburg kamen. Seitdem kämpfen sie für ein Bleiberecht in der Hansestadt. Nachdem 80 Flüchtlinge monatelang in der St.-Pauli-Kirche lebten, haben einige von ihnen mittlerweile eine Duldung erhalten, ihre Zukunft ist aber nach wie vor ungewiss. "Uns wird nichts erlaubt, obwohl wir gerne arbeiten würden. Aber das ist nicht gewollt", sagt einer von ihnen.

Und so bricht die Wirklichkeit in die Welt des Theaters. Denn es stellte sich die Frage, wie die Flüchtlinge angemessen bezahlt werden können. Die meisten von ihnen haben einen Duldungsstatus, aber keine Arbeitserlaubnis. Man einigte sich schließlich auf eine ehrenamtliche Mitwirkung gegen Aufwandsentschädigung. "Aber letztlich geht es nicht um das Theater, sondern um eine immer brisanter werdende gesellschaftliche Situation: Denn die Flüchtlingsströme nehmen massiv zu und es stellt sich die Frage, wie wir helfen können, ohne uns zu überfordern - in Hamburg, in Deutschland, in Europa. Gleichgültig, wie man diese Frage beantwortet: Lampedusa ist ein Schandfleck für Europa und gewiss keine Lösung", meinte Intendant Joachim Lux.

Carola Große-Wilde, DPA / DPA